Bardet-Biedl-Syndrom

Das von den Medizinern Laurence und Moon und später auch von Bardet und Biedl beschriebene Krankheitsbild ist ein Syndrom, bei dem eine Netzhautdystrophie als Hauptmerkmal mit bestimmten anderen Symptomen auftritt. Da die Symptome in verschiedener Kombination und unterschiedlicher Intensität auftreten können, ist eine genaue Diagnose oft sehr schwierig. Aus diesem Grund ist für Betroffene und ihre Eltern der nachfolgende Text als Patienteninformation gedacht.

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Inhaltsverzeichnis:

1. Medizinische Aspekte

1. Medizinische Aspekte

1.1. Historischer Rückblick

Die britischen Ophthalmologen Laurence und Moon beschrieben 1866 ein Krankheitsbild, bei dem in einer Familie bei vier Personen Retinitis pigmentosa (RP, auch Retinopathia pigmentosa) diagnostiziert wurde, die zusätzlich Paraplegie (spastische Lähmungen der Arme oder Beine), Hypogenitalismus (Unterentwicklung der Geschlechtsorgane) und geistige Behinderung aufwiesen. 1920 beschrieb der französische Arzt Bardet ein Krankheitsbild, das sich aus RP, Polydaktylie, Fettsucht und Hypogenitalismus zusammensetzt. Der Prager Pathologe Biedl fügte diesem Krankheitsbild noch die Debilität hinzu. 1925 haben Solis-Cohen und Weiss die bis dahin veröffentlichten Fälle zusammengefasst und als Laurence- Moon-Bardet-Biedl-Syndrom bezeichnet. Später wurde in der medizinischen Literatur verstärkt darauf hingewiesen, dass die von Laurence und Moon beschriebenen Fälle eine seltene Sonderform sind und nur in Einzelfällen eine Überlappung mit dem Bardet-Biedl-Syndrom vorkommt. Aufgrund neuerer Forschungsergebnisse wird das Bardet-Biedl-Syndrom der Gruppe der Zilienerkrankungen (Ziliopathien) zugeordnet. Diesen Erkrankungen gemeinsam ist eine Fehlfunktion sogenannter Zilien, kleinen Fortsätzen/Antennen auf den meisten Zellen des menschlichen Körpers. Die Ziliopathien sind durch ein breites klinisches Spektrum mit Überlappungen und fließenden Übergängen zwischen unterschiedlichen Zilienerkrankungen charakterisiert.

1.2. Diagnostische Kriterien

Das Bardet-Biedl-Syndrom (BBS) ist durch sechs Hauptsymptome gekennzeichnet, die aber nicht immer alle zusammen auftreten. Um eine klinische Diagnose BBS in Erwägung zu ziehen, sollten mindestens vier der Hauptsymptome oder drei der Haupt- und zwei der Nebensymptome vorliegen. Als Hauptsymptome gelten:

  • Netzhautdystrophien
  • Adipositas (krankhaftes Übergewicht)
  • Polydaktylie (überzählige Finger und/oder Zehen)
  • Mentale Retardation (geistige Entwicklungsverzögerung)
  • Hypogenitalismus (Unterentwicklung der Geschlechtsorgane)
  • Nierenerkrankungen

Als weitere Symptome mit geringer Häufigkeit (daher hier als Nebensymptome bezeichnet) werden in der medizinischen Literatur genannt:

  • Analatresie (Fehlen des Afters)
  • Anosmie (fehlender Geruchssinn)
  • Ataxie (Störungen der Bewegungskoordination)
  • Asthma
  • Bluthochdruck
  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
  • fortschreitende (progrediente) Innenohrschwerhörigkeit
  • Herzmissbildungen
  • Hoch-, Riesen-, Minderwuchs
  • Hyperlipidämie (erhöhte Konzentration von Cholesterin, Triglyceriden und Lipoproteinen)
  • Hypodontie (angeborenes Fehlen von Zähnen)
  • Kyphoskoliose (Wirbelsäulenverkrümmung)
  • Lebervergrößerung, -funktionsstörung, Leberfibrose
  • Morbus Crohn (entzündliche Dünn- und /oder Dickdarmerkrankung)
  • Morbus Hirschsprung oder Megacolon congenitum (angeborene nervliche Unterversorgung von Dickdarmsegmenten mit Stuhlentleerungsstörungen)
  • Pigmentnaevi (pigmentiertes Muttermal)
  • Psychische Probleme: Angst, Depressionen, zwanghaftes Verhalten, affektive und autistische Störungen, psychosomatische Erkrankungen
  • Rippen- und Wirbeldysplasien (-fehlbildungen)
  • Schlafapnoe
  • Spina bifida (angeborene Spaltbildung der Wirbelsäule)
  • Sprachverzögerung, Sprachdefizite
  • Urogenitaldysplasien (Fehlbildungen der ableitenden Harnwege sowie der Geschlechtsorgane
  • Zahnstellungsanomalien

