Retina Implant

Ein neuer Forschungsansatz versucht, mit Hilfe der Mikroelektronik, Neuroinformatik, Mikrosystemtechnik u.a.m., die ausgefallenen Funktionen der Netzhaut zu ersetzen und so den Betroffenen mit Photorezeptorverlust, aber sonst intaktem Sehsystem, eine Sehwahrnehmung zu ermöglichen. In erster Linie werden an RP Erblindete davon profitieren. In einer späteren Phase der Entwicklung könnte auch bei MD- und AMD-Betroffenen ein verbessertes Sehvermögen erzielt werden.

Weltweit arbeiten mehrere Forscherteams an der Entwicklung derartiger implantierbarer Sehprothesen:

Forscher der Johns Hopkins University in Baltimore versuchten, bei erblindeten RP-Patienten durch kurzzeitige elektronische Stimulation die noch funktionsfähigen Ganglienzellen der Retina so zu reizen, daß im Gehirn eine Sehwahrnehmung entstand. An der Bostoner Harvard Medical School in Verbindung mit dem MIT (Massachusetts Institute of Technology) haben Experten bereits eine Folienstruktur mit Mikrokontakten entwickelt, die zwischen den lichtempfindlichen Rezeptoren und den ableitenden Nervenzellen (Ganglien) eingesetzt werden soll.

Inzwischen haben sich zwei Teams in den USA etabliert. Das NIH, die oberste Gesundheitsbehörde, unterstützt diese Projekte mit mehr als zwölf Mill. Dollar. In Deutschland wurde das Retina Implant Projekt bereits 1995 ins Leben gerufen und vom Bundesforschungsministerium seither mit mehr als 20 Millionen DM unterstützt.

Das deutsche Forschungsprojekt setzt sich aus zwei verschiedenen technologischen Ansätzen zusammen.

Der in NRW konzipierte Ansatz erarbeitet folgende Komponenten eines Gesamtsystems: im Bereich der geschädigten Retina (genauer: epiretinal, d.h. zwischen Photorezeptoren und Ganglienzellen) soll eine Mikrokontaktfolie implantiert werden, die eine Verbindung mit den Ganglienzellen, die zum Sehnerv führen, herstellen soll. Die zweite Komponente, ein Mikrochip, der außerhalb des Auges sitzt, zunächst in einer Brille, später vielleicht in einer Kontaktlinse, nimmt ähnlich einer Kamera das Bild auf, setzt es in - dem Gehirn verständliche - Signale um und überträgt sie drahtlos an die implantierte Kontaktfolie. Dieser Chip ist mit einem lernfähigen Encoder versehen, der zur Optimierung der Sehwahrnehmnung vom Anwender eingestellt werden kann.

Das in Baden-Württenberg ansässige Team verfolgt ein anderes Konzept, zwischen das Pigmentepithel und der Photorezeptorschicht (also subretinal) sollen hochempfindliche Mikrophotodioden auf Siliziumbasis implantiert werden. Über Elektroden, die mit den winzigen Photodioden verbunden sind, sollen die noch intakten Nervenzellen der Retina gereizt werden, um dadurch im Gehirn Sehwahrnehmungen hervorzurufen. Auch bei diesem Projekt wird externe Energie wie z.B. Infrarotbestrahlung benötigt.

Ob und in welchem Umfang solche Sehprothesen zu einer Wiedererlangung eines brauchbaren Sehvermögens führen können, muss jedoch weiter unklar bleiben. Nochmals sei auch betont, dass solche Therapiestrategien zunächst vor allem für Patienten interessant sind, deren gesamte Netzhaut durch die Degeneration in Mitleidenschaft gezogen ist, wie z.B. bei der RP. Mit großem Interesse wird beobachtet werden müssen, welche Erkenntnisse bei den jetzt geplanten Anwendungsversuchen in Deutschland erzielt werden.

Zuletzt geändert am 21.05.2015 12:12