Große Resonanz beim Patientensymposium in Bonn: Erfreuliche MosaiksteineVon Sandra Moqaddem und Prof. Dr. Frank G. Holz

Die Universitäts-Augenklinik Bonn und die Regionalgruppe Bonn luden zum Patientensymposium in die Aula der Universität am 10. September 2013 ein. Mehr als 350 Interessierte, teilweise von weither angereist, lauschten gebannt den interessanten Vorträgen.

Gruppenfoto Referenten Symposium 2013

Nach der Begrüßung durch die Gastgeber, Prof. Dr. Frank G. Holz, Direktor der Universitäts-Augenklinik Bonn, Prof. Dr. Peter Charbel Issa, Stiftungsprofessor, Universitäts-Augenklinik Bonn und Daniela Brohlburg, PRO RETINA Regionalgruppe Bonn, stellte Helmut Joisten, Bürgermeister der Stadt Bonn, den Standort als herausragend im Bereich von Forschung, Wissenschaft, Gesundheit und Medizin vor. Die Universität, 1818 gegründet, hat unter anderem vier Nobelpreisträger hervorgebracht.

Diagnosespezifisch und patientenorientiert

Ute Palm aus dem Vorstand von PRO RETINA stellte die Aufgaben und Ziele der diagnosespezifischen Selbsthilfevereinigung vor: Forschungsförderung mit dem Ziel, Therapien für Netzhautdegenerationen zu finden; Information, Beratung und praktische Hilfeleistung für Betroffene und Angehörige; Aufklärung der Öffentlichkeit über Netzhautdegenerationen und ihre Auswirkungen; Einflussnahme auf staatliche und private Institutionen mit dem Ziel einer wirksamen Unterstützung der Belange der Betroffenen und der Forschung. Beispiel hierfür ist die Vertretung im Gemeinsamen Bundesausschuss, der ACHSE (Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen), der DOG (Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft), dem BVA (Berufsverband der Augenärzte) und bei Retina International, dem Dachverband. Eine besondere Herausforderung hierbei ist gleichsam, die zukunftsorientierte Ausrichtung und die Anforderungen des Hier und Jetzt in Alltag und Gegenwart zu bewältigen. Geleistet wird dieses durch Geschäftsstelle, Vorstand und den Einsatz vieler ehrenamtlicher Aktiven in über 50 Regionalgruppen, Arbeitskreisen, Beratung krankheitsspezifisch, über Hilfsmittel, in Patientensprechstunden, im sozialen Bereich, im psychologischen Bereich in der inneren Auseinandersetzung mit der Erkrankung und im System Familie und schließlich die Rechtsvertretung bei der RBM in Marburg/Berlin.

Auch erfolgt die Mitarbeit vielerorts in örtlichen Gremien zum Beispiel im Bereich der Barrierefreiheit.

Die Forschung erfolgt patientenorientiert und der Wissenstransfer in der Medizin wird gefördert, beispielsweise durch Symposien, internationale Veranstaltungen wie Retina International Kongress oder das Potsdam-Meeting. Die PRO RETINA Stiftung zur Verhütung von Blindheit steht dem Verein mit ideeller, fachlicher und finanzieller Unterstützung zur Seite. Auf Patientenseite ist es notwendig, dass Augenärzte mit Erfahrung auf dem Gebiet der Netzhautdystrophien zur Verfügung stehen. Es ist immer wieder wichtig, die Stimme für den Patienten zu erheben, beispielsweise auf dem Gebiet der feuchten AMD, wenn es um Aufrechterhaltung der Therapie oder Kostenübernahme durch die Krankenkassen geht.

Wir verstehen uns nicht mehr als Empfänger von Fürsorge. Eher hat schon längst ein Paradigmenwechsel stattgefunden: wir sehen uns als selbstbestimmte Partner im Dialog im Gesundheitswesen auf verschiedenen Ebenen.

Helma Gusseck, Vorsitzende der PRO RETINA Stiftung zur Verhütung von Blindheit, stellte die Aufgaben der Stiftung vor. Der Zweck der Forschung ist die Forschungsförderung auf dem Gebiet der Netzhautdegenerationen und das Finden von therapeutischen Maßnahmen.

