Existenzanalytische und logotherapeutische Betrachtung Wie belastbar ist die Liebe? (Teil 1) von Manfred Knoke

1. Was ist Liebe?

Fragt man in Partnerschaft lebende Menschen danach, was sie verbindet, dauert es eine Weile, bis das Wort "Liebe" fällt. Sind die ersten Aussagen zu den wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Partnerschaft benannt (Vertrauen, Verständnis, Zuverlässigkeit, Geborgenheit, Freiheit, Gemeinsamkeiten, Sexualität, Erotik, Toleranz), scheint die Zurückhaltung oder Scheu nahezu aufgehoben. Fragen sie sich als Leser, wie sie sich fühlen bei der Aussage "Ich liebe Dich" spüren sie die ungewöhnliche Atmosphäre. Fühlen sie sich dabei geborgen oder spüren sie ein Zögern, eine Verunsicherung, vielleicht sogar Ängste.

Allgemein sind die Anforderungen an den Begriff "Liebe" sehr hoch.Vorstellungen und Erwartungen, mediale Vorbilder, Traditionen und fehlende wissenschaftliche Objektivierung lassen den Menschen eher über den Liebesprozeß - Phasen der Liebe (Jugendliebe, Verliebtheit, Elternliebe, erotische Liebe etc.) - nachdenken, denn im Grunde weiß niemand so ganz genau, was Liebe ist.

Weshalb nun ist Liebe so schwer zu fassen, zu begründen und zu analysieren? Was macht Liebe mit uns und wir mit ihr? Existenzanalytisch ist die Liebesbeziehung ein intentionaler Akt, der in Zusammenhang mit Werten steht. Auf diese Werte trifft der Mensch und wird von ihnen berührt, läßt sich von ihnen in Bewegung setzen und begeistern. Der Mensch macht diese Werte nicht, wie er auch die Liebe nicht machen kann, sondern er wird von den Werten angezogen. So ist das auch mit der Liebe. Dort, wo der Mensch der unverwechselbaren Einzigartigkeit eines anderen Menschen begegnet und von ihr fasziniert wird, dort entflammt die Liebe.

Viele tausend Geschichten haben diesen Liebesprozeß beschrieben und über die Jahrhunderte trotz gesellschaftlicher, religiöser und ökonomischer Zwänge überlebt. Heute entscheidet jeder einzelne Partner für sich, ob er noch mit ihr oder mit ihm zusammenbleiben möchte. Das erhöht den Druck auf den Einzelnen und spitzt die Frage der Verantwortung für die Beziehung in erhöhtem Maße zu. Von daher muß jedes Paar seine Begründung für ein kontinuierliches Zusammenleben selbst finden. In Beziehung sein reicht nicht aus, in Begegnung kommen muß die Grundlage der Liebesbeziehung sein. Das heißt, Begegnung kann nur da stattfinden, wo kein Hindernis ist, keine Forderung, keine Erwartung, kein Zwang, kein Zweck vorhanden ist.

2. Begegnung - Grundlage der Liebe

Begegnung ist immer unmittelbar und gegenseitig. Lieben heißt in diesem Verständnis nach der Existenzanalytikerin Lilo Tutsch: "Ich wende mich Dir zu, ich nehme zu Dir Nähe auf und erlebe Deine Wirkung auf mich, Du bewegst mich, Lebendigkeit kommt in mir auf, Gefühle der Zuneigung, Zärtlichkeit und Achtsamkeit überkommen mich. Deine Nähe empfinde ich als wohltuend und zu Dir fühle ich mich hingezogen" (Vortrag 2002 ). Wenn also Liebe gelingen soll, muß sie in Begegnung eingebettet sein. Zwei Bedingungen erscheinen dabei wichtig: einmal muß der Partner als Person gesehen werden, also unabhängig, selbstbestimmt und frei sein und zum anderen gehört zur Begegnung eine personale Dialogfähigkeit. Das geht über das Einüben von Kommunikationstrainings weit hinaus, es geht um die personale Entfaltung auf beiden Seiten und die Selbstverwirklichung des Einzelnen. Gute Partnerschaft lebt von der Hingabefähigkeit, also Hingabe an den Wert der gemeinsamen Liebe.

