Kunst zu begreifen... ist die Kunst! von Andreas Maier

"Was willst Du mit Bildern? Du kannst Dich doch sowieso nicht daran erfreuen." Dies mag ein Ausspruch von Menschen sein, welche die Kraft der Kunst nicht erfahren und davon überzeugt sind, dass Blinde oder hochgradig Sehbehinderte nichts mit Kunst anfangen können. Vielleicht können sich solche Menschen noch vorstellen, dass Skulpturen eine Ausnahme bilden, Gemälde aber verlieren in ihren Augen den Reiz, wenn man sie nicht erkennt. Genau um diese Form der Kunst soll es jedoch hier gehen...

besucher in einer Skulpturen und Malerei-Ausstellung Immer wieder kann man feststellen, dass Gemälde bekannter Künstler gekauft, in der Wohnung aufgehängt und nicht mehr angesehen werden; die Wand soll eben nicht mehr so kahl aussehen und der Status des Eigentümers soll erhöht werden. Oft wird also zwanghaft nach einem zur Wohnungseinrichtung passenden Rembrandt, Picasso oder Van Gogh gesucht, um Gäste ins Staunen zu versetzen. Diese sammeln sich vor den Kunstwerken und lassen sich von der Farbpracht fesseln. Mit der Hilfe von Zeichentechniken, durch die unsichtbare Linien entstehen, wird das Auge des Betrachters zu markanten Stellen des Gemäldes geführt, Schatten und der Eindruck einer dritten Dimension verlängern den Fesselungseffekt.

Aber gerade diese Art des Zeichnens lässt den eigentlichen Sinn eines Bildes verblassen. Jeder Künstler macht sich Gedanken darüber, was er mit seinem Werk aussagen möchte. Die Material- und Farbwahl spielt dabei eine große Rolle. Ein Künstler befindet sich aber in einer Zwickmühle, da er natürlich auch versucht, seine Bilder einem so großen Publikum wie möglich vorzustellen. Dunkle Farben, entblößte Menschen, Leichen oder Totenköpfe sind zum Beispiel stark aussagekräftige Bildelemente, die jedoch - wie ich selbst erlebt habe - auf viele Menschen abschreckend wirken. Zum Seitenanfang

Kreisförmige Verläufe auf Rechtecken Als kunstinteressierter Sehgeschädigter ist man aber nun einmal darauf angewiesen, dass ein sehender Bekannter oder Verwandter trotz dieser abschreckenden Elemente auf das Gemälde zugeht und es in allen Einzelheiten beschreibt. Währenddessen muss dieser sich auch von den beschriebenen dem Blickfang dienenden Zeichentechniken lösen und taucht immer tiefer in das Bild ein. Plötzlich wird die ganze Bedeutung des Werkes klar. Es ist nun wichtig zu wissen, dass unser Gehirn schneller auf Informationen zurückgreifen kann, wenn diese in Form von Bildern aufgenommen wurden. Jeder, der sich der Bedeutung eines Kunstwerkes einmal bewusst war, wird sich wieder daran erinnern, sobald er dieses Betrachtet oder sich im Falle des Sehgeschädigten auch nur daran erinnert. Gerade bei surrealistischen und abstrakten Bildern wird dies interessant, da diese zumeist den größten Interpretationsbedarf haben.

Ich möchte nicht behaupten, dass man blind oder hochgradig sehbehindert sein muss, um die Absichten des Künstlers zu erkennen, es wird jedoch der bei vielen Menschen auftretende Blendungseffekt übersprungen und man kann sich sofort der Interpretation widmen. Anschließend wird man von der Kraft der Bilder umströmt. Nach eigener Erfahrung kann dies über viele negative Lebensphasen hinweghelfen und die positiven verstärken.

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Zuletzt geändert am 03.11.2010 10:18