Zapfen-Stäbchen-Dystrophie (ZSD)

Zweites Seminar für ZSD-Betroffene 2005

Michael Emmerich, Ansprechpartner für Zapfen – Stäbchendystrophie, Bernd Schwarz

Am 18. November 2005 fand in München das zweite Seminar für Betroffene mit der Diagnose Zapfen-Stäbchen-Dystrophie statt, an dem 28 Interessenten teilnahmen.

Wichtige Untersuchungen zur Diagnosestellung

Als erster Referent erläuterte der Augenarzt Dr. Rohleder von der Universitätsklinik München, wodurch sich das Krankheitsbild der ZSD von anderen Netzhautdystrophien unterscheidet. Hierbei legte er seinen Schwerpunkt auf die diagnosespezifischen Besonderheiten des Augenhintergrunds von ZSD-Betroffenen und erläuterte die verschiedenen elektrophysiologischen Untersuchungsmethoden. Als besonders wichtige Untersuchung um die Diagnose ZSD stellen zu können, nannte er das Elektroretinogramm (ERG). Diese sehr lichtintensive Untersuchung zeigt wie stark die Zapfen oder Stäbchen der gesamten Netzhaut betroffen sind. Neben der Betrachtung des Augenhintergrundes und einer Autofluoreszenzuntersuchung kann auch die Prüfung des Farbensehens bei der Diagnosefindung helfen. Eine einmalige Untersuchung reicht meist zur Diagnosefindung nicht aus, so dass Verlaufsuntersuchungen zur Diagnosesicherung unbedingt erforderlich sind. Für eine Verlaufsdokumentation ist die Fluoreszenzangiographie nicht erforderlich.

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Molekulargenetik der ZSD

Als nächstes sprach Herr Dr. Markus Preising, Leiter des Molekulargenetischen Labors der Abteilung für Kinderophthalmologie, Strabismologie und Ophthalmogenetik an der Universitätsklinik Regensburg. Zu Beginn seines Vortrags verdeutlichte er, wie sehr die Augenärzte und die Molekulargenetiker auf Grund der Heterogenität der Erkrankungen und ihrer Ursachen bei der Diagnosefindung an Krücken laufen.

Die Heterogenität hat zur Folge, dass die klinische Ausprägung nicht auf den ursächlichen genetischen Defekt schließen lässt und umgekehrt wird kein Gendefekt gefunden trotz dem die klinische Ausprägung eindeutig ist und das untersuchte Gen in anderen Fällen genau dieses Bild verursacht.

Als nächstes erläuterte er die verschiedenen Möglichkeiten der Vererbung, die bei der ZSD auftreten können. Deren Kernpunkte werden untenstehend kurz beschrieben. Er wies darauf hin, dass außer der mitochondrialen und der dominanten Form der X-chromosomalen Vererbung alle anderen Vererbungsformen eine ZSD verursachen können.

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Autosomal dominante Vererbung

In der Regel ist mindestens noch ein Elternteil oder Kind des Patienten betroffen. Die Erkrankung kann mit einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit an männliche sowie an weibliche Nachkommen weitergegeben werden. Erst wenn drei aufeinanderfolgende Generationen betroffen sind und eine Übertragung von Vater auf Sohn vorhanden ist, gilt der dominante Erbgang als gesichert. Bereits ein defektes Allel reicht aus um die ZSD auszulösen.

Autosomal rezessive Vererbung

Sie ist die häufigste Vererbungsform der ZSD. Die Eltern des Betroffenen sind selbst nicht betroffen. Die Wahrscheinlichkeit dass die Kinder dieser Eltern betroffen sind, liegt bei 25 Prozent. Für die Betroffenen besteht ein geringes Risiko, dass ihre Kinder erkranken, je nachdem wie häufig die Erkrankung in der Bevölkerung ist. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei sehr seltenen Erkrankungen wie der ZSD unter zwei Prozent. Das gleiche Gen (Allel) beider Chromosomen muss betroffen sein, jedoch nicht an der gleichen Stelle. Die häufigsten Genmutationen für die rezessive Vererbungsform der ZSD sind im ABCA4 Gen. Durch eine Mutation im ABCA4-Gen entstehen nicht mehr recycle-fähige Abbauprodukte des Vitamin A, sogenanntes Lipofuszin. Dieses wird im Retinalen Pigmentepithel eingelagert und kann durch eine Autofluoreszenzuntersuchung nachgewiesen werden. Eine verstärkte Vitamin A–Zufuhr hätte zur Folge, dass sich das Lipofuszin verstärkt einlagert und dadurch eine frühzeitige Apoptose (Zelltod) verursacht wird.