Von der Grundlagenforschung bis zur Zulassung

Es zeigen sich mittlerweile beachtliche Erfolge in der Forschung: In einigen Bereichen der Netzhautdegenerationen geht das Wissen in die Breite und in die Tiefe. So ist auf einigen Gebieten noch viel Grundlagenforschung nötig, um Zusammenhänge oder spezielle Wirkmechanismen zu verstehen; bei anderen Formen wiederum sind die Mechanismen beispielsweise der Degeneration schon bekannt und bei wiederum anderen Formen ist man so weit, dass derzeit Anträge bei der Zulassungsbehörde neuer Therapien für den europäischen Raum laufen.

Gefördert wurden der Retina Diagnose-Chip aus Regensburg, es werden Makula- und Retinitis Pigmentosa-Forschungspreise vergeben, es gibt Stipendien für Doktoranden oder eine Anschubfinanzierung für Projekte, die später die staatliche Förderung erhalten. Wie auch in der Vereinigung steht der Stiftung ein wissenschaftlich-medizinischer Beirat zur Seite. Die Stiftung konnte zwei Professuren – eine klinische in Bonn und eine grundlagenwissenschaftliche in Regensburg – initiieren. Das jährlich stattfindende Potsdam Meeting gibt jungen Forschern die Möglichkeit, sich der internationalen Forschung anzuschließen.

Prof. Dr. Frank G. Holz von der Universitäts-Augenklinik Bonn informierte über „aktuelle Diagnostik und Therapie bei altersabhängiger Makuladegeneration“. So könne die feuchte AMD mittlerweile bei der Mehrzahl der Patienten erfolgreich medikamentös behandelt werden. Das zeigte den Forschern, dass es sich lohnt, in die Tiefe zu gehen, die Wirkmechanismen der Erkrankung aufzuschlüsseln und so auch Impulse für viele andere Netzhauterkrankungen zu geben. Gleichsam gibt es noch Barrieren, die manchmal den Therapieerfolg schmälern. Hierzu zählen beispielsweise die Bearbeitung von Kostenerstattungsanträgen und das Auftreten von „Therapiemüdigkeit“ wie auch bei anderen chronischen Erkrankungen.

Es ist sehr wichtig, bei der feuchten AMD sofort mit einer Therapie zu beginnen und diese auch aufrecht zu erhalten, denn diese ist ein chronischer Prozess. Auch hier wird daran gearbeitet, in baldiger Zukunft Wirkstoffe zur Verfügung zu stellen, die über einen längeren Zeitraum kontinuierlich abgegeben werden können. Studien konnten zeigen, dass sich die Therapie bei der feuchten AMD etabliert hat – was nicht heißt, sich quasi darauf aus zu ruhen - : die Sehschärfe kann oft lange gehalten werden und eine Erblindung im Sinne des Gesetzes aufgrund von AMD wird seltener.

Mit steigender Lebenserwartung wäre prinzipiell jeder, würde er nur alt genug, im Laufe seines Lebens von der AMD betroffen. Risikofaktoren für die Ausprägung einer AMD sind neben dem Lebensalter insbesondere die genetische Disposition, das Rauchen und die Ernährung.

Die adäquate Diagnostik ist für den Behandlungserfolg sehr wichtig. Ein hierfür nichtinvasives, mittlerweile weit verbreitetes Instrumentarium ist die OCT (optische Kohärenztomographie), deren Kostenerstattung in Deutschland allerdings noch nicht flächendeckend gelöst ist.

Neben einer gesunden Ernährung sei ein guter Lichtschutz wichtig, vor allem in Form einer qualitativ hochwertigen Sonnenbrille.

Bestehende und kommende Therapien bei AMD

Erfreulicherweise gibt es neue Entwicklungen auf dem Gebiet der trockenen Spätform der AMD, der geographischen Atrophie, wo erstmals ein Therapieeffekt durch ein Präparat gezeigt werden konnte, das das Komplementsystem adressiert. Daten hierzu werden in Europa erstmals auf dem kommenden EURETINA-Kongress in Hamburg von der Bonner Arbeitsgruppe vorgestellt.

Gretel Schmitz-Moormann (Dresden) lieferte ein sehr engagiertes Referat über ihr Leben mit einer AMD. So hat sie im Laufe der Zeit gelernt, um Hilfe zu fragen, denn in einem Leben mit Sehbehinderung bestünde ständig die Gefahr der Selbstüberschätzung, wollte man alles so machen wie vorher. Wichtig ist, sich um den (aktuellen Stand) Schwerbehindertenausweis zu kümmern. Gretel Schmitz-Moormann hat durch das Orientierungs- und Mobilitätstraining neue Freiheiten gewonnen und kann das Restsehen und Hören nun unterstützend einsetzen und entspannt draußen gehen. Sehr wichtig ist es, sich draußen im Straßenverkehr entsprechend zu kennzeichnen.

