Erfahrungsbericht zur Teilnahme an der Studie zur Wahrnehmung und zum Erlernen beschleunigter Sprachevon Steffen Beck

In ihrer Ausgabe 03/2011 veröffentlichte die „Retina Aktuell“ einen Aufruf der Neurologischen Klinik der Universität Tübingen zur Teilnahme blinder und sehbehinderter Menschen an einer dort stattfindenden Forschungsstudie zur Wahrnehmung und zum Erlernen von beschleunigter Sprache. Eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Hermann Ackermann und Ingo Hertrich untersucht die neuronalen Grundlagen und Mechanismen der Sprachwahrnehmung. In der Studie soll geklärt werden, warum blinde und sehbehinderte Menschen in der Lage sind, beschleunigte Sprachwahrnehmung zu erlernen und so das bis zu Vierfache der normalen Sprachgeschwindigkeit (ca. 20 Silben/Sekunde) wahrnehmen können. Die Mechanismen, die dabei eine Rolle spielen, sollen identifiziert werden und letztlich auch die Frage beantwortet werden, weshalb normal sehende Menschen nicht zu einer beschleunigten Sprachwahrnehmung in der Lage sind.

Ich leide unter einer klassischen CNV bei frühgeburtlich bedingter pathologischer Myopie, wodurch sich mein Sehvermögen am rechten Auge in der Zeit von September 2010 bis August 2012 auf etwa 8 % reduziert hat. Das linke Auge ist bereits seit Geburt blind. Nach Kenntnis der Diagnose sah und sehe ich in der akustischen Sprachwahrnehmung eine Möglichkeit, meinen Visusverlust wenigstens teilweise wieder ausgleichen zu können. Daher meldete ich mich als Proband für die Studie an. Ich hatte mir inzwischen einen einfachen Screen Reader für meine heimische PC Arbeit zugelegt, das damit erzielte Tempo entsprach aber den Testeinstufungsbedingungen.

Ende Oktober 2011 wurde ich zu einem ersten Termin in der Neurologie der Uni Tübingen eingeladen. Zuerst wurden Einstufungstests im Kernspintomografen (MRT) und Magnetencephalographen (MEG), sowie diverse Hörtest durchgeführt, die ich weiter unten näher beschreiben werde. Ich bekam einen Laptop mit vorinstalliertem Screen Reader „Jaws“ ausgehändigt. Ich sollte nun täglich eine Stunde üben und langsam die Sprachausgabe beschleunigen. Als erstes Etappenziel wurde für alle teilnehmenden Probanden das “Jaws“ Tempo 105 angepeilt. Das Tempo der täglichen Umgangssprache dürfte bei ca. 60 – 70 („Jaws“ - Tempo) liegen, dies sind nach meinen Erfahrungen ca. 220 Wörter je Minute.

Zum besseren Verständnis und Einordnung möchte ich im folgenden Text diesem speziellen Softwaretempo das Silbentempo pro Sekunde und das Worttempo je Minute mit angeben. Den Minutenwert habe ich mit „Zoom Text“; einer kombinierte Vergrößerung – und Screen Reader Software ermittelt; es handelt sich also um rein subjektive Werte.

Das „Jaws“ Tempo 105 entspricht also ca. 13,9 Silben/Sekunde oder 290 Wörter je Minute, im folgendem Text in Klammern mit drei durch Schrägstrich getrennten Werten dargestellt („Jaws“ Tempo/Silben je Sekunde/Wörter je Minute lt. „Zoom Text“).* Als Erfahrungswert für die Erlerndauer wurde ein Zeitraum von etwa 3 Monaten angegeben, der natürlich individuell abweichen kann.

Zum Üben stellte das Forschungsteam in Zusammenarbeit mit dem Reha Technikanbieter Papenmeier deren Software Papenmeier News Reader sowie ein Zeitungsabonnement meiner Wahl zur Verfügung. Dies ermöglichte mir, die „Süddeutsche Zeitung“ kennenzulernen und diese hervorragende Zeitung täglich zu lesen. Man lädt die Zeitung mittels der Software einfach täglich als Textdatei herunter, wodurch die manchmal lästige Interneteinwahl entfällt. Da ich auch das Magazin „ Der Spiegel“ als E Paper beziehe, besaß ich so ausreichend Lesestoff. Außerdem ermöglichte mir mein Arbeitgeber MGL METRO GROUP Logistics Warehousing GmbH den Einsatz des Screen Readers an meinem PC-Arbeitsplatz, sodass ich diese auch arbeitsbegleitend einsetzen und kennenlernen konnte. Neugierig und hoch motiviert machte ich mich ab dem 30. Oktober 2011 an die täglichen Übungen. Die Leseübungen begannen für mich mit dem „Jaws“ Tempo 85, (85/9,3/260). Um vergleichbare Testbedingungen zu gewähren, mussten alle Probanden mit dem gleichen Eloquence Vokalizer (synthetisches Computerstimmenprofil) arbeiten, obwohl es auch andere Stimmenprofile gibt, die individuell als angenehmer empfunden werden (z.B. „Steffi“).

