Therapieansätze zur Trockenen AMD

Therapieansätze zur Trockenen AMD hat ein Artikel von Dr. med. Ronald D. Gerste, der jetzt im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht wurde zum Thema.

Es finden sich darin viele allgemeine und aktuelle Informationen über die trockene Form der AMD, Therapieansätze und Studienergebnisse. Wir geben den Artikel daher - auch wenn er ein wenig länger geraten ist - gerne an Sie weiter.

Trockene Makuladegeneration: Modulation des Sehzyklus

80 Prozent der Patienten mit altersabhängiger Makuladegeneration leiden an der trockenen Variante, gegen die es bislang keine Therapie gab. Nun geben mehrere Verfahren den Betroffenen mittelfristig Anlass zur Hoffnung.

Für die überwiegende Mehrheit der etwa vier Millionen älterer Menschen in Deutschland mit einer altersabhängigen Makuladegeneration (AMD) muss es frustrierend gewesen sein, dass eine der größten therapeutischen Fortschritte in der Augenheilkunde an ihnen vorbeigegangen ist.

Gegen die feuchte Makuladegeneration gibt es seit 2006 mehrere Medikamente, die ins Auge injiziert werden und die für diese Krankheit so charakteristischen Neovaskularisationen in der Stelle des schärfsten Sehens stoppen: die für diese Indikation entwickelten Medikamente Pegaptanib (Macugen®) und Ranibizumab (Lucentis®) sowie das off-label eingesetzte Bevacizumab (Avastin®), dessen günstiger Preis ihm bei Krankenkassen und Gesundheitspolitikern enorme Beliebtheit verschaffte.

Die feuchte Form indes befällt nur jeden Fünften unter den AMD-Patienten; die übrigen 80 Prozent leiden an der trockenen Variante, die auch die atrophische oder geografische AMD genannt wird. Atrophie zu verhindern ist ungleich schwieriger, als die Bildung neuer Blutgefäße zu hemmen – dieser Ansatz, die Anti-Neoangiogenese, ist seit Jahren in der Krebstherapie etabliert und kommt eben auch Menschen mit feuchter AMD zugute.

Gegen die trockene Form gibt es bislang (neben dubiosen Selbstzahlermethoden wie Sauerstofftherapie und Ähnlichem) nur die Prophylaxe – die durch mehrere Studien weitgehend dokumentierte protektive Wirkung der jahrelangen Zufuhr von Antioxydanzien wie verschiedenen Vitaminen (vor allem C und E) und Spurenelementen (Zink) und der in Meeresfischen enthaltenen ungesättigten Omega-3-Fettsäuren. Und natürlich der Verzicht auf das Rauchen.

Da man abgestorbene Photorezeptoren nicht ersetzen kann, müssen Betroffene wie Ophthalmologen ihre Hoffnungen auf eine Hemmung dieses Zelltodes setzen und damit auf das Stoppen einer AMD in ihrem Anfangsstadium, bevor das Sehvermögen nachhaltig geschädigt ist. Immerhin – dies wurde jetzt auf dem Kongress der American Academy of Ophthalmology in Orlando deutlich – sind endlich Wirkstoffe in der Pipeline, die ein Potenzial haben, den Zelltod in der Makula aufzuhalten.

Lipofuszin ausschalten

Ein Abfallprodukt des Zellstoffwechsels der Netzhautzellen, das als mit der trockenen AMD assoziiert gilt, ist A2-E (N-retinylethanolamin), ein molekularer Bestandteil des sogenannten Alterspigments Lipofuszin. Ein pharmakologisches Eingreifen zur Verhinderung der Anreicherung von A2-E und Lipofuszin – somit eine Modulation des Sehzyklus, bei dem diese Stoffe anfallen und nicht mehr aus dem Auge des älteren Menschen abtransportiert werden können – erscheint als ein rationaler therapeutischer Ansatz, um die Progression der trockenen AMD zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen.

Retinol-Blutspiegel senken

Ein Kandidat für eine solche Strategie ist Fenretinide, ein Stoff, der im Sehzyklus mit dem Retinol (Vitamin A) konkurriert. Durch die Reduzierung des Spiegels von im Blut zirkulierendem Retinol soll auch der Gehalt toxischer Metabolite des Retinols wie A2-E in der Netzhaut gesenkt werden. Fenretinide befindet sich zurzeit in der Phase-II-Erprobung. Systemisch habe es sich in rund 8.000 Patientenjahren (es wird unter anderem auch in der Onkologie eingesetzt) als gut verträglich erwiesen.

