Stammzellen helfen blinden Mäusen sehen

Unter diesem Titel berichtet Hanno Charisius in der Süddeutschen Zeitung vom 11.01.2017 über auch in anderen Medien veröffentlichte Forschungsarbeiten in Japan: die Transplantation von aus Stammzellen gezüchteten Photorezeptoren soll bei einem Teil der blinden Testmäuse zu einer Lichtempfindlichkeit geführt haben. Der Originalartikel zu dieser Arbeit ist nachzulesen im Fachblatt Stem Cell Reports unter dem Titel " iPSC-Derived Retina Transplants Improve Vision in rd1 End-Stage Retinal-Degeneration Mice". Wir möchten Ihnen hier den hervorragenden und kritischen Beitrag aus der Süddeutschen Zeitung zur Kenntniss bringen:

Umprogrammierte Stammzellen geben blinden Mäusen wieder etwas Augenlicht. Experten sprechen von einem großen Schritt, doch vieles ist noch unklar.

Nach einer Behandlung mit Stammzellen können blinde Mäuse wieder Licht von Dunkel unterscheiden. Japanische Biologen und Mediziner haben den Versuchstieren, die wegen einer Mutation sämtliche Photorezeptoren ihrer Netzhaut verloren hatten, Ersatzgewebe in die Augen transplantiert. Dieses baute sich zum Teil in das Organ ein. Nach einer Trainingsphase konnte fast jedes zweite Tier auf Licht reagieren, berichten die Forscher im Fachblatt Stem Cell Reports.

Die Wissenschaftler um die Augenärztin Michiko Mandai vom Riken Center for Developmental Biology in Kobe verwendeten induzierte Stammzellen, die aus normalem Körpergewebe gewonnen und im Labor einem chemischen Jungbrunnen ausgesetzt werden. Diese Zellen können sich, in eine Art Urzustand zurückversetzt, zu verschiedenen Gewebetypen entwickeln. Im aktuellen Experiment waren das Photorezeptoren für das Auge. Die im Labor gezüchteten Sehzellen verpflanzte Mandai in die blinden Augen der Versuchstiere. Untersuchungen zeigten, dass die Ersatzzellen Kontakt mit dem Nervengewebe der blinden Tiere herstellten. "Das ist ein großer Schritt", sagt Gerd Kempermann, Sprecher des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen in Dresden. Wie weitgehend die Integration stattgefunden habe und wie sie überhaupt möglich sei, bleibe allerdings unklar.

Für die zurückgewonnene Lichtempfindlichkeit der Versuchstiere gibt es auch andere Erklärungsansätze. Neben den Photrezeptoren existieren weitere Zellen im Auge, die auf Licht reagieren und bei Mäusen und Menschen für eine Wahrnehmung der Umgebungshelligkeit sorgen. Zudem mussten die Forscher einen Trick anwenden, damit die reparierten Mäuseaugen Helligkeitsunterschiede ausmachen konnten. Ein großer Teil des transplantierten Ersatzgewebes formt unnatürliche Gebilde, die als Rosetten bezeichnet werden. Zwar funktionieren die Photorezeptoren auch in diesem falsch angeordneten Zellverband, doch müssen die Forscher sie von außen mit Substanzen versorgen, die normalerweise Zellen liefern, mit denen korrekt angeordnete Sehzellen in direktem Kontakt stehen.

Netzhautforscher kennen solche falschen Anordnungen der Photorezeptoren auch aus anderen Experimenten. Und auch sie nutzen den Kunstgriff mit den nachgereichten Substanzen, erklärt Marius Ader, der an der Technischen Universität Dresden regenerative Therapien für die Retina erforscht. Um die Zahl der falsch angeordneten Sehzellen für zukünftige Versuche zu reduzieren, seien neue Techniken der Zellzucht notwendig, sagt Ader. Auch deshalb sieht er in der neuen Studie noch nicht den großen Durchbruch. Zudem fehlen ihm detailliertere Analysen der Verschaltung zwischen implantiertem Ersatzgewebe und den Nervenzellen der Mäuse. "Die Tiere können Licht wahrnehmen, aber ob das echtes Sehen ist, wurde nicht gezeigt."

Studienleiterin Mandai glaubt zwar, dass die transplantierten Photozellen Grund für das zurückgewonnene Augenlicht sind, doch auch sie rechnet nicht damit, dass die Mäuse wirklich sehen. "Wir können derzeit nicht erwarten, das Sehvermögen wieder herzustellen", erklärt sie. Das gelte auch für Menschen, die durch eine Krankheit ihre Sehzellen verloren haben. Hell-Dunkel-Unterscheidung hält sie jedoch für möglich, vielleicht sogar das Erkennen großer Strukturen. Nun möchte die Forscherin menschliche Stammzellen in Mäuse verpflanzen und an anderen Versuchstieren erproben, bevor sie Studien an Menschen startet.

Autor: Hanno Charisius

Quelle: SZ.de vom 11.1.2017

Originalveröffentlichung: Stem Cell Reports Volume 8, Issue 1, p69–83, 10 January 2017

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Zuletzt geändert am 17.01.2017 13:37