Narkosemittel Propofol: Neuer Ansatz bei RP?

Laut einer Meldung der Ludwig-Maximilian-Universität München versuchen Forscher, "blinde" Nervenzellen für Lichtreize empfänglich zu machen, um so beispielsweise defekte Photorezeptoren umgehen zu können.

Propofol: Wirkung und Anwendung

Propofol ist eines der gängigsten Narkosemittel. Nun ist es gelungen, einen lichtabhängigen Schalter in den Wirkstoff einzubauen - und so bei Kaulquappen dessen Wirkung reversibel, also an- und ausschaltbar zu steuern. Eine mögliche Anwendung ist die Behandlung von Sehstörungen.

Nervenzellen werden an der Weitergabe von Reizen gehindert, indem sogenannte inhibitorische Transmitter (hemmend wirkende Überträgersubstanzen) das Auslösen eines elektrischen Impulses erschweren. Dieser Effekt wird in der Medizin für die Anästhesie genutzt, teilt die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München mit. Das Narkosemittel Propofol etwa wirkt, indem es die Rezeptoren aktiviert, an die auch der wichtigste inhibitorische Neurotransmitter - Gamma-Aminobuttersäure GABA - bindet und das Öffnen feiner Ionenkanäle in der Zellmembran bewirkt. Durch diese Kanäle strömen negativ geladene Chloridionen in die Zelle, was eine Hyperpolarisation (Senkung des Menbranpotentials einer Muskel- oder Nervenzelle) bewirkt.

Das Spezialgebiet des LMU-Chemikers Dirk Trauner ist es, ursprünglich "blinde" Nervenzellen für Lichtreize empfänglich zu machen. Nun ist es ihm gemeinsam mit Amerikanischen und Schweizer Kollegen gelungen, den GABA-Rezeptor lichtabhängig steuerbar zu machen - und zwar mithilfe eines Propofol-Derivats: "Wir haben einen molekularen Schalter in Propofol eingebaut und so ein photoschaltbares Molekül entwickelt, das im Dunkeln sogar eine etwas stärkere Wirkung als Propofol selbst hat", berichtet Trauner, der Professor für Chemische Biologie und Genetik an der LMU ist und auch dem Exzellenzcluster CIPSM (Center for Integrates Protein Science, gilt als führende Einrichtung der Proteinforschung in Deutschland) angehört.

Schlaflos im Hellen

Licht hebt die Wirkung des Moleküls auf, wie die Wissenschaftler an Kaulquappen zeigen konnten: In einem Bad mit einer geringen Konzentration des Propofol-Derivats wurden die Tiere zunächst erwartungsgemäß betäubt. Die anschließende Bestrahlung mit violettem Licht dagegen hatte promptes Erwachen zur Folge - die Tiere bewegten sich aber nur so lange wieder, wie das Licht an blieb: Im Dunkeln fielen sie erneut in Narkose. Der Effekt ist reversibel und die Kaulquappen erholten sich voll, sobald sie in ein normales Wasserbad gelegt wurden.

Künftige Anwendungsgebiete

Mögliche therapeutische Anwendungen sieht Trauner bei der Behandlung bestimmter Augenkrankheiten: In vielen Formen der Blindheit, etwa bei Retinitis pigmentosa, sind die Photorezeptoren im Auge defekt - während das darunterliegenden Gewebe intakt ist und ebenfalls durch einfallendes Licht erreicht werden kann. "Hier befinden sich auch GABA-Rezeptoren, die mit dem von uns entwickelten Molekül prinzipiell lichtempfindlich gemacht werden könnten, sodass die defekten Photorezeptoren umgangen werden", sagt Trauner, der bereits an einer möglichen Anwendung in der Netzhaut arbeitet. (Angewandte Chemie, September 2012) göd

Publikation: Azo-Propofols: Photochromic Potentiators of GABAA Receptors. Marco Stein, Simon J. Middendorp, Valentina Carta, Ervin Pejo, Douglas E. Raines, Stuart A. Forman, Erwin Sigel and Dirk Trauner. Angew. Chem. Int. Ed. 2012, 51, 1 – 5. DOI: 10.1002/anie.201205475.

Quelle: Ludwig-Maximilians-Universität München

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Zuletzt geändert am 28.12.2013 11:42