Die Bedienung des Laptops und die Nutzung des für mich ebenfalls neuen Betriebssystems Windows7 lernte ich recht schnell; ich kann mir aber vorstellen, dass dieser Aspekt für ältere, computerunerfahrene Probanden bestimmt eine große Herausforderung war. Zum Beginn der Übungen hatte ich aber auch einige Startschwierigkeiten zu überwinden. Die Bedienung des Screen Readers war schon sehr anspruchsvoll. Ich wollte schließlich so viele Einsatzmöglichkeiten wie möglich erschließen und testete deshalb Internetseiten, PDF-Dokumente und Office Dokumente. Mitte Januar 2012 hatte ich mein Ziel erreicht und beherrschte das angestrebte Tempo für den ersten Zwischentest. Am 18. Februar 2012 wurde ich zur Untersuchungen und zweiten Messung nach Tübingen eingeladen. Zuerst wurden Messungen der Gehirnaktivitäten beim Hören von Textsequenzen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten im MEG gemessen.

Was muss man sich darunter vorstellen? Das MEG misst mit einem Ganzkopfsystem, in dem über 275 Messeinheiten in einer Haube untergebracht sind, die Magnetströme des Gehirns. Diese entstehen aufgrund der elektrischen Ströme, welche bei Verarbeitungsprozessen jeglicher Art im Gehirn auftreten. Anschließend erfolgte ein Hörtest in einer Schallschutzkammer des Klinikums. Ich musste vorgespielte Sätze wiederholen. Die meiste Zeit jedoch nahmen die Messungen im MRT in Anspruch. Die Kernspintomographie (auch als Magnet-Resonanz-Tomographie - MRT- bezeichnet) ist ein medizinisches Bildgebungsverfahren zur Darstellung von Organen und Geweben mit Hilfe von Magnetfeldern und Radiowellen. Das Verfahren arbeitet im Gegensatz zu Röntgenuntersuchungen (konventionelles Röntgen, Computertomographie) nicht mit ionisierenden Strahlen, es entfällt also derartige Strahlenbelastung. Während dieser anspruchsvollen Untersuchung wurden mir ebenfalls synthetische Textsequenzen mit unterschiedlichem Tempo vorgespielt, die ich aufmerksam zu verfolgen hatte, während meine Gehirnaktivitäten gemessen wurden.

Die Mitarbeiter der Forschungsgruppe um Frau Borutta und Frau Dr. Dietrich kümmerten sich nicht nur um gute Rahmenbedingungen (Anfahrt und Unterbringung), sondern während der Untersuchungen auch um eine entspannte, familiäre Atmosphäre. Mit viel Engagement und persönlichen Einsatz arbeitet das Team auch an vielen Wochenenden an der Studie. Die Tests konnten oft nur an Wochenenden stattfinden, da das MRT wochentags im Klinikbetrieb den Patienten des Uniklinikums zur Verfügung stehen muss. Das kam mir als berufstätiger Proband entgegen. Zudem ermöglichte es mir, gemeinsam meiner Frau an den betreffenden Tagen in meiner Freizeit die schöne Region und Städte wie Tübingen und Stuttgart kennen zu lernen.

In der anschließenden letzten Etappe der Lernstudie konnte nun jeder Proband selbstständig das Tempo nach seinen Möglichkeiten weiter erhöhen. Ich begann also unmittelbar nach der zweiten Messung mit Tempo 111(111/15,9/330) und arbeitete mich bis Juli 2012 an das Tempo 120 (120/18,6/ 380) heran. Das Hören so schneller Sprache erfordert große Konzentration und ist auch, abhängig von der persönlichen Tagesform, nicht durchgängig möglich Am 03.08.2012 war es geschafft; die oben beschriebene Abschlussmessung habe ich mit 18 Silben je Sekunde erfolgreich gestaltet (119/18/370).

Die Möglichkeiten der beschleunigten Sprachausgabe sind für mich persönlich zu einem unentbehrlichen Hilfsmittel geworden. Mir war und ist es aber wichtig, mit dem Erkennen beschleunigter Sprache ein Werkzeug zur Teilhabe am Leben im wahrsten Sinne des Wortes zu haben. Das Lesen im Allgemeinen, sowie die Beschäftigung mit für mich interessanten Geschehnissen in der Welt, in Politik, der Gesellschaft und dem regionalen Umfeld sind mir sehr wichtig. Ich kann dieses Interesse dank der mir zur Verfügung stehenden Mittel weiterhin, trotz starker Sehbehinderung nutzen. Aufgrund meiner guten Erfahrungen möchte ich alle Betroffenen ermutigen, sich mit der Alternative der Sprachausgabe zu beschäftigen. Es kann eine gute Ergänzung zur Bewältigung fehlenden Sehens sein.

Bilder während der Untersuchungen am UK Tübingen

Untersuchung im UK Tübingen am MRTUntersuchung im UK Tübingen am MRT

Untersuchung im UK Tübingen am MEGUntersuchung im UK Tübingen am MEG

UNtersuchung im UL Tübingen  im SchallschutzraumUntersuchung im UK Tübingen im Schallschutzraum

Soundbeispiele am Beispiel des Berichtes „Besuch des Obst – und Weingutes Pesterwitz!

Zuletzt geändert am 12.07.2013 12:09