Eine Chance im Beruf zu bleiben Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung von Margarete Voelzke

Knut ist von einer fortschreitenden Sehbehinderung betroffen. Die Ähnlichkeit mit einem unternehmungslustigen, aufgeweckten Eisbären ist nicht zufällig, sie beschränkt sich aber auf die Namensgleichheit und die beiden genannten Eigenschaften. Viele Teilnehmer des RP-Patientenseminars kannten Knuts Probleme am Arbeitsplatz aus eigener Erfahrung. Sie konnten auch seine Suche nach einer Möglichkeit, trotz der fortschreitenden Sehbehinderung berufstätig zu bleiben, gut verstehen. Gemeinsam diskutierten wir an dem Beispielfall die Teilerwerbsminderungsrente als Lösungsmöglichkeit.

Überforderung durch Vollzeittätigkeit

Knut ist hochgradig sehbehindert, ungefähr 40 Jahre alt und arbeitet Vollzeit als Verwaltungsangestellter. Sein Arbeitsplatz wurde mit Unterstützung des Integrationssamtes mit technischen Hilfsmitteln sehbehindertengerecht ausgestattet. Auch wenn im Büro nicht immer alles gut läuft, findet Knut seine Tätigkeit interessant und ihm tut das Miteinander mit den Kollegen gut. Wie seine Familie, seine Lebenspartnerin, die Freunde, Hobbies und das Ehrenamt gibt seine Berufstätigkeit ihm in schwierigen Zeiten Halt. Seine Arbeit stärkt sein Selbstvertrauen und sichert seinen Lebensunterhalt.

Leider erlitt Knut im letzten Jahr einen schweren Bandscheibenvorfall, der wohl auch durch die Zwangshaltung bei der PC-Arbeit verursacht wurde. Zudem erkrankte er an einer mittelschweren Depression und psychosomatischen Beschwerden.

Knut fühlt sich seit dem Auftreten seiner zusätzlichen gesundheitlichen Probleme durch die Vollzeittätigkeit überfordert. Er traut sich aber zu, seine bisherige Tätigkeit grundsätzlich trotz der Sehverschlechterung weiter auszuüben.

Suche nach einer Lösungsstrategie

Mit einem selbstbetroffenen Sozialberater und der Schwerbehindertenvertretung seiner Dienststelle berät sich Knut über Lösungsstrategien, um aus der berufliche Überforderungssituation herauszukommen. Sie sprechen über Möglichkeiten wie eine innerbetriebliche Umsetzung auf einen anderen Arbeitsplatz, begleitende Hilfen im Arbeitsleben wie z. B. Arbeitsassistenz, Teilzeitarbeit und über den Antrag auf Erwerbsminderungsrente.

Knuts behandelnder Orthopäde und seine Psychotherapeutin halten es für medizinisch begründet, dass er seine Arbeitszeit auf weniger als sechs Stunden täglich reduziert.

Knut überlegt schließlich, eine Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung zu beantragen.

Rentenrechtliche Vorraussetzungen

Einen Anspruch auf eine Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung hat, bei Vorliegen der versicherungsrechtlichen Voraussetzungen, wer wegen Krankheit oder Behinderung auf nicht absehbare Zeit noch über drei und unter sechs Stunden täglich unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes arbeiten kann (§ 43 Absatz 1 Sozialgesetzbuch VI). Wenn die Sehbehinderung durch eine entsprechende Arbeitsplatzausstattung ausgeglichen ist, kann eine zusätzliche Erkrankung eine Minderung der zeitlichen Leistungsfähigkeit begründen. Vor einer Rentengewährung müssen allerdings nach dem Grundsatz "Reha vor Rente" alle Möglichkeiten einer Rehabilitation ausgeschöpft sein.

Die Rentenhöhe entspricht der Hälfte einer Rente wegen voller Erwerbsminderung. Neben dieser Rente darf eine Teilzeittätigkeit ausgeübt werden. Abhängig vom erzielten Hinzuverdienst wird die Rente dann in voller Höhe oder in Höhe der Hälfte gezahlt.