Hilfsmittel und Kraftspender

Gerne hört sie Hörbücher und bedient sich einiger Hilfsmittel, wozu neben dem Monokular auch der Computer zählt. Sehr praktisch sind Klebepunkte zum Markieren von Tasten an Haushaltsgeräten oder die Unterschriftenschablone, auch für das Portemonnaie hat sie ein System. Auch hat sie bei einem Trainer LPF (lebenspraktische Fertigkeiten) belegt, um sich für Haushalt und tägliches Leben praktische Tipps anzueignen.

Gretel Schmitz-Moormann machte bei Viktor Frankl eine Ausbildung zur Logotherapeutin. Die Erkenntnisse in die Logotherapie geben ihr Kraft: Selbst, wenn eine Tür durch eine Netzhautdegeneration zu zu gehen scheint, so öffnet sich doch eine andere: Alles hat einen Sinn und das Leben macht Freude!

PD Dr. Monika Fleckenstein, Universitäts-Augenklinik Bonn, erläuterte das Krankheitsbild der Diabetischen Retinopathie – „Wenn der Diabetes auf Netzhaut und Makula schlägt“. In Deutschland gibt es etwa 7 Millionen Diabetes-Erkrankte mit der Überzuckerung des Blutgefäßes. Schäden sind zum Beispiel die diabetische Retinopathie, die statistisch nach 20 Jahren Erkrankung bei über 90 % aller Diabetiker an den Augen auftritt. Um das Risiko herauszuzögern oder zu vermindern, ist es sehr wichtig, den Blutdruck und den Blutzucker sehr gut einzustellen.

Nach der Diagnosestellung „Diabetes“ sollte eine jährliche Kontrolle beim Augenarzt erfolgen. Bei eingetretenen Schäden muss der Augenarzt sofort aufgesucht wer-den, der mit der Therapie die dann notwendigen Untersuchungsabstände festlegt.

Wenn Diabetes ins Auge geht

Wenn in der Iris neu gewachsene Gefäße als Anzeichen einer Durchblutungsstörung auftreten, ist das als ernst zu nehmendes Anzeichen zu werten. Diese Blutgefäße haben in der Iris nichts zu suchen. Sehr wahrscheinlich sind innerhalb des Auges aufgrund der Durchblutungsstörung VEGF-Faktoren ausgeschüttet worden, die zu inadäquat neu gebauten Blutgefäßen im Auge geführt haben.

Diese können im Bereich der Netzhaut wachsen, an dieser ziehen und zu einer Netzhautablösung führen. Es können auch Blutungen in den Glaskörper auftreten. Sitzen die neuen Blutgefäße weiter vorne im Auge an den Stellen, wo das Kammerwasser abfließt und blockieren diese, so droht das Glaukom.

Durch neu gewachsene Gefäße kann ähnlich wie bei der feuchten AMD auch ein Makulaödem entstehen. Hier ist die Therapie die „Spritze ins Auge“. Weiter außen im Gesichtsfeld liegende schlecht durchblutete Bereiche der Netzhaut werden allerdings mit einem Laser abgeriegelt, so dass von diesen Stellen ausgehend keine VEGF-Faktoren mehr ausgeschüttet werden können.

Diagnostik erfolgt über das OCT und die Fluoreszenz-Angiografie (Fluoreszein wird intravenös gegeben. An einer Kamera kann der Augenarzt die Verteilung des Farbstoffs in den Arterien und den Venen der Netzhaut beobachten und sehen, wie und wie schnell sich das Kontrastmittel verteilt, ob die Gefäße dicht sind oder ob das Kontrastmittel austritt. Das Fluoreszein wird nach etwa einer Viertelstunde ausge-schieden. Sehr selten sind Allergien gegen den Farbstoff).

Treten an den Augen Diabetesbedingte Schäden auf, so ist auch sehr wahrscheinlich, dass der übrige Körper bereits eine Gefäßerkrankung hat. Es wird deutlich, dass eine optimale Zusammenarbeit zwischen Hausarzt (Internist, Diabetologe) und Augenarzt und Patient nötig sind, um die Diabetes-bedingten Schäden so gering wie möglich zu halten.