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X-chromosomale rezessive Vererbung

Die Eltern sind in der Regel nicht betroffen. Die Mutter ist eine oft subjektiv nicht betroffene Überträgerin, auch Konduktorin genannt, und weißt geringfügige bis schwere Veränderungen des Augenhintergrunds auf. Nur eines ihrer zwei X-Chromosomen enthält eine Mutation, so dass nur ihre männlichen Nachkommen, die neben dem X-Chromosom nur ein Y-Chromosom führen, zu 50 Prozent betroffen sind. Die Kinder von betroffenen Männern sind nicht betroffen, die Töchter sind jedoch immer (obligate) Konduktorinnen.

Es sind bereits circa 80 Prozent der monogenen Augenerkrankungen identifiziert. Monogen bedeutet, dass nur ein Gen erkrankt ist und dadurch die Erkrankung ausgelöst wird. Bei den digenischen Erkrankungen müssen zwei Gene zusammenarbeiten damit die Erkrankung ausgelöst wird und bei multifaktoriellen Erkrankungen mehr als zwei Gene unterstützt von Umweltfaktoren. Diese Art von erkrankungsauslösenden Defekten ist bis heute nur sehr wenig erforscht und wird in der Zukunft an Bedeutung gewinnen.

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Zukünftige Therapieansätze

Weiterhin erläuterte Markus Preising die verschiedenen Möglichkeiten einer Gentherapie und informierte über den aktuellen Stand.

Supplementationstherapie

Diese Therapieform könnte in Zukunft bei rezessiv vererbten Erkrankungen zur Anwendung kommen. Ein Virus transportiert ein gesundes Gen in den Zellkern. Es liefert somit den richtigen Bauplan für die Herstellung des erforderlichen Proteins. In London und Philadelphia entwickelt man derzeitig eine Therapie zur Behandlung der Mutation im RPE65 Gen. Für das ABCA4 Gen laufen zur Zeit Forschungsprojekte von Prof. Allikmets in New York und Prof. Ali in London. Die Versuche an Mäusen waren bereits sehr vielversprechend. Diese Therapieform ist sehr aussichtsreich, da sie bei erfolgreichem Einsatz beim Menschen in relativ kurzer Zeit auch auf andere Genmutationen anwendbar ist. Ihre Wirksamkeit ist aber noch nicht vorhersagbar.

Bei der dominanten Vererbungsform muss die Herstellung des fehlerhaften Proteins verhindert werden. Dabei versucht man die mRNA des defekten Gens zu blockieren, so dass der Bauplan für das fehlerhafte Gen abgefangen wird, bevor er die Proteinfabrik erreicht. Diese Blockade kann einerseits durch Zerschneiden des fehlerhaften Bauplans erfolgen oder andererseits durch das Einbringen eines Komplementärstranges der die mRNA besetzt.

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RNA DNA Oligo Nukleotidtechnik

Hierbei wird ein Stück Nukleinsäure in den Zellkern transportiert. Sie findet dort die defekten Stellen und löst kerneigene Reparaturmechanismen aus, die den Defekt reparieren. Durch diese Therapieform könnte die genetische Information dauerhaft verändert werden, so dass der korrigierte Bauplan bis an das Lebensende der Zelle bestehen bleibt. Leider ist die Wirksamkeit dieser Therapieform bis heute nur sehr minimal. Professor Nickerson aus den USA forscht an dieser Therapieform. Diese Therapieform ermöglicht es zwar nur kleine Defekte im Genom zu reparieren, jedoch könnte sie bei etwa 80 Prozent der rezessiven und dominanten Formen angewandt werden.

