Erstmals Gentherapie gegen erbliche Form der Netzhautdystrophie zugelassen

Zum Endes des Jahres 2017 ist in den USA die erste Gentherapie gegen eine seltene Form der frühkindlichen Netzhautdystrophie zugelassen worden, die auf Mutationen im Gen RPE65 beruht. Die Lebensqualität der meisten Patienten konnte verbessert werden und Nebenwirkungen traten kaum auf.

Welche Erkrankung wird behandelt?

Die Gentherapie richtet sich gegen Netzhauterkrankungen die auf Mutationen im Gen RPE65 beruhen. Hierbei kommen über 30 unterschiedliche Mutationen vor. Das Gen RPE65 fungiert im Körper als Bauanleitung für ein wichtiges Enzym. Liegt hier eine Mutationen, also eine Veränderung vor, wird die Anleitung fehlerhaft und das Enzym kann nicht mehr korrekt produziert werden. Bei einem gesunden Menschen ist das Enzym im Pigmentepithel aktiv. Das Pigmentepithel ist eine Zellschicht in der Netzhaut, die den lichtempfindlichen Zellen (Photorezeptoren) anliegt und für deren Funktion unerlässlich ist. Hier dient das Enzym der Wiederherstellung des Sehpigments Rhodopsin. Ist es defekt, nehmen die Zellen der Netzhaut schweren Schaden und es kommt in der Regel bereits im jungen Kindesalter, teils von Geburt an, vor allem bei Dunkelheit zu schweren Seheinschränkungen. Oft führt die Erkrankung noch vor Erreichen des 20. Lebensjahres zur Erblindung. Je nach Verlaufsform wird die Erkrankung als Lebersche Kongenitale Amaurose (LCA) oder als Retinitis Pigmentosa (RP) diagnostiziert. In Deutschland sind laut DOG (Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft) bis zu 150-200 Menschen von dieser Form der Netzhautdystrophie betroffen.

Wie wirkt die Gentherapie?

Viren vermehren sich, in dem sie ihre eigene genetische Information in fremde Körperzellen einbringen. Dies macht sich die Gentherapie zunutze. Sie setzt sich grob gesagt aus zwei Komponenten zusammen: zum eine beinhaltete das Mittel ein verändertes Virus, zum anderen korrekte Kopien des RPE65-Gens, mit denen das Virus bestückt wird. Auf diese Weise fungiert das Virus als Vektor, also als Träger bzw. Transportmittel und schleust das korrekte RPE65-Gen in die Zellen des Pigmentepithels der Netzhaut ein. Ist der Vorgang erfolgreich, kann in diesen Zellen wieder ein funktionsfähiges Enzym produziert werden. Beschädigte Zellen nehmen ihre Funktion wieder auf und das Absterben weiterer Zellen wird gestoppt. Da einmal abgestorbene Netzhaut-Zellen jedoch nicht wiederbelebt werden können, sollte die Therapie möglichst frühzeitig durchgeführt werden.

Wie wird die Gentherapie angewendet und welche Nebenwirkungen treten auf?

Das Medikament, dass bei der Gentherapie verabreicht wird heißt Luxturna. Es wird mit einer Kanüle unter die Netzhaut in die Augen gespritzt. Als Sicherheitsmaßnahme werden die Augen dabei separat mit einem Abstand von mindestens sechs Tagen behandelt. Außerdem nehmen die Patienten rund um die Behandlung Corticosteroide ein, um das Risiko für unerwünschte Immunreaktionen zu senken.

Somit konnten bislang keine drastischen Nebenwirkungen beobachtet werden. Häufiger kam es durch den Eingriff zu Rötungen der Bindehaut, Linsentrübungen oder einer Erhöhung des Augeninnendrucks. In den meisten Fällen bildeten sich die Symptome jedoch wieder vollständig zurück.

Was ergaben bisherige klinische Studien?

Die Entwicklung von Luxturna startete vor über 20 Jahren. Nach sehr erfolgreichen klinischen Studien an Mäusen und Hunden konnten 2007 die ersten klinischen Studien am Menschen durchgeführt werden. Insgesamt wurde die Therapie mittlerweile an über 70 Patienten auf ihre Sicherheit getestet.

In einer Phase III-Studie mit 31 Patienten gab es sich schließlich auch im Hinblick auf die Wirksamkeit signifkante Ergebnisse: ein Jahr nach der Injektion zeigten die 20 Teilnehmer die mit Luxturna behandelt wurden, eine signifikant bessere Leistung in einem Hindernisparcour bei schlechten Lichtverhältnissen gegenüber der Kontrollgruppe.

Während sich die Sicht bei Dunkelheit also verbesserte, konnten im Hinblick auf die Sehschärfe im Hellen keine signifikanten Unterschiede beobachtet werden.

Primäres Ziel der Gentherapie bleibt jedoch, das Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern. Wie lange die beobachtete positive Wirkung anhält, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Es liegen bereits Ergebnisse vor, dass der Effekt mindestens über einen Zeitraum von einem Jahr erhalten bleibt. Und auch Patienten aus früheren kleineren Studien zeigen nach wie vor gute Ergebnisse, sodass sich auch ein längeres Bestehen von über drei Jahren andeutet.

Nach Zulassung der Therapie ist nun eine Beobachtungsstudie an behandelten Patienten geplant um die Sicherheit der Therapie auch über einen längeren Zeitraum zu überwachen und bewerten zu können.

Was kostet die Therapie und wann wird sie auch in Deutschland zugelassen?

Wie der Hersteller kürzlich bekannt gab, belaufen sich die Kosten auf 850.000 US Dollar. Der Hersteller hat auch in Europa die Zulassung von Luxturna beantragt. Wann die europäische Arzneimittelbehörde EMA ihre Entscheidung verkünden wird, ist allerdings noch unklar.

Quellen: aerzteblatt.de vom 21.12.2017

BR24 vom 22.12.2017

Pharmazeutische Zeitung online 20.12.2017

Lorenz et al., Universität Gießen, 2008

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Zuletzt geändert am 08.01.2018 17:31