Gesichtsfeldverlust bei Retinitis pigmentosa: bremst Lutein die Progression?

In der April-Ausgabe der amerikanischen "Archives of Ophthalmology" ist ein Artikel erschienen, aus dem hervorgeht, dass die zusätzliche Einnahme von Lutein bei Retinitis pigmentosa (RP)-Patienten, die schon Vitamin A einnehmen, den peripheren Gesichtsfeldverlust (Netzhautbereiche außerhalb der Makula, mittlere und äußere Peripherie) verzögert. Ein positiver Einfluß auf das zentrale Gesichtsfeld (Makula) wurde nicht festgestellt, hier waren die Werte nicht besser als bei den Patienten, die zusätzlich zur Vitamin A-Einnahme nur ein Placebo, also ein Scheinmedikament, erhielten.

Ergebnisse älterer Untersuchungen, in denen die Aufnahme von Lutein ein Voranschreiten von Retinitis pigmentosa bei Patienten, die Vitamin A einnahmen, bremste, brachte - zusammen mit Hinweisen darauf, dass Lutein das Risiko für Katarakt und Makuladegeneration verringert - Dr. Eliot  Berson ( Harvard Medical School, Boston) und seine Kollegen dazu, die aktuelle Phase-III-Studie durchzuführen: über 4 Jahre nahmen 225 RP-Patienten (Nichtraucher, mit Formen von "typischer" RP) täglich neben 15.000 IE (internationalen Einheiten) Vitamin A entweder noch 12 mg Lutein oder aber ein Placebo ein.

Zielsetzung der Studie und damit primärer Hauptendpunkt war zu untersuchen, ob die zusätzliche Luteineinnahme einen Effekt auf das zentrale Gesichtsfeld hat. Dies war nicht der Fall, und darin begründet sich auch der Hauptkritikpunkt an der Studie. Dagegen konnte bei einem der sekundären Endpunkte ein signifikanter Unterschied der Lutein-Gruppe zur Placebo-Gruppe festgestellt werden: die Werte, die die Verhältnisse für das mittelperiphere Gesichtsfeld wiedergeben, wiesen bei der Lutein-Gruppe eine signifikant geringere Degeneration aus (Humphrey Field Analyzer).

"Das periphere Gesichtfeld ist wichtig", erklärte Dr. Berson gegenüber Reuters Health in einem Telefon-Interview. "Das unabhängige Kontrollkomitee kam zu dem Schluss, dass dieser sekundäre Endpunkt ernst genommen werden sollte". "Es wäre eine Nachbeobachtung von Patienten, die Lutein und Vitamin A mit einer fischreichen Ernährung zu sich nehmen, nötig, um diese Schätzungen in Bezug auf die Erhaltung des mittelperipheren Gesichtsfeldes zu bestätigen", schreiben die Wissenschaftler und erinnern noch daran, dass bei solchen Patienten "die jährliche Erstellung eines Nüchternprofils der Serumwerte für Vitamin A und die Leberfunktion erforderlich wäre".

In einer redaktionellen Anmerkung ("editorial comment") in der gleichen Ausgabe der "Archives of Ophthalmology" schreiben Dr. Robert Massof (Lions Vision Center, Baltimore) und Dr. Gerald Fishman (University of Illinois at Chicago), dass weder diese Studie noch zwei andere veröffentlichte Untersuchungen zu Nahrungsergänzungsmitteln gegen Retinitis pigmentosa "überzeugend bewiesen haben, dass die untersuchten Behandlungen beim Bremsen einer Progression von Retinitis pigmentosa wirksam sind". Daher, so fahren sie fort, "rechtfertigen die Ergebnisse eine Veränderung der Art und Weise, wie Patienten mit Retinitis pigmentosa behandelt werden, nicht". Nach ihrer Meinung ist dies damit zu begründen, dass Lutein beim definierten Hauptziel der Studie nicht überlegen war.

Dr. Berson stimmt dem nicht zu. "Tatsächlich ist Vitamin A vom National Eye Institute für Retinitis pigmentosa schon befürwortet worden, und Studien zu Vitamin A bei Retinitis pigmentosa sind schon zweimal durch das "Peer Review" (Beurteilung von wissenschaftlichen Arbeiten durch unabhängige Fachgutachter) gegangen und in beiden Instanzen bestätigt worden." "Vitamin A, fettreichen Fisch und Lutein miteinander zu kombinieren, kann dazu führen, dass bei einigen Patienten bis zu 20 Jahre lang ein funktionelles Sehvermögen erhalten bleibt, was in vielen Fällen bedeutet, dass sie bis an ihr Lebensende werden sehen können", schlussfolgert Dr. Berson. "Wir haben jetzt 17 Jahre Erfahrung mit Vitamin A, ohne das Toxizitäten aufgetreten wären, und viele Patientenaussagen und Daten belegen seine Wirkung."

Anmerkung der Newsletter-Redaktion: Wie die Diskussion um den Wert dieser Studie ausgeht, ist wohl noch nicht abzusehen. Schon bei dem möglichen Nutzen einer zusätzlichen Einnahme von Vitamin A für RP-Betroffene sind die Fachmeinungen geteilt und vorsichtig und abhängig von der Form der RP. Eine Stellungnahme dazu durch den Arbeitkreis Klinische Fragen (AKF) der PRO RETINA kann auf der Homepage nachgelesen werden.

Quellen: Archieves of  Ophthalmology 2010;128:403-411,493-495; Abstract; Ophthalmologische Nachrichten online;

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Zuletzt geändert am 28.12.2014 19:19