Retinitis pigmentosa (RP)

Neue Wege finden

Viel Mut und einen kräftigen Ruck der Überwindung brauchte ich, um wertvolle Möglichkeiten erkennen zu können. Damals nahm ich im Rahmen einer Umschulung an einer Wanderung für blinde und sehbehinderte Menschen teil. Mit der beruhigenden Überzeugung dass alle Wegstrecken entsprechend, also breit und nicht sehr holprig ausgesucht würden, schloss ich mich neugierig dieser Gruppe an.

Unser versierter Wanderführer, der gleichzeitig auch für die psychische Unterstützung während unserer Umschulungsmaßnahmen, des Trainings mit dem Langstock und der Akzeptanz für eine eigene Wertschätzung zuständig war, sah das jedoch vollkommen anders. Selbstverständlich war jederzeit für eine ausreichende Sicherheit gesorgt, doch das war zumindest für mich, visuell nicht immer erkennbar.

So wurden nach einer Weile des Wanderns und des miteinander Plauderns beinah unmerklich die Wege schmaler und holpriger. Allmählich verstummte unser Geplapper und alle konzentrierten sich auf ihr Tun, auf ihren Tastsinn, auf unseren, im übertragenen Sinn, Lebensweg. Der kluge Wanderführer beschrieb währenddessen ausführlich die herrliche Landschaft durch die wir gerade wanderten. Auf diese Weise spürte ich eine gewisse Entspannung in meinen tastenden Füßen, und ich besann mich wieder auf mein Oben.

Während einer Rast, jeder von uns hatte einen Rucksack mit Getränken und Essbarem dabei, setzte ich mich so, dass die Sonne mein Gesicht wärmte. Jetzt wurde auch wieder viel geredet, gefragt und geantwortet. Doch ich fühlte etwas Neues in mir, konnte es aber zu diesem Zeitpunkt nicht in die passenden Worte fassen. Beim Weitergehen spürte ich jedoch, dass all meine Sinne hellwach waren. Ich wollte so viel von der Landschaft und meinen Möglichkeiten wahrnehmen wie nur irgend möglich. Dann beschrieb uns der Leiter eine kleine Schlucht, die ein paar Meter entfernt in der Erde klaffte. Scheinbar beiläufig fragte er in die Gruppe, ob sich jemand zutraut mit ihm zusammen diese gravierende Herausforderung zu durchsteigen.

Sprachlos vor Staunen versuchte ich mit meinem Sehrest jene Schlucht zu erkennen. Aber ich sah nur, und das im wahrsten Sinne des Wortes, schwarz. Die meisten aus unserer Gruppe lehnten dieses Wagnis ab. Nur drei voll erblindete Menschen erklärten sich dazu bereit. Ja sie waren sogar froh, ihr Können durch diese Herausforderung erneut zu testen. Mein Herz pochte laut und meine Beine begannen zu zittern, doch ich wollte auch mit, wollte diese Herausforderung als neue Chance wahrnehmen. Ich glaube, so aufgeregt war ich nicht einmal vor meinem Examen. Das durchklettern dieser Schlucht bedeutete für mich viel mehr, das spürte ich deutlich.

In allen Einzelheiten beschrieb unser Wanderführer nun den Abstieg, während die restliche Gruppe auf flachen, ebenen Wegen zu einem späteren gemeinsamen Treffpunkt wanderte. Zuerst stieg unser Wanderführer in die Schlucht. Dann folgte ich und lernte dabei, freiwillig einem anderen Menschen vollkommen zu vertrauen. Mir war zumute, als hörte die Zeit auf zu atmen.

Er setzte zuerst meinen rechten, dann meinen linken Fuß auf eine trittsichere Stelle, so dass ich ein Stück weiter nach unten kam. Ich tat es ebenso mit dem mir nachfolgenden Teilnehmer. Dieser wiederum mit dem Nächsten usw. Mitten in diese Konzentration hinein erklärte unser Signal gebender Waldkenner, dass wir soeben an einer verlassenen Bärenhöhle angekommen waren. Diese mochte ich allerdings nicht auch noch abtasten; ich fand mein Abenteuer durchaus aufregend genug. Dann ging es langsam und behutsam Tritt für Tritt weiter, bis wir wieder auf einer Wiese ankamen.

War es nun das entladen der aufgestauten Anspannung oder meine unbändig intensive Freude, die mich gleichzeitig zum weinen und lachen anregte? So fassungslos war ich über meinen Mut, mein Vertrauen in Andere, und die Möglichkeiten Taten zu vollbringen, von denen ich noch vor zwei Stunden nicht zu träumen gewagt hätte.

Meinen Mitstreitern erging es ähnlich, und als die restliche Wandergruppe eintraf, bestaunten auch sie unseren Mut. Nach diesem anstrengenden und aufregenden Tag hätte ich doch gut schlafen müssen; aber nein, davon war ich weit entfernt. Viel zu aufgewühlt, zu erstaunt und zugleich zu neuen Taten ermuntert fühlte ich mich. Dieser Tatendrang hält bis heute an.

Es war für mein weiteres Leben von großer Bedeutung staunend zu erkennen, was ich zu leisten vermag. Auf der einen Seite war da mein Freund der Langstock, ohne den ich mich nicht mehr in den Straßenverkehr traute; auf der anderen klaffte eine schier unüberwindbare Schlucht, die ich, wenn auch mit helfender Unterstützung, durchstiegen hatte.

Ich bin also mittendrin – mittendrin im Leben, mit all seinen Schluchten und Hürden! Durch meinen Mut zum Wagnis lernte ich neue Wege zu finden, und gewann so Vertrauen in mich und meine Möglichkeiten.

Wann immer ich heute in einer scheinbar unlösbaren Situation stecke, wird mir dieses Erlebnis bewusst, und ich beginne nach anderen, neuen Wegen zu suchen! Ich empfinde es als eines der größten Geschenke meines Lebens diesem klugen Wanderführer begegnet zu sein!

Hoffentlich haben noch viele Menschen die Möglichkeit von ihm zu lernen, denn Mut zum Erkennen der Möglichkeiten lässt wiederum Mut erwachen für alles Weitere im Leben.

von Karin Klasen (E-Mail-Kontakt mit Karin Klasen)

Zuletzt geändert am 25.09.2011 20:15