Zapfen-Stäbchen-Dystrophie (ZSD)

Warum genetische Diagnostik?

Mit großer Euphorie wurde 1990 das Human Genome Project ins Leben gerufen. Ein ehrgeiziges Projekt, mit dem Ziel, bis 2005 das gesamte menschliche Genom zu entschlüsseln. Bereits am 6. April 2000 gelang Craig Venter die wissenschaftliche Sensation. Er schaffte es als erster in seinem privaten Institut die ca. drei Milliarden Bausteine unserer Gene in einen Buchstabencode zu verwandeln. Was damals nur mit einem riesigen zeitlichen und finanziellen Aufwand geleistet werden konnte, wurde nun stark vereinfacht. Die Sequenzierung aller für Proteine codierenden Bereiche des menschlichen Genoms kostet heute nur noch rund 1000 € und ist bereits ein wichtiger Bestandteil in der individuellen Diagnostik. Dieses neue Verfahren nennt sich "Next Generation Sequencing" - kurz NGS genannt. Es ermöglicht im Gegensatz zur vorherigen Sequenzierung einzelner Gene, die parallele Sequenzierung aller wichtigen Bereiche des Genoms.

Datenanalyse

Allerdings ist die Auswertung des Buchstabencodes nach wie vor eine große Herausforderung. Jeder Mensch trägt zahlreiche Veränderungen in seiner DNA, die ihn von anderen Menschen unterscheiden. Um zu einer klaren Aussage zu kommen, muss erst herausgefunden werden, welche dieser Veränderungen eine Erkrankung verursacht und welche keine Auswirkungen hat. Inzwischen gibt es hierfür riesige frei zugängliche Datenbanken, die ständig aktualisiert und vervollständigt werden. Trotzdem erfordert die Bewertung der gefundenen Veränderungen zurzeit den größten Arbeitsaufwand.

Warum sollte sich ein ZSD-Patient genetisch untersuchen lassen?

Seit einigen Jahren verliert der Name der Erkrankung immer mehr an Bedeutung, da herausgefunden wurde, dass ein verändertes Gen verschiedene Krankheitsbilder hervorrufen kann. So sind zum Beispiel Veränderungen im ABCA4 Gen nicht nur für ca. die Hälfte der ZSDs verantwortlich, sondern können auch den Morbus Stargardt oder sogar eine Retinitis Pigmentosa verursachen. Für Betroffene mit einer Veränderung in diesem Gen gibt es nun Hoffnung.

Gentherapie

Die Firma Oxford Biomedica aus England hat eine Gentherapie entwickelt, mit der ein gesundes ABCA4 Gen in die Sehzellen transportiert wird, um dort die normale Funktion der Sehzellen wiederherzustellen. Momentan wird dieses Verfahren in einer klinischen Studie erprobt. Für Patienten mit Leberscher Congenitaler Amaurose, die durch eine Mutation im RPE65-Gen ausgelöst wird, wurde solch eine Gentherapie bereits mehrmals eingesetzt und zeigte vielversprechende Erfolge. Die Netzhaut ist der ideale Einsatzort für eine Gentherapie, da sie leicht zugänglich ist und die Funktion objektiv überprüft werden kann. Daher wird dieses Verfahren sicherlich in der nächsten Zeit auch für weitere Gene zur Verfügung stehen. Aus diesem Grund kann es für Betroffene schon jetzt sinnvoll sein, die eigene Mutation zu kennen um auf neue Therapien vorbereitet zu sein.

Visus-Verschlechterung durch Vitamin A Einnahme

Es gibt noch einen weiteren schwerwiegenden Grund, sich genetisch untersuchen zu lassen. So wurde bei Mäusen mit ABCA4-Mutationen beschrieben, dass eine erhöhte Vitamin A Einnahme den Verlauf der Erkrankung negativ beeinflusst. Diese genetische Veränderung führt bei erhöhter Vitamin-A-Dosis zu einer vermehrten Ansammlung von Abfallprodukten im Auge. ZSD-Betroffene, die ebenfalls eine Mutation in diesem Gen tragen, sollten daher kein hochdosiertes Vitamin A zu sich nehmen. Dies ist ein sehr wichtiger Rückschluss, der aus der genetischen Diagnostik gezogen werden kann. Man sollte folglich seine genetische Veränderung kennen, bevor man diesen Therapieweg beschreitet.

Medikamentöse Behandlung

Weitere Therapieansätze, die gerade mit Hochdruck entwickelt werden, sind Substanzen, die in den Sehzyklus eingreifen und ihn an bestimmten Stellen regulieren. Auch hierfür wird es später nötig sein die spezielle Mutation des Betroffenen zu kennen, um die Wirksamkeit solcher Therapien für den einzelnen abzuschätzen. So wird unter anderem gerade ein Medikament entwickelt, dass nur bei Patienten angewendet werden kann, bei denen die Krankheitsursache im ABCA4 Gen liegt. Es ist ein speziell verändertes Vitamin A, dass ohne giftige Substanzen zu bilden, im Sehzyklus verstoffwechselt werden kann. Dieses deuterierte Vitamin A wird voraussichtlich in der zehnfachen Dosis eingenommen, damit es anstelle des körpereigenen Vitamin A für den Sehprozess genutzt wird.

Vererbung

Auch bei der Familienplanung kann die genetische Diagnostik über die Risiken aufklären. Besteht also bei den Betroffenen ein Kinderwunsch oder wollen sich weitere Angehörige über die Vererbungswahrscheinlichkeit informieren, erleichtert das Wissen um die exakte Position der Veränderung deutlich die Genauigkeit der Vorhersage.

Zuletzt geändert am 12.01.2017 10:23