Professor Dr. Dr. h. c. mult. Heribert Meffert, Initiator des AMD-Netzes

Diagnose AMD gibt Marketingprofessor neue Lebensaufgabe

Studenten, ob in Betriebswirtschaft, Marketing oder Kommunikation, haben seine Bücher gelesen. Jedem in der Fachwelt ist sein Name ein Begriff. Über Deutschlands Grenzen hinaus gilt er als ,Marketing Papst‘: Professor Heribert Meffert. In seinem Leben hat der gebürtige Oberlahnsteiner vieles vorangebracht, viel bewegt, geforscht und sich nie mit ersten Ergebnissen zufrieden gegeben. Und auch heute, mit 78 Jahren, ist er immer noch ein gefragter Marketingexperte, arbeitet weiter an der Wilhelms-Universität in Münster und begleitet dort Studenten bei ihren Dissertationen.

Doch vor zehn Jahren verlagert sich der Schwerpunkt seines Denkens. Diagnose: Altersabhängige Makula-Degeneration (AMD). Seither forscht er, wie Menschen mit der Erkrankung besser leben und besser unterstützt werden können. Deshalb gründet er 2011 – unter anderem in Zusammenarbeit mit PRO RETINA – das AMD-Netz NRW e. V.

Das medizinisch-soziale Netzwerk soll Patienten, Ärzte, soziale Organisationen und Versorger näher zusammenbringen. „Denn nur, wenn alle Akteure Hand in Hand arbeiten, können wir unser übergeordnetes Ziel erreichen: die Lebensqualität der AMD-Erkrankten nachhaltig zu verbessern“, so Meffert, der aus eigener Erfahrung weiß, wo die Patientenversorgung manchmal nicht optimal funktioniert.

Dem Marketing-Experten Heribert Meffert hat die Krankheit also eine neue Aufgabe, einen neuen Lebenssinn gegeben. Im Privaten nötigt die AMD Meffert weiterhin Kreativität und Flexibilität auf, um seinen Alltag gestalten zu können. „Das Beste an dieser Krankheit ist“, sagt er, „dass ich nicht ganz erblinde.“ Von Ängsten aber ist er trotzdem nicht verschont.

"Von nun an rede ich frei. Ich kann nicht mehr gut lesen. Ich habe eine Sehstörung, eine Augenkrankheit."

Heribert Meffert war schon einige Jahre krank, als das geschah, was er heute den Durchbruch im Umgang mit der Krankheit nennt: Er musste wieder ein mal einen Vortrag halten. Eine Lobrede auf einen wichtigen Menschen. Er wollte, wie immer, genau sein, keine Details vergessen. Er bereitete ein Manuskript vor, wie in all den Jahren, in denen er so oft öffentlich gesprochen hatte. Mit Mühe, Buchstabe für Buchstabe, schrieb er den Text an seinem Videomantik Lux, einer Weiterentwicklung der Mikrofiche-Geräte. Er ging aufs Podium, begann seine Rede. Las, ein wenig mühsam, ab. Dann hob er das Manuskript hoch und sagte: „Von nun an rede ich frei. Ich kann nicht mehr gut lesen. Ich habe eine Sehstörung, eine Augenkrankheit.“

Jetzt hatte er sich zu seinem Leiden bekannt, brauchte sich nicht mehr verstecken. Heute – wie kürzlich auf einem großen Kongress in Leipzig – hält er meist nur noch die einleitenden Worte einer Rede selbst. Den weiteren Text, den er immer noch an dem Gerät ausarbeitet, das mehr zeigt als ein herkömmliches Lesegerät, liest ein Mitarbeiter.

