HJMD (Hypotrichose mit juveniler Makuladystrophie)

Krankheitsbild

Verfasst von: Matthias Kern
Fachliche Durchsicht: Prof.Dr.med. U. Kellner, Augenzentrum Siegburg
Stand: 10.03.2016

Hypotrichose mit juveniler Makuladystrophie (HJMD oder CDH3) ist eine äußerst seltene angeborene Erkrankung,
gekennzeichnet durch spärlichen Haarwuchs (Hypotrichose) von Geburt an und fortschreitender Makuladystrophie.

Häufigkeit
Ihre Gesamthäufigkeit wird auf weit weniger als 1:1.000.000 geschätzt,
bislang sind nur etwa 50 bis 100 Fälle beschrieben.

Ursache
Die Erkrankung wird autosomal-rezessiv vererbt.
Ursächlich liegen Mutationen im CDH3 Gen vor, das für das Cadherin-3 Protein (P-Cadherin) kodiert,
ein Calcium bindendes Protein, das in unterschiedlichen Geweben für den Zellkontakt zuständig ist.
Es liegt eine Komplexe Heterozygotie vor.

Klinisches Erscheinungsbild
Das Haupthaar ist nicht wie gewöhnlich voll und im Wachstum sehr schwach ausgeprägt,
am restlichen Körper finden sich normale Haaranlagen.
Spätestens zum Schuleintritt ist die optische Anomalie auch für Außenstehende auffällig.
Die Makuladystrophie zeigt sich in einer langsamen u.U. auch progressiven Verschlechterung der zentralen Sehfähigkeit,
später mit Verlust der Lesefähigkeit.
Die Betroffenen können sich ansonsten völlig gesund entwickeln und haben eine normale Lebenserwartung.

Diagnostik und Früherkennung
Die Auffälligkeit der Haaranomalie sollte spätestens bei Schuleintritt zu einer Augenhintergrundspiegelung führen,
da die üblichen Vorsorgeuntersuchungen nicht zwangsläufig eine Sehbeeinträchtigung erfassen können.
Eine Diagnosesicherung ist nur durch eine molekulargenetische Diagnostik im Rahmen einer humangenetischen Beratung möglich
und Voraussetzung für eventuelle zukünftige Therapieoptionen.

Empfohlene Untersuchungsmethode für Verlaufsdiagnostik
Das Ausmass der Schädigung der Netzhaut wird durch Fluoreszenzangiografie,
Netzhautscan und durch Optische Kohärenztomografie beurteilt,
ferner können elektrophysiologische Untersuchung wie das Ganzfeld-Elektroretinogramm (ERG)
oder das multifokaleElektroretinogramm (mfERG) genutzt werden.

Nach oben

Differentialdiagnostik
Abzugrenzen sind Haarschaftanomalien im Rahmen einer ektodermalen Dysplasie.
Veränderungen im CDH3-Gen können auch beim EEM-Syndrom auftreten.

Therapie
Eine ursächliche Behandlung ist derzeit nicht vorhanden, jedoch bietet mittlerweile eine Vielzahl an Studien in den Bereichen Gentherapie,
Exon skipping und CRISPR/Cas9 zarte Hoffnung am Horizont.
Eine genaue Bestimmung der Genmutation durch gesicherte Diagnostik,
bietet auch weitere potentielle Ansätze jenseits des Genersatzes für eine bestimmte Gruppe.
Bei einer diagnostizierten sogenannten Nonsense Mutation,
eine Mutation bei der durch den Austausch einer einzigen Base in der DNA-Sequenz ein Stop-Codon entsteht.
Dadurch kommt es in der Proteinbiosynthese zum vorzeitigen Kettenabbruch.
Es resultiert ein verkürztes, funktionsloses bzw. in der Funktion minderwertiges Protein.
Translationales Überlesen eines Stop-Codon, die sogenannte „Read-Through-Therapie“ kann durch Verabreichung von bestimmten Stoffen,
ein Überlesen von Stop-Codons bewirken und somit zu einem brauchbaren Protein führen.
Dieser Ansatz ist allerdings nur bei eng begrenzten Mutationen denkbar, die unterschiedliche Erkrankungen verursachen und bedarf noch weiterer klinischer Forschung.

Hilfen bei der Krankheitsbewältigung und Lebensplanung
Eine Erkrankung, welche das Augenlicht bedroht und darüber hinaus auch noch eine für Fremde erkennbare Haaranomalie zeigt,
verletzt Menschen nicht nur körperlich, sondern immer in ihrer Gesamtheit.
So ist es nicht verwunderlich, dass die Diagnoseeröffnung für den betroffenen Patienten einem Schock gleichkommt.
Dies gilt bei betroffenen Kindern in gleichem Maße wie für die Eltern und Angehörigen.
Man wird mit der Aussage konfrontiert, dass es derzeit keine Behandlungsoption gibt.
Nie fühlt man sich in seinem Leben wohl alleiner und im Stich gelassen.
Stellen sich die Fragen: „Warum nur ich oder warum mein Kind?&ldquo
Es gibt jedoch immer Hoffnung und vor allem bei betroffenen Kindern sollte erstmals eine glückliche Kindheit im Vordergrund stehen.
Zu viele Untersuchungen und Arzttermine, kosten Zeit und werden das Problem einer Genmutation nicht praktikabel in wenigen Monaten lösen können.
Daher ist es ratsam, dass die Eltern hier einfühlsam mit ihrem Kind umgehen,
es aber so erziehen, dass es selbstständig und selbstbewusst ins Teenageralter reifen kann.
Ein offenes Umgehen mit der Erkrankung und der Erfahrungsaustausch mit Betroffenen,
auch wenn es bei der Seltenheit der Erkrankung unwahrscheinlich ist, jemanden persönlich zu treffen, helfen gemeinsam das Leben zu meistern.

Geschichte
Die Erstbeschreibung stammt aus dem Jahre 1935 durch den deutschen Arzt Hans Wagner.

Zuletzt geändert am 13.03.2016 09:39