Akupunktur bei Netzhauterkrankungen: Stellungnahme der PRO RETINA

Stellungnahme des Arbeitskreises Klinische Fragen (AKF) der PRO RETINA Deutschland e.V. zur Anwendung von Akupunktur bei Retinitis pigmentosa und anderen erblichen Netzhauterkrankungen

Einleitung:

RP-­Patienten und Patienten mit anderen erblichen Netzhauterkrankungen wird mitunter angeboten, die Erkrankung mittels Akupunktur zu behandeln. Als Grundlage wird meist angeführt, dass Akupunktur zur Verbesserung der okulären Durchblutung, insbesondere der Aderhautdurchblutung führt. Viele Patienten wenden sich an die PRO RETINA mit der Frage, ob eine solche Behandlung sinnvoll sei. Daher hat sich der Arbeitskreis Klinische Fragen (AKF) der PRO RETINA, der sich mit klinischen Fragestellungen befasst und die PRO RETINA dahingehend berät, mit dieser Problematik beschäftigt.

Methodik:

Es wurde die veröffentlichte Literatur dahingehend geprüft, ob klinische Studien zur Wirksamkeit bei Retinitis pigmentosa oder anderen erblichen Netzhauterkrankungen veröffentlicht wurden.

Ergebnis:

Es konnte eine Pilotstudie zur Wirksamkeit von Elektroakupunktur identifiziert werden (Bittner et al.). Es wurden 12 Patienten behandelt und vorher und nach der Behandlung mit verschiedenen Tests untersucht. Sechs der 12 Patienten wiesen Verbesserungen insbesondere bei der Wahrnehmung im Dunkeln auf, die nach Aussagen der Autoren über die Messschwankungen hinausgingen. Änderungen von Sehschärfe und Gesichtsfeld zeigten sich jeweils bei einem Patienten. Die Studie war zwar prospektiv, aber nicht kontrolliert und muss daher als Pilotstudie angesehen werden. Da eine Kombination aus lokaler und systemischer Akupunktur zur Anwendung kam, müsste eine Kontrollgruppe mit Schein-­ akupunktur behandelt werden, da ein Augenvergleich nicht möglich wäre.

(Quelle:Bittner AK; Goul JM, Rosenfarb A, Rozanski C, Dagnelie G: A pilot study of an acupuncture protocol to improve visual function in retinitis pigmentosa patients; Clin Exp Optom. 2014; 97:240-­7);

Ansonsten konnte keine Publikation identifiziert werden, in der eine klinische Studie zur Wirksamkeit bei Retinitis pigmentosa oder anderen erblichen Netzhauterkrankungen veröffentlicht wurde.

Folgende Veröffentlichungen beinhalten interessante Aspekte zu dieser Fragestellung:

Kiser AK, Dagnelie G. Reported effects of non-traditional treatments and complementary and alternative medicine by retinitis pigmentosa patients. Clin Exp Optom. 2008 Mar;91(2):166-­76:

96 RP-­Patienten wurden nach ihren Erfahrungen mit komplementärer und alternativer Medizin (CAM) befragt. 21% gaben an, mit Akupunktur behandelt worden zu sein. Subjektiv wurde das Sehen durch Akupunktur bei 61% dieser behandelten Patienten positiv beeinflusst (sonstige CAM ohne Akupunktur: 20–35%).

Ma RL, Zhou GM, Zhang R. Restraining effects of acupuncture on photoreceptor cell apoptosis in rats with retinitis pigmentosa induced by N-­methyl-‐N-­nitrosourea. Zhongguo Zhong Xi Yi Jie He Za Zhi. 2009 Jan;29(1):43-­5:

Bei dieser Untersuchung wurde bei Ratten eine künstliche Netzhautdegeneration erzeugt (MNU-­Retinopathie). Eine Gruppe von Ratten wurde mit Akupunktur behandelt, die andere nicht. Anschließend wurden Hinweise auf Zelluntergang (Apoptose) untersucht. Apoptose wurde auch in der behandelten Gruppe beobachtet, jedoch in geringerem Ausmaß als bei den nicht behandelten Tieren. Angaben zur Anzahl der Tiere fehlen.

Pagani L, Manni L, Aloe L. Effects of electroacupuncture on retinal nerve growth factor and brain-­derived neurotrophic factor expression in a rat model of retinitis pigmentosa. Brain Res. 2006 May 30;1092(1):198-­206. Epub 2006 May 11.:

Bei dieser Untersuchung wurden 7 Ratten mit einer erblichen Netzhautdegeneration (RCS-­Ratten) behandelt. Nach 11 Tagen Elektroakupunktur konnte eine Hochregulation eines Wachstumsfaktors in der Netzhaut (retinaler Nerve Growth Factor) sowie vermehrte Expression von „NGF High‐Affinity Receptor (TrkA)“ beobachtet werden. Die Schichtdicke der Photorezeptorenkerne (ONL-­Dicke) hatte zugenommen.

Einige chinesischsprachige Artikel geben in Titel oder Abstrakt an, dass Akupunktur bei Retinitis pigmentosa positiv wirken würde. Aufgrund der sprachlichen Barriere konnte das nicht beurteilt werden.

Beurteilung und Empfehlung:

Nach Recherche des AKF konnte nur eine klinische Studien über die Wirksamkeit von Akupunktur bei Retinitis pigmentosa oder anderen erblichen Netzhautdegenerationen identifiziert werden. Dabei handelte es sich jedoch um eine nicht kontrollierte Pilotstudie. Ansonsten fanden sich in der Literaturrecherche Befragungen von Patienten oder vorläufige Hinweise aus Tierversuchen, die nicht als Wirksamkeitshinweis oder –nachweis gewertet werden können. Auch schließen sie mögliche Schäden bei der Anwendung beim Menschen nicht aus.

Zusammenfassend ist somit festzustellen, dass eine Akupunkturbehandlung bei den genannten Netzhauterkrankungen nicht ohne Weiteres empfohlen werden kann und in jedem Fall noch weitere Studien abgewartet werden müssen. Wie bei allen nicht durch angemessene klinische Studien belegten Therapieverfahren muss darauf hingewiesen werden, dass bei Anwendung nicht nur ein fehlender Nutzen möglich sein könnte, sondern potenziell auch ein Schaden bewirkt werden könnte, daher sollte die Akupunktur unbedingt von erfahrenen Anwendern und unter Kontrolle des Sehvermögens durchgeführt werden. Allerdings ist festzustellen, dass der Methode ein Potenzial nicht abzusprechen ist.

Abschließend ist zu fordern, dass von den Befürwortern der Anwendung von Akupunktur bei erblichen Netzhautdegenerationen entsprechende Untersuchungen durchgeführt werden.

Sollten den Leserinnen und Lesern dieser Stellungnahme belastbare Veröffentlichungen bekannt sein, die einen anderen Schluss erfordern als der hier gezogene, bitten wir diese der PRO RETINA mitzuteilen.

Arbeitskreis Klinische Fragen des Wissenschaftlich-­Medizinischen Beirats der PRO RETINA Deutschland e.V., Juni 2014

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Zuletzt geändert am 15.04.2015 17:29