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1.2.1. Netzhautdystrophien

Erbliche Netzhautdystrophien ist ein Sammelbegriff, der den Funktionsverlust und die nachfolgende Degeneration der Photorezeptoren beschreibt. Sie zeichnen sich durch einen progredienten (fortschreitenden) Verlust an Sehfunktion aus.

Beim Bardet-Biedl-Syndrom beginnen die rasch fortschreitenden Sehstörungen in der Regel im Kindergarten- bzw. Grundschulalter. Je nachdem, welche Photorezeptoren betroffen sind, machen sie sich auf unterschiedliche Weise bemerkbar. Als Stäbchen-Zapfen-Degeneration mit dem typischen Verlauf einer Retinitis Pigmentosa (RP) beginnt die Erkrankung in der Netzhautperipherie und entwickelt sich über einen zunehmenden Gesichtsfeldverlust in die Makula hinein.

Bei einer Zapfen-Stäbchen-Dystrophie sind zunächst die zentralen Photorezeptorzellen und damit das hochauflösende Sehen betroffen. Beide Formen können zu einem vollständigen Verlust des Sehens führen. Der Schweregrad der Erkrankung und die Geschwindigkeit der Progression (Fortentwicklung) hängen von den Ursachen der speziellen Unterform der Netzhautdystrophie ab.

Eine erhöhte Blendempfindlichkeit und eine erschwerte Anpassung an sich verändernde Lichtverhältnisse kann sich in unterschiedlichen Entwicklungsstufen und abhängig von den Ursachen der Netzhautdystrophie einstellen. Nachtsehprobleme bis hin zur Nachtblindheit sind typisch für Netzhauterkrankungen, die hauptsächlich die Stäbchen betreffen. Zapfenvermittelte Netzhauterkrankungen gehen mit einer Störung des Farbsehens und einer frühen Verschlechterung der Sehschärfe (Visus vermindert sich auf etwa 10% Restsehvermögen und schlechter) einher.

Strabismus (Schielen) und Nystagmus (Augenzittern) treten häufig im Zusammenhang und als Merkmal bestimmter Formen und Entwicklungsstadien der Netzhautdystrophien auf.

Vom zweiten bis dritten Lebensjahrzehnt verschlechtert sich die Sehschärfe bei nahezu allen Betroffenen auf 10 % oder weniger. Gesichtsfeldeinschränkungen werden in der Regel ab 10 Jahren festgestellt. Bis zum Alter von 17 Jahren bleibt meist nur eine zentrale Sehinsel erhalten.

Als typische augenärztliche Befunde findet man Myopie (Kurzsichtigkeit) und in den vorderen Augenabschnitten Astigmatismus (Hornhautverkrümmung oder Stabsichtigkeit) und Trübung der Augenlinse (Grauer Star oder Katarakt). Im hinteren Augenabschnitt sind die Befunde abhängig davon, welcher Rezeptorzelltyp (Stäbchen oder Zapfen) zuerst gestört ist. Sind zunächst mehr die Stäbchen betroffen wie bei einer typischen RP findet man erst Veränderungen im mittleren Randbereich der Netzhaut: Ablagerungen (so genannte Knochenkörperchen), Rückbildung des Sehnervenkopfes (Blässe) und Blutgefässverengungen in der Netzhaut. Sind als erstes die Zapfen betroffen, stehen Veränderungen der Netzhautmitte im Vordergrund: unter anderem Pigmentverschiebungen und abnorme Lichtreflexe auf der Netzhautoberfläche.