In einer Studie zur Entwicklung der trockenen AMD unter Fenretinide-Therapie erhalten zurzeit 80 Patienten täglich 100 mg und 84 Patienten 300 mg des Wirkstoffes; eine Kontrollgruppe von 82 Patienten bekommt ein Placebo. In der Gruppe der mit 300 mg Fenretinide versorgten Patienten sei nach 18 Monaten, so berichtete Prof. Dr. med. Frank Holz, Leiter der Universitätsaugenklinik Bonn, das Wachstum der atrophischen Zone der Makula deutlich geringer gewesen als in den beiden anderen Gruppen. Die häufigste Nebenwirkung ist eine Verminderung der Fähigkeit zur Dunkeladaptation, die sich bei 35 Prozent der Patienten bemerkbar machte. Bei jedem Zehnten mit hochdosierter Fenretinide-Therapie entwickelte sich eine Anämie.

Molekül ACU-4429

Ein kleines Molekül, das ebenfalls den Sehzyklus moduliert, ist ACU-4429. Im Mausmodell hat die Substanz die Akkumulation von A2-E verhindern können. In einer Phase-I-Studie an 125 gesunden Probanden wird momentan die Verträglichkeit von ACU-4429 getestet. Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hat der weiteren Testung der Substanz aufgrund des großen Bedarfs an einer Therapie oder zumindest einer Progressionsprävention jetzt "fast track"-Status gewährt – die klinische Testung verläuft also beschleunigt und nicht unter ganz so vielen Regularien wie üblich.

Encapsulated Cell Technology

Geradezu kühn erscheint der Ansatz, einen Stoff operativ in den Glaskörper einzusetzen, der kontinuierlich – wie ein klassischer intraokularer Medikamententräger – nicht nur die Netzhaut schützende Faktoren abgibt, sondern sogar im Auge produziert. Auf diese Weise wird die Wirksamkeit eines Ciliary Neutrophic Factor (kurz: CNTF) untersucht, der zur Apoptose führenden Einflüssen "Paroli" bietet.

Unter der Bezeichnung Encapsulated Cell Technology (kurz: ECT) haben Bioingenieure in den USA ein Implantat entwickelt, das aus einer sechs Millimeter langen und knapp einen Millimeter dicken, semipermeablen Polymerkapsel besteht. Diese wird im Rahmen eines etwa 20-minütigen Eingriffs (Vitrektomie) in den Glaskörper des Auges eingebracht und soll dort circa drei Jahre verbleiben. Im ECT befinden sich genetisch veränderte Zellen von menschlichem retinalen Pigmentepithel. Diese Zellen produzieren CNTF, der kontinuierlich durch die kleinen Poren des Implantats abgegeben wird und das Absterben von Netzhautzellen verhindern soll.

Dass dieses Prinzip klinisch durchaus funktionieren kann, belegen jetzt erste mit ECT an Patienten mit Makuladegeneration vorgenommene Studien. In einer Gruppe von 51 an trockener AMD leidenden Patienten eines Durchschnittsalters von rund 75 Jahren wurde jeweils ein ECT implantiert oder eine Scheinimplantation vorgenommen. Nach zwölf Monaten zeigte sich bei den Betroffenen, deren schon geschädigte Netzhaut durch den Zellträger kontinuierlich mit CNTF versorgt wurde, eine deutliche Verlangsamung des Zelluntergangs. Ein stabiles Sehvermögen hatten 96 Prozent der Patienten mit dem Implantat und 75 Prozent der Unbehandelten.

Es sei wie bei einer Bäckerei, die jeden Morgen frisches Brot anbietet – mit diesem Vergleich stellte Baruch Kuppermann von der University of California in Irvine die Neuheit vor. Über den Preis der "Backwaren" kann momentan nur spekuliert werden.

Quelle: Deutsches Ärzteblatt

Zum Newsletter-Archiv

Hier können Sie sich für den Newsletter an- oder abmelden.

Zuletzt geändert am 28.12.2013 12:27