Regine Griffiths: "Lösungen im Traum und Tricks im Alltag"

Regine Griffiths aus Bremen hat sich mit Geschicklichkeit und Optimismus ein Leben mit der AMD aufgebaut.

Eine perfekte Kellnerin beim Dunkel-Dinner in Bremen war sie nicht. Regine Griffiths stand manchmal zwischen den Tischen im Weg herum, weil sie nicht ganz so gut hört und sich Wege nicht ganz so perfekt einprägt, wie die blinden Bedienungen. „Die waren mir überlegen“, erzählt sie in ihrem freundlichen, schleppenden Bremer Tonfall. Trotzdem hat die 68-Jährige eine Zeitlang gerne an zwei, drei Tagen im Monat in kompletter Finsternis Essen serviert. Sie verdiente als Rentnerin ein bisschen dazu – „Es gab gute Trinkgelder!“ – und sie setzte sich einer neuen Erfahrung aus.

Das macht Regine Griffiths auch, wenn sie auf weite Reisen geht, wenn sie einmal in der Woche mit ihrem Computer-Lehrer neue Programme übt oder wenn sie als AMD-Beraterin der PRO RETINA andere Menschen auf ihr Leben mit der Krankheit vorbereitet. Regine Griffiths hat seit zehn Jahren nur noch zehn Prozent ihrer Sehkraft auf dem rechten Auge. Das linke war schon früh erblindet. Da misslingt ihr auch manchmal etwas.

Regine Griffiths ist 56 Jahre alt, als sie plötzlich Wellen sieht, wo gerade Linien sein müssten. Das Fatale ist: Sie kennt das schon. 20 Jahre zuvor sah sie die gleichen Bilder. Ihr linkes Auge war an einer Uveitis erkrankt und verlor seine komplette Sehkraft.

Jahrelang hatte sie als Medizinisch-Technische Assistentin (MTA) im Krankenhaus Bremen Mitte mit einem Auge all die Röhrchen und Messgeräte beobachtet, die sie unter Kontrolle halten musste. Sie hatte das geschafft. Jetzt ist aber auch noch das zweite Auge in Gefahr! Regine Griffiths weiß, dass die Situation ernst ist, lässt sich sofort untersuchen und erhält die Diagnose: Altersbedingte Makula-Degeneration, AMD.

"Ganz schwer war, dass ich eines Tages die Zeitung nicht mehr lesen konnte."

Mit Laserbehandlungen versuchen Ärzte den Verlauf zu bremsen. Vergeblich. Erst nach einem Jahr stoppt der Prozess bei zehn Prozent Sehfähigkeit. „Aber seither hat sich die Situation nicht verschlechtert.“ Regine Griffiths hat gelernt zu schätzen, was sie noch hat. Das erste Jahr ist das Schlimmste. „Ich habe jeden Tag geweint“, erzählt sie. Sie ist froh um diese Tränen. „Ich wollte ja nicht hart werden.“ Die Tränen begleiten die Stufen der Verschlimmerung. „Ganz schwer war, dass ich eines Tages die Zeitung nicht mehr lesen konnte.“

Dann aber gewinnt ihre zupackende Seite die Oberhand, nicht zuletzt dank der Beratung von PRO RETINA. Sie besucht Seminare und lernt, mit ihrer Krankheit umzugehen. Dann sagt sie sich: „Es muss auch mal gut sein!“, und erschafft sich langsam ein neues Leben. „Ich habe mir so viele Tricks ausgedacht!“ Vorher allerdings muss ihre rechtliche Situation geklärt werden. Dass sie als MTA nicht mehr arbeiten kann, ist bald klar. „Die Röhrchen sind viel zu klein, da muss man genau gucken können.“ Sie wird Frührentnerin und kann nach 30 Jahren im Schichtdienst die freie Zeit immerhin genießen.

In dieser Phase kommt sie zu PRO RETINA. Eine Ärztin, mit der sie im Labor zusammen gearbeitet hatte, macht sie darauf aufmerksam. „Die Ärztin ist selbst querschnittsgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Sie sah gleich, dass meine Krankheit das Leben verändert und vermutete, dass ich mir irgendwo Hilfe holen kann.“ Nachdem ihre Internet-Recherche zu PRO RETINA geführt hatte, setzt Regine Griffiths sich gleich mit der Organisation in Verbindung. Sie zögert nicht, wenn sie etwas für sich tun kann. Allerdings braucht sie von Anfang an Energie und Geschicklichkeit, um die Anforderungen als Mensch, der eingeschränkt sieht, zu bestehen.

Und sie braucht viele Stunden ihrer neu gewonnen Zeit. Alles dauert länger als früher. Immerhin kann sie dank ihrer Tricks wieder ein wenig Zeit zurück erobern. Einkaufen zum Beispiel wird dadurch effektiver, dass sie Etiketten und Verpackungen aufhebt, sie im Supermarkt den Verkäuferinnen zeigt und so dafür sorgt, dass sie ihr Lieblingsdessert kauft und die Gesichtscreme, die Haut und Geldbeutel gut bekommt. Auch Wimperntusche und Lidschatten sucht sie mit Hilfe alter Verpackungen aus. „Meine Augen schminke ich immer noch.“ Nah am Spiegel sieht sie ihre Augenpartie und kann die Wimperntusche auftragen. Es macht ihr keine Freude mehr, Schmuck zu kaufen. Sie sieht die Schönheit nicht, aber dafür kauft sie gerne einen Blumenstrauß.