Daniela Brohlburg, Referentin beim Symposium

Daniela Brohlburg(Bonn) berichtete, wie sie die Diagnose als Schock erlebte und wie sich die geplante Lebensperspektive veränderte. In der PRO RETINA, damals noch DRPV, lernte sie andere Betroffene kennen und war fasziniert von den engagierten Aktiven, die ihre Erkrankung angenommen hatten und erfolgreich ihren Weg meisterten. Diese waren ihr Vorbild und gaben ihr Mut. Daniela Brohlburg machte fremdsprachliche Übersetzungen für die Vereinigung und brachte und bringt sich auf vielfältige Art und Weise in die Vereinigung ein. Als Hilfsmittel nutzt sie beispielsweise ein Bildschirmlesegerät und ein Vorlesesystem für längere Texte. Seit Jahren leitet sie die Regionalgruppe Bonn gemeinsam mit Dr. Renate Siebert und organisiert verschiedene Angebote wie integrative Museumsführungen, Wanderungen und vor allem eigene Stammtische für AMD-Betroffene sowie für Betroffene mit erblich bedingten Netzhaudegeneration (wie RP, Usher, Morbus Stargardt)

Erfolgsmodell Patientensprechstunde

Sie erzählte von den Anfängen und der nunmehr 9-jährigen Arbeit der Patientensprechstunde, die sich als psycho-soziale Anlaufstelle und erstes Projekt dieser Art sehr gut an der Universitäts-Augenklinik Bonn etabliert hat nach dem Motto: Betroffene beraten Betroffene auf Augenhöhe und geben Hilfe zur Selbsthilfe unter einem Dach mit Medizinern. Mittlerweile gibt es weitere Sprechstunden nach diesem Modell in Ahaus, Münster und Tübingen. In der Sprechstunde zeigt sich auch immer wieder, dass es sehr wichtig ist, die Angehörigen mit ein zu beziehen, denn auch sie suchen und brauchen Rat und Unterstützung, denn auch sie sind „mitbetroffen“. Seit der Gründung habe es in der Patientensprechstunde Bonn rund 2.000 Ratsuchende gegeben. Dank ging an die 12 sehr engagierten, ehrenamtlichen Beraterinnen und Berater der Sprechstunde sowie an Prof. Frank G. Holz und Stiftungsprofessor Dr. Peter Charbel-Issa für die gute Zusammenarbeit und die umfassende Unterstützung des Projektes.

Prof. Holz und Prof. Charbel-Issa, Referenten beim Symposium

Vergrößernde Sehhilfen

Prof. Dr. Klaus Rohrschneider, Universitäts-Augenklinik Heidelberg, referierte über „Vergrößernde Sehhilfen und Rehabilitation“. Auch er betonte die Wichtigkeit des Schwerbehindertenausweises, des Trainings in Orientierung und Mobilität und des LPF.

Für die Auswahl des Hilfsmittels, das immer nur eine spezifische Situation überbrückt bzw. den Nachteil ausgleicht, ist erst einmal die Kategorisierung wichtig: „Schublade MD – also erhaltenes mittleres/äußeres Gesichtsfeld und reduzierte Sehschärfe“ oder „Schublade RP – reduziertes Gesichtsfeld bei guter Sehschärfe“. Während Lupen bei Vergrößerung den Kontrast reduzierten, würden elektronische Vergrößerungen den Kontrast aufrecht erhalten. Prof. Dr. Rohrschneider informierte umfassend über Lupen, Monokulare, Bildschirmlesegeräte, Vorlesesysteme und Kantenfilter.

Manche Betroffene würden sich auch einer Kamera bedienen, um Dinge zu fotografieren und auf dem Display zu vergrößern.

Ein Low Vision Anbieter vertreibt Fernsehbrillen mit einer Vergrößerung. Diese zu verordnen, sei nicht erlaubt, so Prof. Dr. Rohrschneider.

Hilfsmittel und smarte Geräte

Bei der Verordnung von Hilfsmitteln ist es nach wie vor so, dass Kassen mit den Anbietern von Hilfsmitteln Verträge geschlossen haben, das schränkt leider die Wahlmöglichkeit des Versicherten ein.

Auch an der Argumentation der Kassen, Bildschirmlesegeräte als Kassenmodell in Schwarz-Weiß auszuliefern (obwohl solche Technik längst überholt ist), hat sich nichts geändert – denn Schwarz-Weiß ist der beste Kontrast. Von daher die Argumentation der Kassen, dass Farbe als Luxus nicht notwendig sei.

