Diagnostik in der Augenheilkunde

Anlässlich unseres Regionalgruppentreffens am 18. September 2010 sprach PD Dr. Antje Neugebauer, Universitäts-Augenklinik Köln, über die Diagnostik in der Augenheilkunde, dort zuständig für den Bereich der Schielbehandlung von Kindern (Abteilung Schielbehandlung und Neuroophthalmologie).

Dr. Neugebauer erklärte den Aufbau des Auges mit dem vorderen und hinteren Augenabschnitt und die das Auge umgebenden sechs Augenmuskeln, die für die Dreh-, Auf- und Abwärtsbewegungen der Augen in alle Richtungen zuständig sind. Zudem sorgen die Muskeln dafür, dass sich die Stellung der beiden Augen zueinander in einem stabilen Gleichgewicht befindet.

Direkte Betrachtung des Auges

Als Augenpatienten sitzen wir dem Augenarzt gegenüber, bei der Untersuchung oftmals zwischen uns die Spaltlampe. Doch wie stellt sich die Spaltlampe, deren Erfindung auf den schwedischen Nobelpreisträger Allvar Gullstrand (1862 - 1930) zurückgeht, aus Ärztesicht dar? Die Spaltlampe ist mit einem Mikroskop mit Beleuchtungsvorrichtung vergleichbar. Der Lichtstrahl wird schräg auf das Auge geworfen und durch die brechenden Medien des Auges (Hornhaut, Linse, Glaskörper) bis zur Netzhaut geschickt und zurückgeworfen. So ist dem Arzt ein detaillierter Blick auf sämtliche Augenabschnitte inclusive der äußersten Netzhautareale (gegebenenfalls unter Zuhilfenahme einer Lupe oder eines Kontaktglases) möglich, und dieses in sechs- bis vierzigigfacher Vergrößerung. Zur Orientierung, wo sich etwaige Veränderungen etwa auf der Netzhaut befinden, dienen die Uhrzeiten als gedachtes sonnenstrahlenförmiges Gitternetz und die Angaben "temporal" (für Schläfe) und "nasal" (für Nase), so dass auch die Zuordnungen zu dem rechten oder linken Auge eindeutig sind. Auf der Netzhaut sind weiterhin wichtige Orientierungspunkte die Makula, die Sehgrube innerhalb der Makula, der Sehnerv und die großen Blutgefäße, die die Makula umgeben.

Die indirekte Betrachtungsweise

Durch eine indirekte Betrachtungsweise des Augenhintergrunds mit Hilfe einer Beleuchtungsquelle auf der Nase und einer Lupe in der Hand erhält der Augenarzt einen guten Überblick über die Netzhautareale. Hierbei erscheint das Bild für den Arzt umgekehrt und seitenverkehrt. Wir als Patienten schauen auf Aufforderung in verschiedene Richtungen, so dass der Arzt die entsprechenden Netzhautgebiete erfassen kann.

Das OCT

Quasi eine „Schichtaufnahme“, einen Querschnitt der Netzhautschichten, liefert das OCT (Optische Kohärenztomografie). Licht wird auf das zu betrachtende Gewebe geworfen und je nach Gewebeschicht unterschiedlich reflektiert. Der Arzt erhält so ein Bild, das fast einem feingeweblichen Schnitt durch die zehn Schichten der Netzhaut vergleichbar ist und erhält Aussagen über den Zustand der Netzhaut: Gibt es innerhalb der Schichten Löcher, Verdickungen, Verdünnungen, Aufwölbungen, wie sieht es mit der Struktur der verschiedenen Zellschichten aus?

Elektrophysiologische Untersuchungen

Besonders bei Verdacht auf hereditäre Netzhauterkrankungen, Netzhautdegenerationen oder bei Verdacht auf Erkrankungen der Sehbahn wird der Patient zu einer Spezialuntersuchung in die Elektrophysiologie einbestellt. Hier werden mit verschiedenen Untersuchungen die Summenantworten der Sehzellen, der Stäbchen und Zapfen, auf Lichtreize gemessen. Auch die Reaktion der anderen Netzhautzellen (Horizontal-, Bipolar-, Ganglienzellen) wird ermittelt und ob etwaige Veränderungen in der nachgeschalteten Sehbahn bestehen. Anhand der gemessenen Reaktionspotenziale und -zeiten ist es möglich, Krankheitsbilder zu differenzieren.

Erhärtet sich der Verdacht auf eine genetisch bedingte Netzhauterkrankung, sind genetische Untersuchungen sinnvoll. Mittlerweile ist eine Fülle von Genen, die im Zusammenhang mit hereditären Retinopathien stehen, bekannt.

Für die Diagnose ist es sehr wichtig, die hier beschriebenen Untersuchungen in ihrer Gesamtheit zu betrachten und daraus Schlüsse zu ziehen. Eine Betrachtung aller Ergebnisse liefert dann mögliche Aussagen über eine Prognose und Aussagen zu einer Therapie.

Was ist eine Tonometrie?

PD Dr. Neugebauer kam dann zur Glaukomdiagnostik. Mit der Tonometrie wird der Augeninnendruck gemessen. Über die Augenhintergrundsbetrachtung erhält der Arzt Aussagen über das Aussehen des Sehnervenkopfes, der auf zu hohen Druck mit Schäden reagieren kann. Diese äußern sich für den Patienten als Gesichtsfeldausfälle an typischen Stellen.

Bestimmung der Brechkraft bei kleinen Kindern

Die Brechkraft der Augen wird bei Kindern objektiv durch die Skiaskopie ermittelt. Zur Bestimmung eines Sehschärfenäquivalents bei kleinen Kindern, die noch nicht sprechen können, erfährt der Arzt eine Reaktion durch das "preferential looking", also die Reaktion des Kindes mit seiner Körpersprache auf den gerade eben visuell angebotenen Reiz als erfolgte Wahrnehmung.

Beispiele für Sehleistungen im Gehirn

Im Hirnstamm als Teil des zentralen Nervensystems ist beispielsweise die Regulation der Augenbewegungen verankert. Auch das Binokularsehen ergibt sich im Gehirn, beide Augen sind günstigstenfalls mit gleich großen Arealen im visuellen Kortex repräsentiert. Wenn im frühen Kindesalter zum Beispiel aufgrund von vorwiegend einseitigem Schielen oder ungleicher Brechkraft der Augen oder durch ein krankhaft herabhängendes, die optische Achse verlegendes Oberlid ungleiche Seheindrücke vom rechten und linken Auge an das Gehirn geleitet werden, bildet eventuell ein Auge nicht genügend Nervenverbindungen zum Gehirn aus und wird sehschwach, wenn keine Behandlung eingeleitet wird.

Wir danken Dr. Neugebauer recht herzlich für den sehr informativen Vortrag, mit dem sie uns die Diagnostik in der Augenheilkunde aus der Sicht des untersuchenden Arztes erklärt hat!

Zuletzt geändert am 19.12.2013 10:15