Die Reizbarkeit der Photorezeptoren durch Licht ist abhängig von der Art des betroffenen Rezeptorzelltypus und kann im Ganzfeld-Elektroretinogramm (ERG) als reduzierte Reizantwort dargestellt werden. Im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung sind sowohl die skotopischen (stäbchenabhängigen) als auch die photopischen (zapfenabhängigen) Antworten soweit beeinträchtigt, dass sie unter der Nachweisgrenze liegen und nicht mehr ableitbar sind.

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1.2.2. Adipositas

Als Adipositas oder Fettleibigkeit wird eine übermäßige Ansammlung von Fettgewebe im Körper bezeichnet. Die Klassifizierung der Adipositas wurde von der WHO (World Health Organization) festgelegt und richtet sich heute nach dem Body-Mass-Index (BMI), der sich aus dem Körpergewicht in Kg, dividiert durch die Körpergröße im Quadrat (m²), errechnet. Danach beträgt bei Normalgewicht der BMI 18,5 - 24,9 kg/m², bei Übergewicht 25 - 29,9 kg/m², bei Adipositas Grad I 30 - 34,9 kg/m², bei Adipositas Grad II 35 - 39,9 kg/m² und bei Adipositas Grad III > 40 kg/m². Die krankhafte Adipositas entspricht der Adipositas Grad III. Da sich bei Kindern und Jugendlichen die Körperproportionen im Laufe der Entwicklung verändern, gelten für diese spezielle Grenzwerte (BMI-Perzentilen). Neben dem Übergewicht spielt auch noch das Fettverteilungsmuster im Hinblick auf das metabolische (Stoffwechsel betreffende) und kardiovaskuläre (Herz und Gefäßsystem betreffende) Gesundheitsrisiko eine große Rolle. Besonders nachteilig wirken sich Fettdepots im Bauchraum und an den inneren Organen aus. Dies wird als Apfeltyp bezeichnet. Weniger gesundheitsgefährdet ist der Birnentyp, bei dem die Fettdepots an Hüften, Po und Oberschenkeln sitzen.

Beim Bardet-Biedl-Syndrom wird überwiegend von einer Stammadipositas berichtet. Fettpolster treten verstärkt an Bauch, Hüften, Brust, sowie an Oberarmen und Oberschenkeln auf. Adipositas ist bei nahezu allen BBS-Patienten in sehr unterschiedlichen Ausprägungen vorhanden. Überwiegend macht sie sich schon im Babyalter bemerkbar, es kann jedoch auch erst später zu starker Gewichtszunahme kommen. Wenige BBS-Patienten können mit kalorienarmer Ernährung und Bewegung ein Normalgewicht erreichen, was jedoch auch bei diesen wenigen ein konsequentes Durchhaltevermögen erfordert und deshalb z. T. oft nur zeitlich begrenzt ist.

Bei dem vier Monate alten Jungen ist das Körperfett vorwiegend im Körperstamm Am Beispiel eines vier Monate alten männlichen Babys ist hier die Körperfettverteilung verdeutlicht. Das Körperfett liegt vorwiegend im Körperstamm, das heißt Rumpf und Beine, vor allem die Oberschenkel, sind relativ dick.

1.2.3. Polydaktylie

Dieses auffällige Symptom ist ein entscheidender Hinweis auf das Bardet-Biedl-Syndrom. Die Diagnose wird jedoch häufig erschwert, da die rudimentäre Polydaktylie vielfach im frühen Säuglingsalter korrigiert wird und so in Vergessenheit gerät. Röntgenaufnahmen können weitere Aufschlüsse geben. Polydaktylie kann sehr variabel vorkommen, z.B. als rudimentärer Finger- oder Zehanhang (ein zusätzlicher nur teilweise ausgebildeter Finger oder Zeh), als einseitige Hexadaktylie an Hand und/oder Fuß (voll ausgebildeter sechster Finger, Zeh) oder als beidseitige Hexadaktylie an Händen und/oder Füßen. Auch eine Syndaktylie (zusammengewachsene Finger oder Zehen) oder Brachydaktylie (Verkürzungen einzelner oder mehrerer Finger oder Zehen) ist ein Hinweis auf BBS. Es kommt selten vor, dass alle vier Extremitäten betroffen sind. Polydaktylie wird bis zum Kleinkindalter operativ korrigiert.