Alltagsgegenstände des Computerherstellers mit integrierter Vergrößerung und Sprachausgabe faszinieren Prof. Dr. Rohrschneider wie auch blinde und sehbehinderte Nutzer – Prof. Dr. Rohrschneider wies auf die vielen hilfreichen zusätzlichen Apps hin, die die ganze Palette an Bedürfnissen von blinden und sehbehinderten Nut-zern abdecken – allerdings sollten, so Prof. Dr. Rohrschneider, die Nutzer dieser Geräte im Umgang versiert sein. Allerdings sind nach derzeitiger Rechtsprechung und Formulierung in gba und Rehadat diese Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens von der Verordnungsfähigkeit / Kostenerstattung durch die Kassen ausgeschlossen – da sie per Definition nicht nur dazu gebaut wurden, den Nachteil der (Seh-) Behinderung ausgleichen.

Studien haben eindeutig gezeigt, dass der Gebrauch der Hilfsmittel positiv ist, die Nutzer weniger zu Depressionen neigen, da sie ihre Tätigkeiten weiterhin selbständig ausführen können; ältere Nutzer weniger zur Demenz neigen, da sie weiterhin geistig und körperlich aktiv bleiben; sich schließlich die Lebensqualität steigert.

Prof. Dr. Peter Charbel Issa leitete seinen Vortrag über erbliche Netzhauterkrankungen mit den Tagebuchschilderungen eines Herrn aus dem 19. Jh. ein – er sähe beim Schießen (er war im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 in der Artillerie eingesetzt) nicht so gut, das Bild wäre in der Mitte nicht scharf und später sei er vom Tageslicht geblendet worden. Eine Verwandte, in die Vereinigten Staaten ausgewandert, berichtete Ähnliches. Aus heutiger Sicht wäre wohl eine erbliche Makuladegeneration sehr wahrscheinlich denkbar. Diese Erkenntnisse liefern nun medi-zinische Aspekte zur kunsthistorischen Betrachtung der Arbeiten des französischen Kunstmalers zur Zeit des Impressionismus Edgar Degas und erklären, warum sein Duktus immer gröber wird und der Kontrast der Farben allmählich verblasst.

Hilfsmittel beim Symposium

Eine erbliche Netzhautdystrophie liegt sehr wahrscheinlich vor, wenn erste Seh-beeinträchtigungen in jungem Alter auftreten, in der Familie liegen, die Netzhaut auffällig ist, die Diagnose selten oder spät erfolgt. Es ist sehr wichtig, spezialisierte Zentren aufzusuchen, um angemessene Diagnostik, Hilfsmittel und Therapie zu erhalten.

Was Edgar Degas über Netzhautdystrophien „erzählt“

Bei Netzhautdystrophien treten in der Regel Beschwerden aus diesem Pool auf: Nachtblindheit, Blendung, verminderte Sehschärfe, Leseprobleme, Orientierungsprobleme, ein Licht-Flimmern, das als Umbauprozess der Netzhaut verstanden werden kann, Beeinträchtigung des Farbsehens.

Die Veränderung kann in einem Gen vorliegen (Beispiel: RP) oder komplex (Beispiel: AMD verschiedene Gene + Umweltfaktoren) sein

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An Untersuchungen stehen an: die Augenhintergrundsbetrachtung, das OCT, Fundusautofluoreszenz (zeigt Schlackenstoffe bzw. Strukturen der Netzhaut auf die Fläche gesehen betrachtet bzw. die Gesichtsfeldgrenzen), die Elektrophysiologie, eventuell eine genetische Untersuchung.

Der Vererbungsmodus kann unterschiedlich sein: Dominant, rezessiv, geschlechtsgebunden oder eine Neumutation kann vorliegen. Es gibt verschiedene The-rapieansätze, die in der Anwendung angekommen sind, bei RP beispielsweise die Elektrostimulation.

Therapieansätze in klinischen Studien laufen zu Morbus Stargardt, Chorioideremie und LCA (RPE 65).

Auf dem Markt verfügbar sind zwei Sorten des Netzhaut-Chips bei RP (Retina Implant/Tübingen; Argus II/Second Sight).

Therapien im Tiermodell laufen in Form von Gentherapie, neuroprotektiven Substanzen, Pharmakotherapie, Stammzellen, der Verpflanzung von Sehzellen.

PD Dr. Elisabeth Mangold vom Institut für Humangenetik der Universität Bonn informierte anschaulich über genetische Untersuchungen bei Netzhauterkrankungen.