Selbsthilfe in Großbritannien: Macular Disease Society

Anschließend berichtete Tom Bremridge, Vorsitzender der Macular Disease Society, über die Aktivitäten seines Vereins. Die Vollversion seines Referats kann bei Interesse bei der Geschäftsstelle der PRO RETINA Deutschland e. V. angefordert werden. Die britische Macular Disease Society wurde 1987 gegründet. Heute zählt sie 14.000 Mitglieder. Die meisten von ihnen sind an AMD erkrankt. Ungefähr 1.000 Mitglieder, die so genannten Mitglieder im beschäftigungsfähigen Alter, haben andere Formen von Netzhauterkrankungen. 133 regionale Selbsthilfegruppen von AMD-Betroffenen sind über das ganze Land verteilt. Außer den AMD-Gruppen gibt es Gruppen für Mitglieder im beschäftigungsfähigen Alter. Zurzeit gibt es vier dieser Gruppen, neue sind im Aufbau. Einige Gruppen bieten eine ehrenamtliche Beratung von Betroffenen an Augenkliniken an.

In der Geschäftsstelle der Macular Disease Society in Hampshire arbeiten vier Vollzeitkräfte und vier Teilzeitkräfte. Die Macular Disease Society finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden, Erbschaften und Zuschüssen von Stiftungen und Geldern aus der Pharmaindustrie. Sie erhält keine staatlichen Zuschüsse.

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Beratungsangebot der Macular Disease Society

Die Telefonberatung des Vereins bietet unter anderem Kontakt zu Gleichbetroffenen, psychologische Beratung und Vermittlung von Low-Vision-Diensten.

Der Verein gibt Broschüren und Informationsblätter heraus, z.B. eine Serie von 32 Informationsblättern, zu Themen wie: Lebenspraktische Fertigkeiten, Behandlungsoptionen für feuchte MD, Halluzinationen – Charles Bonnet Syndrom. Sehr interessant ist eine DVD, die den Betroffenen und ihren Angehörigen hilft, die Krankheit und ihre Auswirkungen zu verstehen. Vierteljährlich erscheint die Mitgliederzeitung "Side View" und jährlich ein "Digest" mit zusammenfassenden Beiträgen zur Forschung.

Weiter Informationen hierzu finden sie auf der Internetseite: www.maculardisease.org (externes Angebot).

Forschungsförderung der Macular Disease Society

Von Anfang an hat die Macular Disease Society Mittel für die Forschung bereitgestellt. Im vergangenen Jahr wurden 125.000 Euro in drei Projekte investiert. Eines davon untersuchte, wie das Gehirn reagiert, wenn Menschen lernen, mit ihrer exzentrischen Sicht zu lesen. Zwei andere Projekte beschäftigten sich mit Screeningverfahren für juvenile Netzhautdystrophien, das eine mit Morbus Stargardt und das andere mit Sorsby's Fundus Dystrophie. In diesem Jahr werden 175.000 Euro für neue Projekte bereitgestellt.

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Das Lobbying der Macular Disease Society

Die Macular Disease Society engagiert sich für Betroffene. Es gibt eine Kampagne zur Durchsetzung der Versorgung von Betroffenen mit CCTV Lesegeräten, die bisher von den Sehbehinderten selbst bezahlt werden müssen. Im November 2005 startete eine Aktion zur Behandlung mit PDT bei feuchter MD. Patienten erreichen oft nicht früh genug ein spezialisiertes Retinazentrum, um von der Behandlung mit PDT zu profitieren. Sie verzetteln sich in einer Kette von bürokratischen Schritten zwischen Optikern, Hausärzten, nicht spezialisierten Augenkliniken und dem jeweiligen Retinazentrum. Eine Analyse zeigt, wie viele Menschen von der Ineffizienz dieses Systems betroffen sind. Zur Verdeutlichung der Problematik wurden zwei Spiele "erfunden":

Das eine ist das Spiel Monopoly, das in Ophthopoly umbenannt wurde, dazu gibt es neue Risikokarten, die folgendermaßen lauten:

  • Hausarzt glaubt nicht, dass der Fall dringend ist – Verliere vier Wochen
  • Optiker verweist Patienten an den Hausarzt zurück – Verliere drei Wochen
  • Optiker bittet den Patienten, in sechs Monaten zurückzukommen – Verliere 26 Wochen und das Augenlicht
  • Überweisung an ein nicht spezialisiertes Krankenhaus – Verliere sechs Wochen
  • Krankenhaus stellt eine Routineüberweisung an einen Retinaspezialisten aus, keine Dringlichkeit – Verliere sechs Wochen.
  • "Spiel noch mal mit dem anderen Auge!"

Das andere Spiel heißt Ophthopoly Lite – Das Schnelle Spiel – keine Risikokarten – Das Spiel ist in drei Wochen vorbei und der Spieler erhält die optimale Behandlung.

