Retinitis pigmentosa (RP)

Erbkrankheit und Vererbung

Es ist nur natürlich, dass jeden RP-Betroffenen die Frage bewegt: Können meine Kinder diese unheilbare, oft zur Erblindung führende Erkrankung von mir erben?

RP gehört zu den Erbkrankheiten, die durch eine Veränderung einer Erbanlage (Gen) verursacht werden.

Die einzelnen Sonder- und Untergruppen der RP beruhen auf den Veränderungen (Mutationen) einer bisher unbekannten Anzahl verschiedener Erbanlagen. Eine exakte Zuordnung bestimmter Krankheitsmerkmale zu einzelnen genetischen Untergruppen, die erst in wenigen Fällen möglich ist, ist ein Hauptziel der heutigen Forschung.

Die Tatsache, dass jemand an einer Erbkrankheit leidet, bedeutet noch keineswegs, dass die Kinder diese Erbkrankheit bekommen müssen oder können. Jeder pauschale und undifferenzierte Ratschlag, wegen RP auf Kinder zu verzichten, sollte entschieden zurückgewiesen werden. Nur eine exakte Diagnosestellung und anschließende humangenetische Beratung kann dem Fragenden eine Antwort geben, die dem heutigen Kenntnisstand entspricht. Solange in einer Familie die primäre Genveränderung nicht gefunden ist, kann die Vererbung nur nach den Mendelschen Regeln erklärt werden, die sich vorwiegend an der Familiengeschichte ablesen lassen, d.h. an den bereits aufgetretenen RP-Fällen in der Familie. Hier können nur statistische Werte für die Wahrscheinlichkeit der Weitergabe gegeben werden.

Generell kann gesagt werden, dass wesentlich mehr als die Hälfte aller RP-Betroffenen keine an RP erkrankten Kinder bekommen werden, vorausgesetzt, sie haben einen nicht verwandten, augengesunden Partner. Die übrigen haben eine Chance von mindestens 50 Prozent, augengesunde Kinder zu bekommen.

Eine 100 prozentige Sicherheit, ein völlig gesundes Kind zu bekommen, gibt es nicht. Die meisten RP-Betroffenen betrachten die RP als eine Herausforderung, mit der auch ihre Kinder leben könnten.

Eine Reihe bisher unbehandelbarer Erbkrankheiten werden sicher mittelfristig entschlüsselt und behandelbar sein. Betrachtet man die ermutigenden Forschungsergebnisse der letzten Jahre, so liegt die Hoffnung nahe, auch RP zu diesen zukünftig therapierbaren Erkrankungen zu zählen. Bedenkt man außerdem, dass RP meist erst im fünften bis sechsten Lebensjahrzehnt zur Erblindung führt, ist die Chance für ein heute geborenes Kind mit RP, nicht zu erblinden, größer als zuvor.

Die RP-Untergruppen sind in drei Vererbungsformen gegliedert, d.h. in drei Möglichkeiten der Weitergabe der RP an die Kinder. Im folgenden sollen die Vererbungsformen vorgestellt werden, damit der einzelne für ein eventuelles Gespräch über sein Vererbungsrisiko mit einem Humangenetiker vorbereitet ist.

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Vererbungsformen der Retinitis pigmentosa

Zum besseren Verständnis muss darauf hingewiesen werden, dass jede Erbanlage (Gen) in doppelter Version vorhanden ist. Je eine Version eines Gens wurde vom Vater, die andere von der Mutter geerbt. Die Weitergabe einer Erbinformation an ein Kind kann so aus insgesamt vier Genvarianten der Eltern nach dem Zufallsprinzip erfolgen. Bei der Weitervererbung sind also vier Kombinationen von Genen für ein bestimmtes Merkmal möglich. Dadurch wird verständlich, dass die Voraussage, welche Erbanlagen ein Kind von den Eltern erhält, recht schwierig ist und nur mit Wahrscheinlichkeitswerten arbeitet.

Der zweifache Satz von Erbinformationen ist auf paarweise angeordneten Chromosomen, den Verpackungseinheiten der Erbinformation, aufgereiht. 22 der Chromosomenpaare (Autosomen) sind völlig parallel aufgebaut, das 23. Paar besteht bei der Frau aus sog. X-Chromosomen; beim Mann tritt zu dem von der Mutter geerbten X-Chromosom das vom Vater erhaltene Y-Chromosom hinzu, welches das männliche Geschlecht bestimmt. Trifft z.B. ein RP-Gen eines Elternteils mit dem gesunden des anderen Elternteils zusammen, können je nach Erkrankungsgruppe zwei verschiedene Möglichkeiten eintreten:

Das krankheitsverursachende Gen setzt sich durch (dominiert), und der Betreffende erkrankt an RP (dominante RP), oder das gesunde Gen überdeckt das krankheitsauslösende, der Betreffende erkrankt nicht, hat aber das RP-Gen in verdeckter (rezessiver) Form in sich und kann es weitergeben, ist also Genträger (rezessive Vererbungsform).

