AMD-Patientensprecherin, Gretel Schmitz-Moormann

"Ich muss darauf achten, dass ich bei einer ersten Beratung nicht zu optimistisch bin."

Ich bin PRO RETINA vor die Füße gefallen. Dabei war ich schon 25 Jahre lang augenkrank, hatte Operationen und andere unangenehme Behandlungen hinter mir. Meine Sehkraft war zu der Zeit unter 10 % auf beiden Augen angelangt. Aber von PRO RETINA hatte ich noch nichts gehört. Bis ich im Jahr 2001 in Leipzig eine medizinische Messe besuchte, nicht für mich, ich begleitete meine Freundin. Dort stolperte ich über ein Kabel und fiel der Länge nach auf den Boden. Ausgerechnet vor dem Stand der PRO RETINA. Die haben mich erst einmal aufgesammelt, und als sich herausstellte, wie passend der Ort war, haben wir alle sehr gelacht! Schon wenige Wochen später war ich Mitglied. Seither habe ich mich immer mehr engagiert, wurde Beraterin für Menschen mit Makula Degenerationen und besuchte Kongresse in Sao Paulo, Wien, London und New York. Ich bin gerne Beraterin, kann weitergeben, was ich gelernt habe, kann Menschen, die gerade von ihrer Diagnose erfahren haben, in ihren Ängsten auffangen und Wege aus ihrer Verzweiflung zeigen. Dabei muss ich gut darauf achten, nicht zu optimistisch zu wirken. Das würde den Anrufer sicher überfordern, er hat noch einen weiten Weg vor sich.

Für mich aber kann ich sagen, dass ich das Leben mit der geringen Sehkraft – jetzt unter 3% – angenommen habe, und dass ich dieser Krankheit viel Gutes verdanke. Viele beeindruckende Menschen hätte ich ohne sie nicht kennen gelernt, viele Freundschaften wären nicht entstanden.

Allerdings bin ich jeden Tag dankbar, dass ich mich noch gut orientieren kann, dass es nicht schwarz um mich geworden ist. Natürlich bin ich oft noch zu ungeduldig mit mir selbst. Früher machte ich viele Dinge gleichzeitig und schnell – heute brauche ich für eine Verrichtung das Dreifache an Zeit. Geduld muss ich lernen, immer wieder. Es ist ein wichtiger Erkenntnisprozess: Ich habe alle Zeit, die ich brauche. Es gibt nur einen Menschen, der mich unter Druck setzen kann: Das bin ich selbst! Immer wieder versuche ich, mich zu bremsen, freundlicher zu mir zu sein – es gelingt nicht immer!

„Geduld muss ich lernen, immer wieder.“

Es war ein weiter Weg bis hierhin: 1938 bin ich geboren, war verheiratet und habe zwei Kinder. Meine Mutter verstarb mit 98 Jahren. Oft fuhr ich quer durch Deutschland zu ihr. Wir freuten uns beide darüber, dass ich so viel Spaß am Reisen habe. Und dass bei sorgfältiger Planung jede Reise zu einem guten Ende kommt. Von ihr habe ich wohl meine seelische Stabilität. Sie war so zufrieden mit ihrem Leben, und so wie sie schaue ich jeden Abend, welche Erfahrungen, welche Dinge für mich gut und schön waren.

Verheiratet war ich mit einem Arzt. Er war die letzten Jahre sehr krank und seine Krankheit stand im Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Meine eigenen Beschwerden habe ich demgegenüber praktisch vernachlässigt. Dass ich immer schlechter sah, habe ich hingenommen, wohl auch überspielt. Noch während der Krankheit meines Mannes habe ich auf dem 2. Bildungsweg das Abitur gemacht und anschließend katholische Theologie studiert. In der Zeit der Trauer um ihn und um meine nachlassende Sehkraft half mir eine Ausbildung in Logotherapie und Existenzanalyse nach Viktor E. Frankl. Er war KZ-Überlebender und sagt, dass der Mensch in allem, was ihm begegnet, was er durchleidet, einen Sinn finden kann. Diese Haltung hat mich sehr geprägt. Ich glaube, dass es sinnvoll ist, bestimmte Zeiten zu durchleben, die schwer sind. Wir können Kraft daraus schöpfen. Und ich habe aus Krisen gelernt, dass selbst tiefe Abgründe einen Boden haben, und dass ich – bildlich gesprochen – immer wieder eine Leiter finde, die mich aus der Tiefe herausführt. Ich habe gelernt, nach Hilfe zu fragen und sie auch anzunehmen. Das war nicht immer leicht. Auch mit Hilfsmitteln umzugehen habe ich gelernt.

"So seltsam es klingt, für jemand, der wenig sieht: Ich bin nach wie vor ein Augenmensch!"

Seit 2000 lebe ich in Dresden. Die Wohnung ist so ausgesucht, dass ich die Geschäfte für den täglichen Bedarf gut erreichen kann. Große Einkäufe erledigt meine Freundin. Für den Alltag habe ich eine ganze Sammlung von Hilfsmitteln angelegt, die ich gerne Neuerkrankten zeige. So habe ich zum Beispiel farbige Punkte an die Waschmaschine geklebt, die zu fühlen sind und die verschiedenen Programme markieren. Angaben auf dem Messbecher sind mit erhabenen schwarzen Strichen gekennzeichnet. Kochen macht mir nach wie vor Freude. Da ist, wie auch sonst, der Computer eine große Hilfe. Ich suche Rezepte, drucke sie groß aus. Die Einkaufszettel sind im DIN A4 Format mit einem dicken schwarzen Stift geschrieben.

Manche Dinge vermisse ich natürlich: Früher habe ich Bücher quer gelesen. Das geht heute nicht mehr. Heute lese ich langsam mit Lupen und Lesegerät, auch wenn es sehr anstrengend ist. An Hörbücher habe ich mich noch nicht gewöhnen können. So seltsam es klingt, für jemand, der wenig sieht: Ich bin nach wie vor ein Augenmensch!

Für PRO RETINA bin ich jetzt fast in Vollzeit ehrenamtlich eingespannt als AMD-Patientensprecherin. Was mir dabei besonders am Herzen liegt, ist die Lebenssituation alter Menschen. Ich gehe oft in Seniorenheime und bin erschrocken, dass es manchmal so wenig Wissen um die Sehprobleme der Bewohner gibt. Das ist ein Thema, das noch immer ausgeblendet wird. Und um das ich mich kümmern will, solange mir die Kraft dazu geschenkt wird.

Zuletzt geändert am 22.08.2016 11:43