Hier sehen Sie exemplarisch die Ausbildung der Polydaktylie bei einem einjährigen Kind:

Beispiel für Polydaktylie der Hände, funktionsloser Fingerstummel ist vorhandenDer zusätzliche Finger ist lediglich häutig, ohne Sehnen mit der Hand verbunden

An der linken Hand befindet sich neben dem kleinen Finger außen noch ein funktionsloser Fingerstummel.


An beiden Füßen befindet sich neben dem kleinen Zeh noch ein zusätzlicher ZehDer mittelfußknochen des kleinen Zehs ist Y-förmig geteilt und bildet zwei Zehen

An beiden Füßen ist außen neben dem kleinen Zeh noch ein weiterer kleiner Zeh vorhanden. Der Mittelfußknochen des kleinen Zehs hat sich im vorderen Bereich Ypsilon-förmig geteilt und bildet so zwei kleine Zehen aus.


1.2.4. Entwicklungsverzögerung und Verhalten

Die geistige Entwicklungsverzögerung ist beim Bardet-Biedl-Syndrom unterschiedlich schwer ausgeprägt mit einer großen Bandbreite. Nur eine Minderheit weist eine schwere geistige Entwicklungsverzögerung auf, ebenfalls kann sich eine normale Intelligenzentwicklung zeigen.

Eine Entwicklungsverzögerung kann sich schon im frühen Lebensalter zeigen: verschiedene Entwicklungsstufen wie z.B. Gehen und Sprechen werden erst später erreicht. Im Kindesalter sind aus dem Formenkreis der Verhaltensauffälligkeiten Angststörungen am häufigsten, diese verbinden sich im späteren Lebensalter oft auch mit wiederkehrenden psychosomatischen Symptomen. Zudem wird die Entwicklung von autistischen und zwanghaften Verhaltensweisen oft beschrieben. So werden gerne bekannte Verhaltensvorgänge bevorzugt und Änderungen oft abgelehnt. Auch eine niedrige Frustrationsschwelle und eine labile Emotionalität (Gemütsschwankungen) sind bekannt.

Seltener entwickeln sich Depressionen... Lesen Sie weiter in der Broschüre!

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1.2.5. Hypogenitalismus/ Geschlechtsorgane

Auffälligkeiten an den äußeren und inneren Geschlechtsorganen werden bei Betroffenen mit Bardet-Biedl-Syndrom sehr oft festgestellt (z.B. kleiner Penis). Weitere mögliche Veränderungen sind Bauch- oder Leistenhoden, Hypospadie (die Harnröhrenöffnung liegt nicht an Penisvorderseite, sondern ober- bzw. unterhalb), Vorhautverengung, Harnröhrenverengungen und hintere Harnröhrenklappen. Eine Studie zeigte bei 31% der Jungen mit BBS eine verspätet einsetzende Pubertät.

Bei weiblichen BBS-Betroffenen sind Fälle mit Vaginalatresien (eine nicht durchgängige Vagina), verkleinerten inneren Schamlippen und fehlenden Harnröhrenöffnungen beschrieben. Nicht selten zeigen Frauen mit BBS unreguläre Menstruationszyklen. Es sind jedoch auch Fälle beschrieben, in denen Frauen mit BBS gesunde Kinder geboren haben.

1.2.6. Nierenerkrankungen

Nierenveränderungen kommen beim Bardet-Biedl-Syndrom oft vor. Die Feststellung von Veränderungen hängt davon ab, wie gut die Patienten insbesondere durch eine Sonographie (Ultraschall) der Niere und der ableitenden Harnwege, untersucht wurden.

In einer Studie aus dem Jahr 1999 zeigten sich bei 52% der gründlich untersuchten Patienten mit BBS Auffälligkeiten in der Niere. In einer Studie von 2005 war dies sogar bei allen Patienten, bei denen eine Nierensonographie durchgeführt wurde, der Fall.

Die Nierenveränderungen sind vielfältig und entsprechend klinisch von unterschiedlicher Bedeutung. Es werden Nierenzysten, Nierenbeckenverformungen bzw. –Erweiterungen und Vernarbungen gesehen. Auch kann eine... Lesen Sie weiter in der Broschüre!

