Leitthema: Usher-Syndrom

 

Seit Januar 2009 ist das Hörscreening von Neugeborenen in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben. Es ist deshalb zu erwarten, dass nun angeborene Hörbehinderungen und auch das Usher-Syndrom schon sehr frühzeitig diagnostiziert werden. Immerhin liegt bei 10% aller Patienten mit angeborener oder frühkindlicher sensineuraler Schwerhörigkeit und sogar bei 20 – 40% aller autosomal-rezessiven Retinitis pigmentosa-Patienten (RP) das Usher-Syndrom vor.  

Zum Usher-Syndrom, der genetisch bedingten Kopplung von Gehörlosigkeit oder  Schwerhörigkeit  und RP liegen aus diesem aktuellen Anlass zwei Übersichtsartikel in der Fachzeitschrift „Der Ophthalmologe“ (2009) vor.

 

Professor M. W. Seeliger et al. (Universität Tübingen) berichten ausgehend von der Tübinger Spezialsprechstunde für Usher-Patienten sowohl aus augenärztlicher als auch aus ohrenärztlicher Sicht über die Klinik, die Diagnose und Therapieoptionen der Krankheit.

3 klinisch unterscheidbare Usher-Typen

Das in drei Typen klinisch unterscheidbare Usher-Syndrom ist pathophysiologisch gesehen eine Ziliopathie, d.h. es sind hier primär die einander analogen Ziliarbereiche sowohl der Photorezeptoren als auch der Haarzellen des Innenohres betroffen. Auch wenn noch kein biomedizinisch kurativer Ansatz vorliegt, können gehörlos Geborene (Usher-1-Patienten) heute mit einem Cochlear-Implant (CI) versorgt werden, mit dem inzwischen eine lautsprachliche Sozialisation der Kinder möglich ist. Mittel- bis hochgradig Schwerhörige (Usher-Typ 2 und 3) können mit digitalen, teil- und vollimplantierbaren  Hörgeräten versorgt werden. Innenohrbedingte Gleichgewichtsstörungen bzw. –ausfälle besonders beim Usher-Typ 1 können durch spezielle Körperübungen ausgeglichen werden. Die im Vergleich zum Hörverlust deutlich später einsetzende Netzhautdegeneration kann mit dem heute verfügbaren modernen Instrumentarium (ERG, OCT) und den klassischen Methoden im Verdachtsfalle frühzeitig erkannt und zum Teil auch gegen die nicht-syndromale RP abgegrenzt werden.

Große Fortschritte in genetischer Diagnostik 

Große Fortschritte gab es in den letzten Jahren in der genetischen Diagnostik des Usher-Syndroms, über die die PD Dr. Hanno Bolz (Univiversität Köln) berichtet.

Heute kennt man insgesamt neun für das Usher-Syndrom verantwortliche Gene. Etwa 80% aller Usher-Fälle gehen auf diese inzwischen bekannten Gene zurück. Für die verbleibenden 20% werden die Gene noch gesucht.

Bei allen drei Formen des Usher-Syndroms geht man von einem übergeordneten Proteinkomplex (einem Netzwerk von interagierenden Proteinen) aus, der durch Gendefekte an den verschiedensten Stellen gestört sein kann, woraus sich die verschiedenen Typen und Verlaufsformen ergeben. Ein Problem besteht in der Größe der meisten Usher-Gene, die eine vollständige Analyse erschwert. Bei den großen Genen können Mutationen an weit auseinander liegenden Positionen erfolgen, woraus die verschiedensten Verlaufsformen und Schweregrade in demselben Usher-Typ resultieren. Im Extremfall können Mutationen im demselben Gen auch isolierte Hörstörungen oder eine reine RP hervorrufen. Durch so genannte genetische Modifikatoren können selbst bei genetisch und allelisch (d.h. im Mutationsort) identischen Geschwistern deutliche klinische Unterschiede auftreten. Im seltenen Einzelfall kann auch durch eine digenische Vererbung einer isolierten Hör- und einer Sehstörung das Usher-Syndrom hervorgerufen werden.

 

Im Gegensatz zu dieser großen Variabilität kann man aber in geschlossenen Populationen, die historisch auf wenige Stammväter zurückgehen (sog. Founder-Populationen) beobachten, dass eine ganz bestimmte Mutation vorherrscht.

Bedeutung einer genetischen Diagnose 

Die genetische Diagnose des Usher-Syndroms ist einmal mit Blick auf eine künftige Therapie von Bedeutung, die voraussichtlich gen- und mutationsspezifisch zu erfolgen hat. Aber schon heute ist der genetischeBefund hilfreich, um bereits in einem Frühstadium abschätzen zu können, ob eine nur isolierte Hörstörung vorliegt, oder ob später eine Netzhautdegeneration hinzutreten wird – oder nicht. Damit können Entscheidungen über berufliche Perspektiven, augenärztliche Prophylaxen oder später eine Familienplanung unterstützt werden.

Autor: 

Dr. Hans-Jürgen Krug

Arbeitskreis Usher der PRO RETINA

Regionalgruppe Berlin/Brandenburg

Ausführliche  Informationen zum Usher-Syndrom unter

www.pro-retina.de/usher

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Zuletzt geändert am 27.06.2014 12:13