Voraussetzung für eine Begegnungsfähigkeit ist auf alle Fälle das Miteinandersprechen über alle Situationen, vor allem über persönliche, partnerschaftliche, sexuelle sowie krankheits- und behinderungsbedingte Krisen. Sie fordern die Beteiligten heraus zur Veränderung, zum Nachdenken. Es kommt nicht primär darauf an, was das Paar an Not und Leid erlebt, sondern wie es das Schicksal annimmt und gestaltet. Ist die Belastung für die Liebe auch noch so groß, haben die Menschen Worte, Gefühle, Humor und die Fähigkeit zu denken. Menschen können trösten, verzeihen, sich erinnern und helfen, mit innerer Zustimmung zu leben.

Kann der Mensch nicht zu sich selbst in Beziehung stehen und sich nicht selbst vertreten, wird das Defizit dadurch ausgefüllt, indem der Partner benutzt wird. Ein Gefühl von Abhängigkeit entsteht. Es wird unerträglich, wenn Vorstellungen und Erwartungen nicht erfüllt werden, weil der Partner sein Eigenes lebt. Begegnungen finden in einer solchen Beziehung kaum statt. Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft für den Partner werden oft mit Liebe verwechselt. Wenn beide diese Einstellung haben, heißt das für die Liebe, daß beide sich aufgegeben haben. Dies gilt dann ebenso, wenn beide der Erwartung des Partners entsprechen wollen, das heißt, vorauseilenden Gehorsam üben und seine eigenen Bedürfnisse nicht formulieren und darauf hoffen, daß der andere sie zufällig entdeckt. Auf diese Weise selbstlos zu lieben heißt, sich selbst nicht zu lieben. Es gibt keine Begegnung und bald stellt sich ein mieses Gefühl ein, daß irgendetwas nicht stimmt.

Der liebende Dialog braucht Mut, Mut für sich selbst und Mut für die Begegnung mit dem Anderen. Liebe lebt von der Begegnung, das bedeutet weit mehr als eine Beziehung pflegen. Nicht übersehen sollten die Partner auch die Tatsache, daß Liebesfähigkeit viel zu tun hat mit den ursprünglichen Beziehungserfahrungen zu Vater und Mutter und oftmals weniger mit dem Lebenspartner selbst. Dies zu unterscheiden bedeutet, dass jedes Paar die Balance finden muß zwischen Selbst und Gemeinsamkeit. In der Liebe gibt es kein Recht aufeinander, weil die Liebe ein freiwilliges Geschenk ist.

3. Bindende und zerstörerische Energie der Sexualität

Entscheidend für das Gelingen einer Partnerschaft ist das wechselseitige Empfinden einer Gleichwertigkeit von Geben und Nehmen. Das gilt insbesondere für die sexuellen Bedürfnisse auf beiden Seiten. Jeder ist für seine eigenen Bedürfnisse verantwortlich und hat diese nicht automatisch als Erwartung an den Anderen heranzutragen. Leidenschaftliche Liebe ist vergleichbar dem Rausch des ersten Verliebtseins, an das der Mensch sich zumeist gern erinnert. O.F.Kernberg spricht in seinem Buch "Liebesbeziehungen - Normalität und Pathologie" (1998 ) von der sexuellen Leidenschaft als einem Merkmal von Liebesbeziehungen. Die Leidenschaft hat die Funktion, das ganze Leben hindurch die Liebesbeziehung zu stärken, zu festigen und zu erneuern, geht doch von einem intensiven sexuellen Genuß eine neue Lebendigkeit aus, die eine Partnerschaft tragen sollte.

Ein kurzer Blick in die empirischen Daten bei längerer Partnerschaft zeigt, daß ein großes Unvermögen der Partner vorliegen muß oder die äußeren Umstände (zum Beispiel Streß, Krankheit, Behinderung) dazu zwingen mit der Lust, der Leidenschaft und dem Sex einfach aufzuhören. Sexuelle Energie wird immer weniger verfügbar, obgleich die Partner den Wunsch nach körperlicher Vereinigung, nach Gleichklang, nach totaler Harmonie und ganzheitlicher Zusammengehörigkeit wollen.