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1.3. Vererbung und Häufigkeit

Das Bardet-Biedl-Syndrom wird autosomal-rezessiv vererbt, d.h. beide Kopien (Allee) eines BBS-Gens müssen eine Mutation (Veränderung) aufweisen. Die Eltern eines Betroffenen sind "mischerbig" und haben somit je ein unverändertes und ein verändertes Allel des betroffenen Gens und sind deshalb gesund. Nur wenn beide Elternteile das veränderte Allel des betroffenen BBS-Gens weitervererben tritt die Krankheit auf. Die Wiederholungswahrscheinlichkeit bei weiteren Kindern beträgt 25%.

Bisher lassen sich den einzelnen Genveränderungen noch nicht überzeugend bestimmte Krankheitssymptome zuordnen. Die Symptome und deren Ausprägung sind selbst zwischen betroffenen Geschwistern sehr unterschiedlich. Diese klinische Variabilität legt daher eine sogenannte oligogene Vererbung (auf mehrere, aber wenige Gene beziehende Vererbung) mit modifizierender (verändernder) Wirkung weiterer Gene nahe. Mutationen im gleichen Gen können zu unterschiedlichen Krankheitsbildern, wie etwa dem Bardet-Biedl-, Joubert- oder Meckel-Gruber-Syndrom, führen. Ein weiteres mit BBS eng überlappendes Krankheitsbild ist das Alström-Syndrom mit Mutationen im ALMS1-Gen.

Nach den bisherigen Ergebnissen der Forschung (Stand Juli 2014) liegen dem Bardet-Biedl-Syndrom Veränderungen in mindestens 19 Genen (BBS1 – BBS19) zugrunde. Die meisten davon kommen jedoch nur in geringer Prozentzahl vor.

BBS1 und BBS10 sind die am häufigsten betroffenen Gene. Bei etwa 40 Prozent der BBS-Betroffenen werden diese Mutationen gefunden. Rund die Hälfte davon sind die beiden "Hotspot"-Mutationen (besonders häufig vorkommende Mutationen) M390R in BBS1 und C91fsX95 in BBS10. Während die genannte BBS1-Mutation außerhalb Europas praktisch nicht vorkommt, zeigt die o. g. BBS10-Mutation ein weltweites Auftreten.

Die Angaben über die Krankheitshäufigkeit (Prävalenz) ist in der Literatur je nach Autor und Bevölkerungsgruppe verschieden. In Europa wird die Häufigkeit von BBS für die Schweiz mit 1:160.000, in Norwegen mit 1:128.000 und in Dänemark mit 1:59.000 angegeben. Zahlen aus Deutschland liegen nicht vor.

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1.4. Differenzialdiagnose

Nachdem, vor allem im Kleinkindalter, nur selten das charakteristische Vollbild eines Bardet-Biedl-Syndroms vorliegt, ist eine klinische Diagnose oft sehr schwierig. Auch im Hinblick auf die häufig vorzufindende Oligosymptomatik, d.h. sehr wenige, nur leicht ausgeprägte oder untypische Symptome, ist eine Reihe anderer Krankheitsbilder differenzialdiagnostisch zu diskutieren:

  • Usher-Syndrom: Retinitis Pigmentosa (RP) und angeborene Innenohrschwerhörigkeit.
  • Refsum-Syndrom: Atypische RP, Ataxie, Polyneuropathie (Erkrankung mehrerer oder aller außerhalb des Gehirns vorkommender Nerven), Innenohrschwerhörigkeit, Beeinträchtigung des Geschmacks- und Geruchssinns, Hautprobleme
  • Bassen-Kornzweig-Syndrom: Atypische RP, fehlen bestimmter Lipoproteine (VLDL, LDL) im Blutserum, Verminderung des Plasma-Vitamin-A-Gehaltes, Steatorrhoe (Fettstuhl), fortschreitende Ataxie und geistige Retardierung.
  • Senior-Loken-Syndrom: Netzhautdystrophie mit zystischer Nierenkrankheit, einer sog. Nephronophthise, die letztlich im Nierenversagen endet.
  • Alström-Syndrom: Netzhautdystrophie, Adipositas, Diabetes, Hörverlust, Niereninsuffizienz, Herzmuskelerkrankung, Verdunkelung von Hautpartien, Kleinwuchs, Skoliose, Schilddrüsenunterfunktion
  • McKusick-Kaufmann-Syndrom: Polydaktylie, Hydrometrocolpos (Sekretverschluss der Gebärmutter), Kongenitale Herzmissbildung, Mutation im BBS6-Gen = MKKS-Gen
  • Meckel-Gruber-Syndrom: Nierenzysten, Polydaktylie, Leberzysten, Entwicklungsstörungen des Zentralnervensystems, Gallengangsdysplasien
  • Joubert-Syndrom: Charakteristische Hirnfehlbildungen im Bereich der mittleren und hinteren Schädelgrube i. S. eines "Backenzahnzeichens (molar tooth sign)" (u. a. durch eine Kleinhirnwurmhypoplasie hervorgerufen) abnormes Atmungsmuster, Nystagmus, Muskelhypotonie, Ataxie und verzögerte motorische Entwicklung