Etwa 22.000 Gene seien beim Menschen bekannt, davon sind 99,9 % zwischen den Menschen gleich. Der Rest, diese 0,1 %, erklärt genetische Varianz in Aussehen, Begabung und Temperament.

Diese Variation kann so aussehen, dass sie - einfaches Beispiel: bei einem Kind blonde Haare, beim Geschwister schwarze Haare auslöst. Sie kann auch eine andere kleine Veränderung sein (Polymorphismus), harmlos. Als Mutation wäre sie krank machend, und hiermit haben wir es bei den Netzhautdystrophien zu tun.

Liegt die Mutation in einem Gen (monogen) vor, verläuft der Erbgang klassisch nach Mendel: dominant oder rezessiv. Zu dieser Mutation kann es viele Unterformen geben, auch innerhalb eines Gens. (Ein Blick auf die Resultate der Ret-Chip-Analyse auf den Seiten des Humangenetischen Instituts Regensburg veranschaulicht dies)

Die Mutation kann aber auch in mehreren Genen vorliegen (genetischer Komplex). Beispiele hierfür sind Diabetes, Bluthochdruck, AMD und Glaukom. Ein Gentest würde nur vage Anhaltspunkte liefern, ob die Mutation ausreicht, damit die Krankheit ausbricht, da zu der Anlage immer noch die Umweltfaktoren hinzu kommen.

Wie heißt „meine Kiste“ und was macht die?

Die genetische Diagnose dient dazu, die klinische Diagnose zu sichern, Wahrscheinlichkeiten hinsichtlich Erkrankungsrisiko, Prognose und Art einer geeigneten (kommenden)Therapie zu liefern.

Ein Gendiagnostikgesetz wurde erlassen, um den Ablauf der genetischen Untersuchungen beim Menschen und die Verwendung der genetischen Proben und Daten zu regeln. Nach Aufklärung und Einwilligung in die Untersuchung liefert der Patient eine Blutprobe, die den Retina-Diagnose-Chip in Regensburg durchläuft. Nach einigen Wochen gibt es einen Arztbrief. In einem Beratungsgespräch wird das Ergebnis des Berichts mit dem Patienten besprochen.

PD Dr. Tim Krohne, Universitäts-Augenklinik Bonn, schloss das sehr informative Symposium mit einem Referat zu Stammzellen in der Augenheilkun-de ab.

Das Wesen der Stammzellen ist, dass sie erneuerbar sind, nicht altern und sie sich zu allen Körperzellen entwickeln können (Pluripotenz). So ist es möglich, Netzhaut-zellen zu züchten, beispielsweise das Retinale Pigmentepithel (RPE, ernährt Sehzellen und transportiert Schlackenstoffe ab) oder Stäbchen und Zapfen. Die Gewinnung von Hornhaut aus Stammzellen ist schon in der Praxis. So könnten in Zukunft, alle Mechanismen erforscht, Dystrophien vielleicht in ihrem Fortgang aufgehalten werden.

Von der Stammzelle zur Therapie

Induzierte pluripotente Stammzellen, aus der Hautbiopsie des Patienten stammend, umgehen die Immunreaktion (Abstoßungsreaktion gegen fremdes Gewebe) und die Ethikdiskussion embryonaler Stammzellen. Für die Entdeckung der induzierten pluripotenten Stammzellen erhielten Sir John B. Gurdon und Shin’ya Yamanaka 2012 den Nobelpreis der Medizin.

Diese Zellen könnten unter die Netzhaut verpflanzt werden, allerdings sollten sie sicher sein (keine Tumorbildung), sich bereits in funktionierende Sehzellen oder RPE umgewandelt haben und ihre Aufgabe in ausreichender Zahl, lang anhaltend und sicher am richtigen Ort verrichten. Es bleibt in der Forschung also noch Einiges zu tun!

Im Register internationaler Studien sind derzeit sechs im Bereich der Augenheil-kunde zu verzeichnen, darunter Studien für die feuchte AMD, die trockene AMD und den Morbus Stargardt. Hieran sind die USA, Großbritannien und Süd-Korea beteiligt.

PD Dr. Tim Krohne warnte ausdrücklich vor kommerzieller Stammzellen-Therapie, die im Internet feilgeboten wird. Hier werden oft andere Zellen als Grundlage für Stammzellen verwendet, deren Sicherheit und Wirkung nicht nachgewiesen sind. Die DOG hat hierzu eine Stellungnahme abgegeben, nachzulesen auf den Seiten der DOG und auch bei PRO RETINA.

Zuletzt geändert am 04.10.2013 18:19