Im folgenden soll gezeigt werden, wie sich die einzelnen Vererbungsformen in Familien auswirken können.

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Dominante Retinitis pigmentosa (ADRP)

Bei der autosomal-dominanten RP (etwa 25 Prozent aller RP-Fälle) wird die Erkrankung in der Regel von Generation zu Generation weitergegeben. Bei einem von autosomal-dominanter RP Betroffenen besteht eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent, Kinder zu bekommen, die von RP betroffen sind. Nichtbetroffene Verwandte in diesen Familien können auch keine Genträger sein und so die Krankheit nicht weitervererben (Abbildung 1).

Die dominante Vererbungsform kann in der Regel anhand der Familiengeschichte erkannt werden. Bei mehr als 30 Prozent aller RP-Betroffenen mit dominanter Vererbungsform kann inzwischen durch DNA-Analyse die Genveränderung festgestellt werden.

Schematische Darstellung der dominanten Vererbungsmöglichkeiten
Abb. 1: Autosomal dominante Vererbung (D = schädliches Gen; n = normales Gen)

Rezessive Retinitis pigmentosa (ARRP)

Die sichere Zugehörigkeit zur autosomal-rezessiven Vererbungsform (weniger als 50 Prozent) kann nur selten anhand der Familiengeschichte nachgewiesen werden. Meist ist kein weiterer Betroffener in der Familie zu finden (Simplex-Form). In diesen Fällen ist nicht auszuschließen, dass es sich eventuell auch um eine Neumutation handeln kann.

Ein von autosomal-rezessiver RP Betroffener hat zwei krankheitsverursachende veränderte Gene. Dies bedeutet, dass beide Eltern Träger eines RP-Gens sein müssen, ohne selbst daran erkrankt zu sein und sehr wahrscheinlich ohne dies zu wissen.

Schematische Darstellung der rezessiven Vererbungsmöglichkeiten
Abb. 2: Autosomal rezessive Vererbung (r = schädliches Gen; N = normales Gen)

Die Geschwister eines von autosomal-rezessiver RP Betroffenen können ebenfalls an RP erkranken oder nur Genträger oder frei von einem RP-Gen sein. Die statistische Verteilung ist 1 : 2 : 1; in den einzelnen Familien können, da es sich um Genkombinationen nach dem Zufallsprinzip handelt, auch alle oder keines der Kinder von RP betroffen sein (Abbildung 2). Die Kinder von Betroffenen mit autosomal-rezessiver RP werden - vorausgesetzt, der Partner ist nicht verwandt und augengesund - in der Regel keine RP ausbilden. Sie sind zwar alle (gesunde) Genträger, ihr Risiko, erkrankte Kinder zu bekommen, ist jedoch äußerst gering. Leider ist eine Gewissheit, ob ein Erkrankter tatsächlich zur Gruppe der autosomal-rezessiven RP-Betroffenen gehört, anhand der Familiengeschichte nicht immer zu erreichen. Sollte in Zukunft durch eine DNA-Analyse anhand einer Blutprobe die sichere Zuordnung möglich sein, könnte vielen Betroffenen die Angst genommen werden, RP-betroffene Kinder zu bekommen.

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Geschlechtsgebundene Vererbung

Bei etwa acht Prozent aller RP-Betroffenen ist die geschlechtsgebundene (x-chromosomale) Vererbung zu finden; d.h. nur Männer erkranken an RP, während Frauen - ohne selbst erkrankt zu sein oder massive Beeinträchtigungen des Sehvermögens zu haben - die Überträgerinnen dieser Erkrankung sein können. Die für diese Vererbungsform verantwortliche Genveränderung liegt auf dem x-Chromosom (Abbildung 3). Bei der Frau wird das "erkrankte" Gen auf dem x-Chromosom von einem "gesunden" überdeckt (rezessiv). Der Sohn einer Überträgerin, der das "veränderte" Gen auf dem x-Chromosom geerbt hat, erkrankt, da er ja statt des ausgleichenden gesunden Gens auf dem x-Chromosom das vom Vater ererbte Gen auf dem y-Chromosom hat.

Schematische Darstellung der chromosonal-rezessiven Vererbungsmöglichkeiten
Abb. 3: X-chromosomal rezessive (geschlechtsgebundene) Vererbung. Das Krankheitsgen befindet sich auf einem der beiden X-Chromosomen der gesunden Mutter (X).