1.5. Therapieansätze

Eine ursächliche Therapiemöglichkeit des Bardet-Biedl-Syndroms gibt es bisher nicht. Zum Schutz vor UV-Strahlen und gegen die erhöhte Blendempfindlichkeit sind spezielle Filterbrillen (Kantenfilter, ab 400nm) zu empfehlen. Außerdem schützt ein Käppi mit großem Schild vor Sonneneinstrahlung von oben. Eine Polydaktylie wird in der Regel im Kleinkindalter operativ korrigiert. Wichtig ist die medizinische Überwachung der mit diesem Syndrom auftretenden weiteren Erkrankungen: regelmäßige Kontrolle der Nierenfunktion und des Blutdrucks, Ernährungsberatung bei Adipositas, Logopädie und ggf. Physio- und Ergotherapie. Aus den Ergebnissen der BBS-Studie sind Untersuchungsempfehlungen erarbeitet worden.

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Quellen

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  • Klein, D. Franceschetti, A.: Bardet-Biedl-Syndrom, in: Handbuch der Humanbiologie Bd. 4: Missbildungen und Krankheiten des Auges; Stuttgart 1964, S. 165-169
  • Keith, C.G: Bardet-Biedl-Syndrome; in: Australian Journal of Ophthalmology 1984, Bd. 12 S. 143-148
  • Panse, F.: über erbl. Zwischenhirnsyndrome und ihre Entwicklungsphysiologischen Grundlagen (dargestellt am Modell des Bardet-Biedlschen-Syndroms); in: Z. f.d.ges. Neurologie und Psychiatrie, 1938, S. 1-72
  • Neuhäuser, G.: Laurence-Moon-Bardet-Biedl-Syndrom in: Fachzeitschrift der Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte, 26. J.G. (1987), Heft 1, S. 51 f.
  • Amman, F.: Investigation clinique et génétique sur le syndrome de Bardet-Biedl en Suisse, in: J. Genet. Hum. 1970 18(suppl), S. 1-310
  • Andrew, P., Schachat, M.D, Irene, H., Maumenee, M. D.: Bardet-Biedl-Syndrome and Related Disordes in: Archives of Ophthalmology, Vol. 100 (1982), S. 285 ff.
  • Kielholz, P.: Zur Kenntnis des Laurence-Moon-Biedlschen-Syndroms, in: Monatszeitschrift für Psychiatrie und Neurologie VOL. 112 (1946), S. 272-300
  • Nater, P.: Laurence-Moon-Bardet-Biedl-Syndrom – Eine Synopse von 27 Fallstudien unter pädagogisch-psychologischen Aspekten; Uni Dortmund Fachbereich 13 (1991)
  • Menninger, W.: Endrocrinology; 1934, S. 583
  • Leibner/Olbricht: Wörterbuch der klinischen Syndrome, 3. Auflage 1963
  • Beales P L et al: New criteria for improved diagnosis of Bardet-Biedl syndrome: results of a population survey. J Med Genet 1999;36:437-446
  • Moore et al: Clinical and Genetic Epidemiology of Bardet-Biedl syndrome in Newfoundland: A 22-year prospective, population-based, cohort study. American Journal of Medical Genetics 2005; 132A:352-360
  • Cetiner M, Wingen A.-M., Hoyer P F: Bardet-Biedl syndrome and voiding dysfunction – an underestimated risk factor for renal function. Pediatric Nephrology 2005, Vol.20, Nr.9, C 82.
  • P.Brühl et.al: Bardet-Biedl-Syndrom: nephrourologische und humangenetische Aspekte
  • www.retina-international.org/Sci-news/
  • www.retinascience.de
  • www.omim.org/entry/209900

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Zuletzt geändert am 09.02.2017 12:03