Knut erkundigt sich bei seinem zuständigen Rentenversicherungsträger, ob er die versicherungsrechtlichen Zeiten für eine Teilerwerbsminderungsrente erfüllt hat. Er erhält auch eine Auskunft darüber, wie hoch die Rente voraussichtlich ist und wie viel er zu der Teilrente hinzuverdienen darf.

Um die finanziellen Auswirkungen einschätzen zu können, erkundigt er sich auch nach eventuellen Ansprüchen aus seiner betriebliche Altersversorgung.

Möglichkeit der Teilzeitbeschäftigung

Knut teilt seinem Arbeitgeber und seinem Vorgesetzten mit, dass er beabsichtigt, eine Teilerwerbsminderungsrente zu beantragen und dass er nach Rentenbewilligung mit reduzierter Stundenzahl weiterarbeiten möchte.

Eine Absprache mit dem Arbeitgeber über die Weiterbeschäftigungsmöglichkeit empfiehlt sich unbedingt. Viele Tarifverträge enthalten eine Regelung, dass die Weiterbeschäftigung innerhalb einer Frist nach Zugang des Rentenbescheides beim Arbeitgeber beantragt werden muss (siehe z.B. § 33 Absatz 3 Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes TVöD). Schwerbehinderte Arbeitnehmer haben gemäß § 81 Absatz 5 Sozialgesetzbuch IX einen Anspruch auf Teilzeitbeschäftigung, wenn die Gewährung dem Arbeitgeber zumutbar ist.

Über die Regelungen und die konkreten Bedingungen im Betrieb können Personal-/Betriebsrat oder Schwerbehindertenvertretung Auskunft geben.

Tipps für die Rentenantragstellung

Nachdem Knut mit Unterstützung der Schwerbehindertenvertretung seinen Arbeitgeber von seinem Lösungsmodell Teilzeitbeschäftigung neben Erwerbsminderungsrente überzeugt hat, stellt er einen Antrag auf teilweise Erwerbminderungsrente.

Er weist daraufhin, dass sein Arbeitgeber einer Teilzeitbeschäftigung nach Rentenbewilligung zustimmt. Dem Antrag legt er Atteste seiner behandelnden Ärzte bei, die eine medizinische Begründung enthalten, warum er nur noch drei bis sechs Stunden erwerbstätig sein kann. Zum Glück erstellten seine Ärzte diese Bescheinigungen kostenfrei. Der Rentenversicherungsträger übernimmt die Kosten für medizinische Bescheinigung nur, wenn er diese im Verfahren angefordert hat.

Die Atteste und der Hinweis auf die Weiterbeschäftigung sind nicht im Antragsformular gefordert. So wird aber das Begehren "Teilerwerbsminderungsrente" deutlich erkennbar, was die Antragsbearbeitung erleichtert.

Knut macht Mut

Der Beispiel-Held geht auf einen Fall aus der Sozialberatung zurück. Daher konnte ich den Seminarteilnehmern berichten, dass der wirkliche Knut seit einigen Monaten fünf Stunden täglich neben einer Teilerwerbsminderungsrente arbeitet. Die Rente ist befristet, da eine Besserung der orthopädischen und psychischen Leiden nicht unwahrscheinlich ist. Knut geht es gut mit dieser Lösung.

Die Diskussion über Knuts Erfahrungen machte deutlich, dass für das Modell "Teilerwerbsminderungsrente neben Teilzeitarbeit" die Rahmenbedingungen stimmen müssen:

  • Es müssen die medizinischen und versicherungsrechtlichen Vorraussetzungen für eine Teilerwerbsminderungsrente erfüllt sein
  • und es muss ein Teilzeitarbeitsplatz zur Verfügung stehen.
  • Hinzu kommen ganz persönliche wie zum Beispiel finanzielle Gesichtspunkte.

Der Erfahrungsaustausch unter uns Seminarteilnehmern zeigte, welche Beratung und Unterstützung auf dem Weg zu einer individuellen Lösungsstrategie hilfreich sein können.

Sozialberatung

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Zuletzt geändert am 15.12.2015 12:54