Erbliche Augenkrankheiten mit Genen heilen

Einen interessanten Übersichtsartikel zu Gentherapien von Nicole Schuster haben wir in einer Ausgabe der Pharmazeutischen Zeitung gefunden:

Genetisch bedingte Erkrankungen der Augen könnten sich möglicherweise bald mit Gentherapie heilen lassen. Eine entsprechende Studie läuft aktuell an der Universität Tübingen. Risiken und langfristiger Nutzen müssen allerdings weiter untersucht werden.

Im Fokus der Gentherapie stehen Erbkrankheiten, also Erkrankungen, denen ein Defekt an einer Erbanlage zugrunde liegt. Diesen versuchen Ärzte zu kompensieren, indem sie Nukleinsäuren mit der korrekten Erbinformation in die entsprechende Zelle einschleusen. Die Transportsysteme sind in der Regel spezielle nicht pathogene Viren, die dann als Vektoren bezeichnet werden. Ihr Erbmaterial für die Vermehrung wird entfernt und die verbliebenen leeren Vehikel therapeutisch genutzt. Ein bevorzugter viraler Vektor sind Adeno-assoziierte Viren. Sie können sich weder vermehren noch Krankheiten verursachen.

Potenziell krebserregend

Da das Einbringen von Genmaterial poten­ziell Krebs verursachen kann, ist bei der Entwicklung dieser Verfahren größte Vorsicht geboten. Die Gentherapie wurde daher bislang nur bei wenigen Krankheiten am Menschen erprobt. Zu den Leiden, die bereits besser untersucht sind, gehören bestimmte Erbkrankheiten des Auges, etwa erb­liche Netzhauterkrankungen. Hier sind die Fotorezeptoren des Auges vom Gendefekt betroffen. Patienten haben eine angeborene Sehschwäche oder sie erleiden einen fortschreitenden Verlust der Sehfähigkeit, der schließlich zur Erblindung führt.

Das Auge erweist sich als ein idealer Körperteil für gentherapeutische Verfahren, da es ein abgegrenztes System darstellt und als Organ von außen gut zugänglich ist. Zudem ist es relativ unbeeinflusst vom Immunsystem, sodass die Gefahr von Abwehrreaktionen gering ist.

Erste Studien hatten vielversprechende Ergebnisse. So konnten in einer fünfjährigen Untersuchung mit mehr als 30 Patienten, die aufgrund einer erblichen Netzhauterkrankung bereits nahezu erblindet waren, nicht nur die Sicherheit belegt, sondern auch die Sehkraft vieler Teilnehmer verbessert werden. Auf Heilung können trotzdem bislang nur wenige hoffen. Der Grund ist, dass Mediziner bereits mehr als 200 verschiedene Gendefekte kennen, die eine erbliche Netzhauterkrankung verursachen können. Die gentherapeutische Behandlung muss daher für jeden dieser Defekte spezifisch entwickelt werden.

Ein weiteres Problem ist, dass die Nachhaltigkeit der Behandlung noch unklar ist. So merkten Wissenschaftler bei einer Studie, dass die Sehfähigkeit bei einigen Patienten nach wenigen Jahren wieder nachließ. Bei anderen Patienten blieb die Sehfunktion hingegen sogar noch acht Jahre nach der Behand­lung konstant so erhalten wie unmittelbar nach der gentherapeutischen Behandlung.

Ärzte und Naturwissenschaftler vom Department für Augenheilkunde in Tübingen und vom Department Pharmazie der Ludwig-Maximilians-Universität München entwickelten gemeinsam eine Gentherapie für die Behand­lung von Patienten mit der seltenen, erblichen Netzhauterkrankung Achromatopsie. Betroffene können keine Farben unterscheiden und leiden zudem unter erhöhter Lichtempfindlichkeit, Augenzittern und einer mangelnden Sehschärfe. Die Vererbung erfolgt autosomal-rezessiv, Männer und Frauen sind gleich häufig betroffen.