Die Leidenschaft für seine Wissenschaft begann schon früh in den 60er Jahren. Werbung, Öffentlichkeitsarbeit und die anderen Strategien dessen, was man heute Marketing nennt, waren noch nicht erforscht. Meffert entdeckte als einer der ersten Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland ihre Wirkungsweise und Notwendigkeiten. Er baute in Münster das erste Institut für Marketing an einer deutschen Hochschule auf und leitete es viele Jahre lang. Es folgten Berufungen an Universitäten nach Frankfurt, Hamburg, Konstanz und Bern, letztlich blieb er aber Münster treu. Professor Meffert führte daneben das Leben eines Nimmermüden: Er war Gründungsmitglied der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Marketing und Unternehmensführung e. V. und im Jahr 1999 gründete er gemeinsam mit zwei namhaften Kollegen das Marketing Center Münster (MCM). Auch in den Aufsichtsräten von BASF, Henkel, Kaufhof war er aktiv und wurde nach seiner Emeritierung an der Uni Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung.

Ein erfolgreicher Lebensweg – sowohl beruflich als auch privat: Da ist seine Frau. Sie ist bis heute an seiner Seite und unterstützt ihn in allen schwierigen Situationen, die durch die AMD entstehen. Da sind seine zwei Söhne und seine Tochter, die ihre eigenen Wege gehen. Wege, auf die der Vater stolz ist. Acht Enkel gehören zur Familie.

Doch plötzlich gerät dieses Leben ins Wanken. 2005, er wurde gerade 68 Jahre alt, werden die Augen schlechter. Nicht nur so ein bisschen, wie das beim Älterwerden oft so ist, sondern schlimmer. Das spürte er sofort. Er erkannte Gesichter nicht mehr klar. Dabei ist Heribert Meffert ein Augenmensch. Während des Studiums hat er als Landschaftsfotograf Geld verdient.

An das Sinnesorgan Auge wenden sich auch Firmen mit der Gestaltung von Produkten und ihrer Werbung. „Mir ist klarer als je zuvor, wie wichtig ein Logo ist, das jeder sofort wiedererkennen kann und das durch Form und Farbe unverwechselbar und deutlich ist“, sagt er. „Wenn ich heute einen Brief bekomme, muss ich schnell das Logo finden, um den Absender zu erkennen.“

Als die Erfahrungen mit den schiefen Linien, den verschwommenen Gesichtern noch neu waren, drängte ihn seine Frau zum Arztbesuch. Und dann die Gewissheit: AMD, die trockene Form, mit einem Gefäßverschluss in der Netzhaut lautete die Diagnose. Und keine Heilung in Aussicht. Mindestens fünf Experten, die er konsultiert, bestätigen sowohl den Befund als auch die Hilflosigkeit der Medizin. Eine Erfahrung von Machtlosigkeit. Das kann doch nicht sein! Ein Jahr lang verharrt er in der Starre. Unzählige Fragen. Wie geht es weiter, was wird sich verändern, wo muss ich mich einschränken?

Eine unruhige, eine belastende Zeit, nicht nur für ihn, auch für seine Frau. Sie ist es auch, die ihn bei Suche nach Fachleuten, nach Antworten, nach Heilungsmöglichkeiten immer wieder unterstützt. Aber auch mal die „Gelbe Karte“ zeigt, wenn sich ihr Mann zu sehr ins Thema hineinsteigert.

"Dann wurde mir klar: Ich muss das Heft in die Hand nehmen."

Obwohl er an der trockenen AMD erkrankt ist, also der weniger aggressiven Form, verschlechtert sich sein Sehen in diesem ersten Jahr deutlich. Und dennoch: Ein Jahr des Ausharrens ist genug. Ein befreundeter Klinikchef erläutert ihm noch einmal die Diagnose und gesteht: „Wir sind machtlos.“ „Dann wurde mir klar: Ich muss das Heft in die Hand nehmen“, erinnert sich Heribert Meffert. Er beginnt, sich gezielt zu informieren. Er findet PRO RETINA und fährt in die Geschäftsstelle nach Aachen. Systematisch erhebt er, welche Hilfsmittel es gibt und welche fehlen. Jetzt merkt er, dass er seine Fähigkeiten als Wissenschaftler und seine Möglichkeiten als Professor einsetzen kann.