„Ich habe immer einen Plan B.“

Findig muss sie auch bei der Organisation des Alltags sein: „Ich habe immer einen Plan B.“ Wenn sie jemanden besuchen will, versucht sie zunächst, mit Bus, Bahn und dann mit Hilfe von Passanten eine Adresse zu finden. „Die Nummer im Handy kann ich nicht speichern, da ich das Display nicht lesen kann; aber die wichtigen Rufnummern habe ich mir mit Filzstift auf Postkarten notiert.“ Freunde bittet sie gelegentlich um Hilfe – und auch dabei hat Regine Griffiths sich ein System ausgedacht: Ein Freund hilft bei der Steuererklärung, eine Freundin näht hin und wieder etwas, wieder andere kaufen gelegentlich ein. „Jeder soll das machen, was er oder sie am besten kann und niemand soll zu viel machen müssen oder sich ausgenützt fühlen“, sagt sie. Manche freuen sich auch, dass sie helfen können. „Eine meiner Freundinnen ist selbst oft krank und wenn es ihr gut geht, genießt sie es auch, die Stärkere und Gebende zu sein“, erzählt Regine Griffiths, verschweigt aber auch nicht, dass sich einige Menschen aus ihrem Lebenskreis zurückgezogen haben, als sie krank wurde. „Manche halten das nicht aus.“ Für den Besuch ihrer Freunde schmückt sie ihre Wohnung mit Blumen, auch wenn es länger dauert, bis sie einen Strauß arrangiert hat. Nein, das, was zu einem unabhängigen Leben gehört, lässt sich Regine Griffiths nicht nehmen.

Auch auf ihren Reisen dosiert sie sorgfältig, wie oft sie andere um Hilfe bittet. Manchmal lässt sie sich von Mitreisenden etwas zeigen, manchmal schließt sie sich einfach an und bestellt zum Beispiel auf gut Glück das Essen, das die anderen am Tisch auch bestellen. Es wird schon schmecken! Und sie muss sich nicht lange die Speisekarte vorlesen lassen. Dass sie aber überhaupt noch große Reisen macht, beglückt Regine Griffiths. Selbst wenn sie nicht alles sehen kann, nimmt sie Geräusche und Gerüche wahr und hat Freude an den Details, die sie doch noch sehen und tasten kann. „Traumhaft“ fand sie die Felsenkirchen früher Christen in Äthiopien.

Zuhause vor ihrem Computer kann sie sich später in diese Freude zurück versetzen, wenn sie die Bilder sieht, die andere Teilnehmer der Reisegruppe ihr per E-Mail schicken. „Das ist ja wie ein Bildband – so schön groß!“ freut sie sich.

Überhaupt ist der Computer eine große Hilfe. Jeden Dienstag nimmt sie Nachhilfe von einem Experten. „Ohne Computer könnte ich auch nicht für PRO RETINA arbeiten.“ Und das macht sie gerne, weil sie Menschen helfen möchte, die sich in das Leben mit der AMD einfinden müssen. Sie selbst hat nie fundamental mit der Erkrankung gehadert oder sich in der Frage verloren, warum ausgerechnet sie von diesem Schicksal getroffen wurde. „Ich habe ja im Krankenhaus gearbeitet und weiß, wie viele Menschen krank sind. Da bin ich nicht in Selbstmitleid versunken.“

"Manchmal ist es schon lästig, ganz einfache Sachen fragen zu müssen"

Trotzdem ist das Leben mit der Krankheit nicht einfach. „Manchmal ist es schon lästig, ganz einfache Sachen fragen zu müssen!“ Oder nur schemenhaft zu sehen, wie ihre beiden Enkelkinder sich entwickeln. Oder – bei aller notwendigen Geduld mit sich selbst – wieder verkohlte Kekse aus dem Backofen zu ziehen, denn die Vanillekipferl, die sie immer noch backt, misslingen manchmal. Auch lesen, eine ihrer Leidenschaften, ist schwierig. Die Überschriften der Zeitung kann sie noch mit bloßem Auge erkennen, die Texte studiert sie durch das Lesegerät. „So habe ich wenigstens noch das Gefühl, an dem, was in Bremen passiert, Anteil zu nehmen“, sagt sie. Auch Hörbücher schätzt sie inzwischen sehr, seien es kommerzielle oder Bücher aus der Blindenbücherei.

Regine Griffiths hat sich ein Leben geschaffen, in dem sie sich auf die kommenden Jahre freuen kann. „Ich möchte gerne noch 20 Jahre leben!“ Und das nicht nur, weil es Momente gibt, in denen sie „gucken“ kann: In ihren Träumen geht sie durch eine sichtbare Welt. Mehr noch: Im Traum war sie noch nie verzweifelt. Im Reich der nächtlichen Bilder hat Regine Griffiths noch für jedes Problem eine Lösung gefunden, so wie sie in der Welt des Tages all ihre Tricks entwickelt hat.

Zuletzt geändert am 24.08.2016 10:40