Sehen auf Knopfdruck

- dies ist die Überschrift eines Beitrages von Katrin Blawat, der heute im Wissenschaftsteil der Süddeutschen Zeitung (SZ) veröffentlicht wurde. Das in Tübingen von der Gruppe um Prof. E. Zrenner entwickelte Subretinale Netzhaut-Implantat ist das Thema dieses anschaulichen Artikels. Aktueller Anlass ist die online- Veröffentlichung der Arbeit des Tübinger Teams (worüber schon mehrfach auch im Newsletter berichtet wurde) in der englischen Fachzeitschrift "Procceedings of the Royal Society B" und diverse Beiträge in den britischen Medien.

Hier nun der Artikel aus der SZ vom 3.11.2010, von Katrin Blawat:

"Zunächst wackelte die Welt für den 44-jährigen Patienten noch etwas, als er nach fast 30 Jahren wieder Licht und Schatten, Gegenstände und sogar einzelne Buchstaben erkennen konnte. Dann gewöhnten sich Augen und Gehirn langsam an den Chip, den Tübinger Ärzte dem Mann unter die Netzhaut eingesetzt hatten - und der Blinde wurden zum Sehenden.

Wissenschaftler von der Universität Tübingen haben in einer Pilotstudie drei Blinden einen Netzhautchip eingepflanzt. Mit dessen Hilfe konnten die Teilnehmer diverse Sehaufgaben erfüllen. Das elektronische Implantat soll die lichtempfindlichen Zellen in der Netzhaut des Mannes ersetzen, die von der Krankheit Retinitis Pigmentosa zerstört wurden. Wie sie Blinden mit Hilfe eines Chips wieder zu etwas Sehfähigkeit verhelfen, berichtet das Team um Eberhart Zrenner nun in den Proceedings of the Royal Society B (online); auf einer Pressekonferenz hatten die Ärzte ihre Ergebnisse bereits im vergangenen Jahr präsentiert. Insgesamt elf Patienten haben den Netzhaut-Chip in Tübingen bislang erhalten. Doch nur der 44-Jährige erlangte daraufhin nach Angaben der Ärzte 2,1 Prozent der normalen Sehfähigkeit. Auf die präzise Angabe legen die Forscher Wert, denn offiziell gilt ein Mensch als blind, wenn er weniger als zwei Prozent der üblichen Sehfähigkeit besitzt. Nach der Operation konnte der Mann aus 60 Zentimeter Abstand sechs Zentimeter große Buchstaben erkennen. Zwei weitere Patienten erkannten helle Gegenstände auf einem dunklen Tisch. "Die Pilotstudie zeigt, dass es prinzipiell möglich ist, Blinden mit einem Chip einen Teil der Sehfähigkeit zurückzugeben", sagt Zrenner.

Die von ihm implantierten Chips stammen von der Firma Retina Implant, dessen Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender Zrenner ist. Auf dem drei mal drei Millimeter großen Chip befinden sich 1500 sogenannte Photodioden - ein gesunder Mensch besitzt etwa 130 Millionen Lichtsinneszellen. Die Dioden wandeln das ins Auge fallende Licht in elektrische Impulse um, die verstärkt und wie bei Normalsichtigen ans Gehirn weitergeleitet werden. Ein dünnes Kabel, das hinter dem Ohr aus dem Kopf des Patienten nach außen tritt, verbindet das Implantat mit einem kleinen Akku-Kästchen. Ein Knopfdruck, und der Blinde wird zum Sehenden - bis dieses Szenario zum klinischen Alltag gehört, werde es noch dauern, sagt Zrenner.

Viele Fragen müssen geklärt werden: Wie lange hält der Chip? Vertragen ihn die Patienten dauerhaft? Kann er Blinden helfen, bei denen auch andere Zelltypen in der Netzhaut durch die jahrelange Inaktivität verkümmert sind?

Einen anderen Ansatz, um Menschen mit degenerierter Netzhaut zu helfen, erforscht die kalifornische Firma Second Sight. Ihr Implantat liegt nicht unter, sondern auf der Netzhaut. Der Chip verarbeitet nur Bilder, die eine in eine Brille eingebaute Kamera aufgenommen hat. Allerdings hat dieser Chip nur 60 Elektroden, dafür ist die Operation unkomplizierter.

Noch sei es zu früh, endgültig über die beste Methode zu entscheiden, sagt Zrenner. Im kommenden Jahr startet in Großbritannien eine weitere klinische Studie mit den Tübinger Chips."

Quelle:

http://sueddeutsche.de/wissen/hirnforschung-sehen-auf-knopfdruck-1.1018958

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Zuletzt geändert am 31.12.2013 12:28