In seiner Familie und bei seinen Mitarbeitern und Kollegen spricht er von Anfang an offen über die Krankheit und ihre Folgen. Die Angehörigen tragen auch bei ihm eine entscheidende Last, sie sind mitbetroffen. Zum einen aus Sorge, zum anderen müssen sie es aushalten, wie er damit umgeht. Zeitweise ist er unfreundlich, ungeduldig mit sich und anderen. Die Erfahrung, auf Hilfe angewiesen zu sein, ist wohl das Schlimmste dabei.

Und so geht die Suche weiter. Zuerst wird er an eine Sehbehindertenambulanz verwiesen. Sechs Stunden hat er dort gewartet, dann ist er gegangen, ohne den Termin wahrzunehmen. Vielleicht eine versäumte Chance. Aber er, durchaus gewohnt, zuvorkommend behandelt zu werden, nimmt die Demütigung nicht hin.

"Fernsehen vermisse ich nicht."

Ein professioneller Hilfsmittelvertrieb hat sich einmal viel Zeit genommen und passende Geräte gezeigt. Eine Lupe, die er zufällig geschenkt bekommt, wird lange Zeit ein wichtiges Hilfsmittel. Heute ist sie zu schwach. Er nimmt eine elektronische Lupe, Senseview. Der Videomantik Lux unterstützt ihn beim Schreiben. Er kann damit einzelne Worte sichtbar machen und daher, wenn auch unter Mühen, Texte verfassen. Das spezielle Fernrohr hat ihm ein Optiker empfohlen. Damit betrachtet er nicht nur Bilder in Ausstellungen, sondern für kurze Zeit auch Fernsehsendungen, manchmal ein Fußballspiel. Fernsehen ist aber sonst aus seinem Leben weitgehend verschwunden. „Ich vermisse es nicht“, sagt Heribert Meffert.

Dafür hat er sich neue Welten erschlossen: Klassische Musik hört er öfter und intensiver als früher. Außerdem hat er Hörbücher entdeckt und lässt sich in Themen führen, denen er früher aus dem Weg gegangen wäre, etwa letzte Menschheitsfragen, Fragen ums eigene Dasein oder auch scheinbar fernliegende historische Themen, die sich, von guten Stimmen erzählt oder erklärt, als interessant erweisen.

Nach und nach wird Heribert Meffert klar, dass er mit seiner Krankheit nicht alleine ist und dass die demütigenden Erfahrungen, die er auf der Suche nach Hilfe machte, auch andere Patienten behindern. Jetzt setzt er seine fachlichen Fähigkeiten ein. War bisher wirtschaftliches Marketing sein Fachgebiet, verlegt er sich jetzt auf soziales Marketing. Er gewinnt Stiftungen für Forschungsprojekte und betreut Doktorarbeiten, die sich mit AMD beschäftigen. „Wir haben nachgewiesen, dass nur 20 Prozent aller AMD-Patienten wussten, wohin sie sich mit ihrer Krankheit wenden sollen und können“, berichtet Meffert.

Diesen Zustand kann und will er nicht hinnehmen. Er gründet das AMD-Netz NRW. Nach dem Start des Netzwerks war er in seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender darum bemüht, dass sich das Angebot zum Wohle der Erkrankten Schritt für Schritt weiterentwickelt: ob Informationen für Patienten auf der Internetplattform, AMD-spezifische Weiterbildungen von Praxispersonal oder das so genannte Patientenhandout. Meffert sieht mit Freude, dass die Arbeit seines Netzwerks bereits vielerorts Früchte trägt. „Nehmen wir einmal unser Patientenhandout: Unter www.amd-netz.de können Augenärzte ihren Patienten ein individuell auf ihre Erkrankung zugeschnittenes Informationsheft erstellen, ausdrucken und an die Hand geben. Die Ärzte sparen so Zeit und haben ein zusätzliches Angebot. Die Patienten fühlen sich persönlicher betreut, sind besser informiert – eine klare Win-Win-Situation.“ Man spürt, dass im Menschen Meffert stets auch der Wirtschaftsprofessor spricht. Heribert Meffert hat sein Thema und eine neue Lebensaufgabe gefunden.