Die Söhne einer Überträgerin können also zu 50 Prozent erkrankt, zu 50 Prozent gesund sein. Die Töchter einer Überträgerin können zu 50 Prozent Überträgerin, zu 50 Prozent von einem RP-Gen frei sein. Die Töchter eines an x-chromosomaler RP erkrankten Mannes sind alle ausnahmslos Überträgerinnen, die Söhne alle gesund.

Zu Fragen der Vererbung ist der Ratgeber "Vererbung und Ererbtes" von Jörg Schmittke zu empfehlen. Rowohlt Taschenbuch Nr. 1690, Hamburg 1997.

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Verlaufsformen der Retinitis pigmentosa

Diesen Vererbungsformen wird jeweils ein charakteristischer Verlauf mit einer großen Streuungsbreite zugeschrieben.

Der dominante Vererbungsgang zeigt häufig einen günstigeren Verlauf. Was ist unter günstig zu verstehen? Die klinische Forschung geht zur Zeit davon aus, dass sich der Gesichtsfeldverlust in zwei Verlaufsphasen einteilen lässt. In der Phase 1 hat man nur sehr langsame Progressionen beobachtet, ab einem kritischen Alter tritt aber eine starke Beschleunigung ein. Die Angaben für diese zweite Phase schwanken zwischen einem jährlichen Gesichtsfeldverlust von 5 bis 20 Prozent des Restgesichtsfeldes bzw. es wird von einem fast exponentiell zunehmenden Verlust der intakten Gesichtsfeldfläche von jährlich etwa 15 Prozent berichtet. Dieses kritische Alter wird mit durchschnittlich 32 Jahren bei der autosomal-dominanten Vererbung angegeben. (Für die erste Phase hat ein Betroffener eine anschauliche Beschreibung gegeben: "Das ist wie beim Verschleiß einer Kupplung oder einer Bremsscheibe. Es geht so langsam, dass man es selbst kaum merkt. Wahrscheinlich merken es die anderen eher, wenn sie feststellen, dass ich plötzlich an Sachen anstoße, an denen ich vor einiger Zeit noch problemlos vorbeigekommen bin.")

Die autosomal-dominante Retinitis pigmentosa tritt in zwei Formen (Typ I und II) auf.

Für Typ I ist eine relativ frühe, diffuse Abnahme der Stäbchenempfindlichkeit und damit ein Verlust des Nachtsehens charakteristisch. Die Gesichtsfeldeinschränkung ist zunehmend konzentrisch wobei die Zapfenfunktion sehr lange erhalten bleibt.

Typ II, auch regionaler Typ genannt, wird beschrieben durch einen regional begrenzten, gleichzeitigen Verlust der Stäbchen- und Zapfenfunktion. Der Verlust der Gesichtsfeldperipherie ist verhältnismäßig geringgradig progressiv und die Nachtblindheit beginnt spät.

Bei der autosomal-rezessiven Vererbung liegt das kritische Alter bei etwa 26 Jahren. Der Verlauf in zwei Phasen gilt auch hier.

Simplex-Fälle sind am häufigsten vertreten (etwa 50 Prozent). Auch wenn hier keine Vererbung nachweisbar ist (einmaliges Auftreten innerhalb einer Familie), geht man davon aus, dass diese Form der autosomal-rezessiven Vererbung zuzuordnen ist.

Bei der x-chromosomalen (geschlechtsgebundenen) Vererbung liegt der kritische Zeitpunkt etwa im Alter von 20 Jahren. Diese Vererbung ist zwar eher selten, der Verlauf ist aber häufig ungünstig, d.h. schneller Verlust des Gesichtsfeldes; oftmals tritt Blindheit bereits im Alter zwischen 30 und 40 Jahren auf.

Bei allen drei Vererbungsgängen gilt, dass bei den einzelnen Menschen der individuelle Verlauf von den genannten Werten sehr stark abweichen kann. Es kann sein, dass Betroffene mit 60 Jahren ein Gesichtsfeld von noch 30 Grad haben; oder dass sie mit 30 Jahren nur noch ein Restgesichtsfeld von fünf Grad haben.

Lesen Sie auch die folgenden Kapitel der Krankheitsbeschreibung zu Retinitis pigmentosa:

Einleitung

  1. Merkmale und Verlauf der Retinitis pigmentosa
  2. Syndrome, Sonderformen der Retinitis pigmentosa und andere Netzhautdegenerationen
  3. Grauer Star und Retinitis pigmentosa
  4. Vererbung (diese Seite)
  5. Forschung und Therapie

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Zuletzt geändert am 04.01.2012 00:30