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Aktivitäten und Ziele der ZSD-Gruppe

Zu diesem Themenkomplex berichtete Michael Emmerich, Ansprechpartner für ZSD-Betroffene, über die vergangenen Projekte, wie z.B. die bereits ausgewertete Befragung von 23 ZSD Betroffenen. Hierbei standen die positiven und negativen Einflussfaktoren auf den Verlauf der ZSD im Vordergrund. Besonders interessanten Diskussionsstoff lieferte die Aussage von einigen Betroffenen, dass sich durch starke Lichteinstrahlung ihr Sehen nach subjektivem Empfinden nachhaltig verschlechterte. Auch bei sehr lichtintensiven augenärztlichen Untersuchungen wurde dies mehrmals beschrieben. Um eventuellen Lichtschädigungen bei Untersuchungen vorzubeugen werden bereits heute in einigen Augenkliniken Blaufilter verwendet, um das kurzwellige, energiereiche Licht herauszufiltern. Daher sollte sich der ZSD-Patient vor einer entsprechenden Untersuchung nach dem Einsatz eines solchen Filters erkundigen. Wir halten es daher für erforderlich den schädigenden Einflussfaktor Licht durch Studien näher zu erforschen. An diesen Studien sollten sich außer ZSD-Betroffene auch Patienten mit anderen Netzhautdystrophien beteiligen.

Als nächstes berichtete er über die bereits seit Längerem bestehende Mailingliste für ZSD-Betroffene, in der bereits über 30 ZSD-Betroffene und Angehörige ihre Informationen austauschen und über aktuelle Forschungsprojekte zu diesem Krankheitsbild informiert werden. Er wies darauf hin, dass es immer noch ein großes Problem darstellt ZSD spezifische Informationen wie z.B. Forschungsergebnisse zu filtern und ins Deutsche zu übersetzen.

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Vitamin A – Einnahme bei ZSD

Es folgte eine Diskussion zur Vitamin A-Einnahme. Es zeigte sich, dass bei den Teilnehmern ein hohes Maß an Unsicherheit besteht, ob die Einnahme dieses Vitamins für sie gut oder schlecht ist. So ist es für den einen oder anderen Betroffenen nicht richtig vorstellbar, dass die Einnahme von Vitaminen überhaupt schädlich sein kann. So wurde erkennbar, wie groß doch der Informationsbedarf zu dieser Problematik ist und wie wenig Aufklärung durch die Augenärzte diesbezüglich erfolgt. Um explizit klären zu können, für wen die zusätzliche Einnahme von Vitamin A Präparaten schädlich ist und für wen nicht, ist eine diagnosespezifische Ausdifferenzierung bis auf die molekulargenetische Ebene unverzichtbar. Es wurde beschlossen aus diesem Bedarf ein klares Anliegen zu formulieren: Wir fordern die Klärung der Wirksamkeit von Vitamin A–Präparaten bei ZSD, Morbus Stargardt und gegebenenfalls anderen Netzhautdystrophien, sowie die Kostenerstattung der dafür erforderlichen molekulargenetischen Untersuchung und der Vitamin A–Präparate bei entsprechender Indikation.

Sammeln von Befunden

Ein weiterer Punkt war die Frage, welche Erfahrungen wir mit unseren Befunden gemacht haben und wie wir mit ihnen umgehen. Viele Teilnehmer beschrieben, dass sie nicht über die Untersuchungen, die an ihnen durchgeführt wurden und deren Nutzen aufgeklärt wurden. Auch dass sie das Recht haben Kopien von den Untersuchungsergebnissen zu fordern ist nur wenigen bekannt. Leider äußerten diejenigen, die bereits um Kopien von Befunden gebeten hatten, dass sie diese sehr oft erst nach vielen Bemühungen erhielten.

Herr Brunsmann wies interessanterweise darauf hin, dass es von Seiten des SND-Projekts bereits vorgegliederte Befundordner gibt, in dem der Betroffene seine Befunde und Erfahrungen einfach und übersichtlich ordnen kann. Diese Ordner werden den Interessenten zur Verfügung gestellt.

Erfreulicherweise gab es auch bei diesem Treffen einen regen Informationsaustausch unter den Betroffenen, der nur Dank der sehr kompetenten Referenten und der Aktivität aller Beteiligten möglich war.

Kontakt: E-Mail-Kontakt mit Michael Emmerich

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Zuletzt geändert am 12.10.2017 12:14