Grundlegend habe sich sein Leben jedoch nicht verändert durch die Krankheit. „Ich war ungeduldig und zupackend – und das bin ich immer noch.“ Sein Beruf ist durch Gründung des AMD-Netzes allerdings fast noch mehr als bisher zur Berufung geworden. Seine Rolle als Chef hat sich allerdings auch verändert seit er, in der Zusammenarbeit im Büro wie auch bei öffentlichen Auftritten, immer wieder seine Sehschwäche bekennt und um Hilfe bitten muss. Neulich sagte ein Kollege zu ihm: „Deine Vorträge sind besser geworden“. Er liest sie nicht mehr ab, sondern hat die Struktur im Kopf. Eine neue Fähigkeit.

Meffert versucht, die Dinge positiv zu sehen – aber natürlich schmerzt der Abschied von Gewohnheiten. Artikel in Zeitschriften kann er nicht mehr schnell lesen. Er hat immer unterstrichen, was für ihn wichtig ist. In Büchern, in Zeitschriften. Das geht bei seinen neuen Hörversionen nicht mehr. Mit dem Auto zu fahren, das fehlt ihm sehr. Und auch, dass er Gesichter nicht mehr sehen kann. Doktorarbeiten, die er bewerten muss, lässt er sich vorlesen, gibt aber zu, dass es problematisch ist, Texten, die fürs Lesen geschrieben worden sind, hörend gerecht zu werden.

Doch trotz aller Ängste und Schwierigkeiten überwiegt heute, sieben Jahre nach der Diagnose AMD, die Zuversicht. Er hat gelernt, mit der Krankheit umzugehen und zu leben. Er hat wichtige Erfahrungen gesammelt und hat Vertrauen, dass es weiter geht. Mit technischen Hilfen, aber vor allem durch die Unterstützung seiner privaten und beruflichen Partner. Seine Beziehungen und sein gesamtes Netzwerk unterstützen ihn – Prof. Meffert nimmt es dankbar an.

Seine Zuversicht möchte er an andere Erkrankte weitergeben:

„Wir vermitteln und erleben es jeden Tag, wenn sich Betroffene über das AMD-Netz an uns wenden: Du kannst mit der AMD leben. Du bist nicht allein!“

Porträt Professor Dr. Dr. h. c. mult. Heribert Meffert

  • emeritierter Direktor des Instituts für Marketing Münster,
  • geboren 1937 in Oberlahnstein,
  • seit 1969 Professor am Lehrstuhl der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Münster, Aufbau und Leitung des ersten Instituts für Marketing an einer deutschen Hochschule,
  • 1993 -1995 Rektor der Handelshochschule Leipzig,
  • 2002 - 2005 Vorsitzender der Bertelsmann Stiftung,
  • 2011 Gründung des AMD-Netz NRW.

Infobox AMD-Netz

Das AMD-Netz bietet als gemeinnütziger Verein seit 2011 Hilfe bei AMD. Es richtet sich dabei sowohl an Patienten und ihre Angehörigen, Augenärzte, Verbände und Organisationen sowie soziale Versorger. Das Netzwerk stellt medizinische Informationen über die Krankheit, Alltagshilfen und neue Therapien zur Verfügung, sammelt Adressen von Ärzten und sozialen Beratern und bietet Kontaktmöglichkeiten zu anderen Patienten. Zu den kostenlosen Angeboten gehören unter anderem eine Patienten-Hotline, ein Online-Expertenforum, Schulungen für Praxispersonal oder ein Patientenhandout.

Vorstandsvorsitzende des Netzwerks sind PD. Dr. Klaus-Dieter Lemmen und Prof. Dr. Daniel Pauleikhoff.

Weitere Infos unter: www.amd-netz.de oder (01805) 774 778 (dt. Festnetz 14 Ct./Min, mobil max. 42 Ct./Min).

Zuletzt geändert am 24.08.2016 11:38