Zu den äußeren Umständen, den alltäglichen Belastungen zählen vor allem Unzufriedenheit mit sich selbst, mit dem Partner oder den Kindern, körperliche und psychische Erschöpfung, Existenzsorgen, geschlechtstypische Vorwürfe, etc. . Unter dem Druck des Alltags läßt die Freude am Sex nach, so daß Sexualität und Partner sich erheblich weniger entwickeln können. "Persönliche Reifung und Entwicklung wird durch keine andere Beziehung so herausgefordert wie durch eine Liebesbeziehung. Es gibt auch keine Beziehung, die das persönliche Wohlbefinden so gefährdet wie eine destruktiv gewordene Liebesbeziehung." aus : Jürg Willi "Psychologie der Liebe" 2004.

Die oberflächlich diskutierte Meinung, Männer wollen vor allem Sex, Frauen Zärtlichkeit ist eine absolute Absage an die Liebe. Je anspruchsvoller die Vorbedingungen von Frauen sind, desto eher reduzieren Männer den Sex auf den Geschlechtsverkehr, das heißt, rasch zur Sache, zum Orgasmus kommen. Frauen brauchen Vorbereitung, Gespräche, Zärtlichkeit, Zeit, die viele koitusbewußte Männer nicht geben wollen oder können oder nicht für notwendig erachten. Für den Fortbestand von Beziehungen ist es wichtig, daß sich die Partner Rückzugsmöglichkeiten schaffen und bewußt "Inseln des sexuellen Glücks" schaffen. Gespräche über Sexualität und Lust sind ebenso erforderlich wie das erotische Begehren. Bei den wenigen kontrollierten und vergleichbaren Studien, die zum Thema Partnerschaft und Sexualität gemacht wurden, ist festzustellen, daß die Variablen für Erfolg und Scheitern einer Partnerschaft zum großen Teil mit Sexualität zusammenhängen. Es wurden Partnerschaftstests entwickelt, zum Beispiel bei Schindler, Hahlweg, Revenstorf "Partnerschaftsprobleme, Diagnose und Therapie" 1999, die über Häufigkeit von Sex Auskunft geben. Dieses Konzept ist abrufbar im Internet (www.theratalk.de) vom Institut für Psychologie an der Universität Göttingen.

4. Liebe und Freiheit

In der Partnerschaft ist Liebe die gemeinsame Freiheit der Partner. Liebe ohne Freiheit ist keine Liebe, sondern nur ein Schein von Liebe. Sie wird erlebt als ein Ganzes mit vielen Facetten und Nuancen. Der Standpunkt des einen Partners trifft nicht stets genau den Standpunkt des anderen Partners, so daß irgendwie, irgendwo, irgendwann Spielräume vorhanden sind. Diese sind nicht zu füllen mit Zwang, Macht und Beherrschung des anderen, sondern mit Liebe. Wird das Individuum eingeengt, in seiner Freiheit begrenzt, entstehen Ängste, Aggressionen, Verletzungen, Gleichgültigkeit und manchmal sogar Haß. Wie wichtig der richtige Raum und Zeitpunkt von Nähe und Distanz sind, wird dann deutlich, wenn der Raum der Liebe und Freiheit zu eng wird oder gar leer gefegt ist. Das Interesse am anderen sollte wach bleiben, weil die Partner sich etwas wert sind. Auf Gefühl, aber auch auf die Mitwirkung des Verstandes kann bei der Liebe nicht verzichtet werden, genauso wenig wie auf gemeinsame Interessen und Planungen.

Zusammenfassung

Rückblickend könnte man sagen: In der Liebe geht es also um die personale Entfaltung beider Partner im einzelnen sowie um die Gestaltung des gemeinsamen Raumes. Dazu zählt die Fähigkeit, sich selbst und den Partner im Blick zu haben mit seinen Bedürfnissen, Wünschen und Werten. Gute Partnerschaft lebt von der Hingabefähigkeit, vom Wert der gemeinsamen Liebe. Die Partner sollten sich der Begegnung öffnen.Wenn das gelingt, dann entsteht wie selbstverständlich Lebendigkeit und Offenheit. Erfüllende Sexualität vertieft die Liebe. Die meisten Menschen haben Angst in der Partnerschaft ihre Freiheit zu verlieren, wenn sie lieben und können nicht glauben, daß die Liebe gleichzeitig die größte Entfaltung der Freiheit bedeutet.

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Zuletzt geändert am 22.08.2013 12:27