Injektion ins Auge

Am Universitätsklinikum Tübingen wird im Rahmen einer noch bis Ende 2017 laufenden klinischen Studie das neue Verfahren erstmals am Menschen getestet. Als Vektoren dienen Adeno-assoziierte Viren. Der Eingriff erfolgt unter lokaler Betäubung. »Wir injizieren die viralen Vektoren mit einer ultrafeinen Kapillare unter die Retina. Die Netzhaut legt sich unmittelbar danach wieder von selbst an und die Wunde heilt schnell ab«, erklärt Professor Dr. Dominik Fischer von der Universität Tübingen gegenüber der PZ.

Die eingespritzten Viren schleusen dann eine gesunde Kopie des bei der Krankheit defekten Gens in die Zellen ein. Diese können das intakte Gen nutzen und die dort enthaltenen Informationen zur Herstellung bestimmter Prote­ine für die normale biologische Funktion verwenden.

Der Eingriff bringt nach jetzigem Kenntnisstand über die normalen Operationsrisiken wie mögliche Entzündungen oder die Notwendigkeit einer Nachoperation bei unzureichendem Ergebnis keine weiteren Risiken mit sich. Die Gefahr, dass die Gentherapie am Auge wie in anderen Fällen Krebs erzeugen könnte, ist nach Meinung der Experten wohl nicht vorhanden. »In der Retina findet keine Zellteilung mehr statt. Daher können wir einen Vektor verwenden, der sich nicht in das Genom integriert, und damit das Ent­artungsrisiko drastisch verringern«, sagt Professor Dr. Bernd Wissinger, ebenfalls von der Universität Tübingen.

Noch keine Langzeitdaten

Endgültige Aussagen darüber, wie nachhaltig gentherapeutische Verfahren am Auge sind, kann aber auch das Forscherteam aus Tübingen noch nicht machen. »Für Patienten, die bei uns operiert wurden, liegen erst Daten für einen Nachbeobachtungszeitraum von wenigen Monaten vor. In dieser Zeit sind erfreulicherweise nur Anzeichen für Verbesserungen aufgetreten«, sagt Wissinger.

Die Erfolgsaussichten hängen auch vom Erkrankungsbild ab. Bei vielen erblichen Netzhauterkrankungen sei es für ein gutes Ergebnis wichtig, sehr früh, also schon im Kindesalter, zu operieren. Ein Beispiel ist die Retinitis pigmentosa, die zu einer fortschreitenden Zerstörung der Netzhaut führt. »Je früher wir hier eingreifen, desto eher können wir den Prozess aufhalten und Netzhautgewebe vor dem Untergang bewahren«, so Fischer.

Bei der Dosierung gehen die Ärzte bisher nach dem Motto »je mehr desto besser« vor, um möglichst viele Zellen mit fehlerhaftem Erbmaterial zu reparieren. Für den Erfolg der Behandlung ist es aber nicht erforderlich, wirklich alle Zellen mit defekten Genen zu erwischen. »Wir wissen aus Vorstudien, in welchem Bereich der Netzhaut die Zellen liegen, bei deren Behandlung der größte Nutzen zu erwarten ist«, sagt Fischer. So befinden sich die Zielzellen für die Gentherapie bei der Achromatopsie im Zentrum der Netzhaut, an der Stelle des schärfsten Sehens. Das ist auch das Zielgebiet für eine gentherapeutische Behandlung der feuchten Form der altersbedingten Makuladegeneration, die Ärzte ebenfalls derzeit mit Gentherapie zu behandeln versuchen.

Dieser Beitrag ist erschienen in der Ausgabe 32/2016 der Pharmazeutischen Zeitung online, Autorin ist Nicole Schuster.

Quelle: Pharmazeutische Zeitung online

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Zuletzt geändert am 21.09.2016 09:59