Interview mit Prof. Charbel Issa zum Projekt

Retina aktuell: Warum braucht eine Selbsthilfevereinigung ein Patientenregister?
Charbel Issa: Mit einem Patientenregister kann die PRO RETINA einen besseren Überblick über die Verteilung der Erkrankungen ihrer Mitglieder gewinnen und mit diesem Wissen noch fundierter die Interessen ihrer Mitglieder vertreten. Wichtig ist dabei natürlich – so wie es die PRO RETINA plant –, dass mit diesen sensiblen Daten äußerst vertrauensvoll umgegangen wird nach den strengen Richtlinien des deutschen Datenschutzes. Des Weiteren kann ein von der PRO RETINA geführtes Patientenregister unabhängig von personellen und strukturellen Veränderungen an Kliniken dauerhaft klinische Informationen von Patienten bereithalten. Dies kann beispielsweise wichtig werden, wenn in Zukunft neue spezifische Therapieansätze für seltene Erkrankungen untersucht werden sollen. Ein Patientenregister kann helfen, den Kontakt mit entsprechenden Patienten herzustellen. Selbstverständlich können die Patienten dann immer noch entscheiden, ob sie sich an einer Untersuchung beteiligen möchten oder nicht.

Retina aktuell: Warum beraten Sie die PRO RETINA bei der Einführung eines Patientenregisters, ist das nicht eigentlich ein Thema für IT-Spezialisten?
Charbel Issa: IT-Spezialisten können technische Lösungen für klar formulierte Fragestellungen erarbeiten. Um diese zu formulieren, ist es unserer Meinung nach sinnvoll, als Ärzte die PRO RETINA beim Aufbau eines Registers zu unterstützen. Wir können zum Beispiel Vorschläge machen, welche Daten in ein Register aufgenommen werden sollen, und so inhaltlich begleiten.

Retina aktuell: Welche Gründe/Vorteile würden sie als Patient überzeugen, Ihre Daten in einem PRO RETINA-Patientenregister abzulegen?
Charbel Issa: Am Anfang gibt es sicherlich noch keinen durchgreifenden Nutzen für den einzelnen Patienten. Dies liegt unter anderem daran, dass viele Therapieansätze erst noch in der Entwicklung sind. Ein Patientenregister kann aber in Zukunft die Möglichkeit liefern, Patienten, die für spezifische Therapieansätze infrage kommen, zu identifizieren und zu informieren. Darüber hinaus ist es wahrscheinlich, dass neue Therapieansätze nur in Ländern untersucht werden, in denen nachweislich genügend Patienten mit bestimmten Erkrankungen bekannt sind – auch dann kann ein solches Register entscheidende Vorteile bieten.

Retina aktuell: Ab welcher Menge sind die Mitgliederdaten für Studien/Projekte interessant?
Charbel Issa: Am wichtigsten ist es, dass möglichst viele Patienten mitmachen und die eingegebenen Daten korrekt sind. Jeder einzelne ist wichtig und relevant, egal ob alt oder jung, ob frühes oder spätes Krankheitsstadium. Denn nur durch eine korrekte Abbildung der Gesamtheit können sinnvolle Schlussfolgerungen gezogen werden. Aussagen wie „bei mir kann man sowieso nichts mehr machen, meine Daten sind daher nicht wichtig“ würden wir also widersprechen.

Retina aktuell: Welche Informationen müssen erhoben werden, damit die Daten sinnvoll eingesetzt werden können?
Charbel Issa: Am wichtigsten ist eine spezifische und korrekte Diagnose, die am besten von einem spezialisierten Zentrum gestellt wurde. Des Weiteren sind Daten wie Alter, Geschlecht und die zugrundeliegende genetische Veränderung sinnvoll. Für wissenschaftliche Fragestellungen sind weitere Informationen zur Erkrankung wichtig, beispielsweise die Sehschärfe oder die Gesichtsfeldeinschränkung.

Retina aktuell: Welche wissenschaftlichen Projekte haben Bedarf bei PRO RETINA für Patientendaten angemeldet?
Charbel Issa: Das Patientenregister soll nicht für einzelne bestimmte Projekte nützlich sein. Wir hoffen, dass möglichst viele wissenschaftliche Arbeiten von einer solchen Datenbank profitieren werden, da die gewonnenen Erkenntnisse am Ende wieder den Patienten zugutekommen sollten. Wichtig ist, dass die PRO RETINA unabhängig das Register führt und über die Verwendung der Daten entscheidet. Der Patient sollte beim Eintragen der Daten individuell entscheiden können, in welchem Rahmen die PRO RETINA darauf zurückgreifen darf.

Retina aktuell: Sollen neben Mitgliederdaten auch Nicht-Mitglieder in das Register aufgenommen werden?
Charbel Issa: Hierin sehe ich kein Problem, aber die Entscheidung liegt bei der PRO RETINA. Über die Plattform eines Registers kann die PRO RETINA auch gut für eine Mitgliedschaft werben.

Retina aktuell: Was sagen sie zum Gegenargument, dass PRO RETINA mit den Patientendaten auch kommerzielle Ziele verfolgen könnte?
Charbel Issa: Dies ist eine übliche und berechtigte Befürchtung. Letztendlich obliegt es dem Besitzer der Datenbank, einen entsprechenden Codex zu formulieren, der diese Befürchtungen entkräftet.

Retina aktuell: Wer darf die Daten des Registers einsehen (zum Beispiel Krankenkassen)?
Charbel Issa: Die Einsicht der Daten sollte sehr restriktiv gehandhabt werden. Vor allem sollen Patienten und Wissenschaftler Informationen bekommen und nicht Dritte, wie beispielsweise Krankenkassen. Wichtig ist, dass auch wissenschaftlich primär nur pseudonymisierte Daten eingesehen werden können, also keine Namen, Adressen, oder ähnliches von Patienten. Für bestimmte Fragestellungen könnten Wissenschaftler mit einem Forschungsvorhaben bei der PRO RETINA eine Datenanalyse anfragen, die dann das Vorhaben prüft.

Retina aktuell: PRO RETINA ist auf den Input der Mitglieder angewiesen. Wie, denken Sie, soll die Herausforderung der Aktualität der Daten sichergestellt werden?
Charbel Issa: Wichtig ist, dass die Eckdaten stimmen – also die Diagnose, Alter, Genetik etc. Des Weiteren könnten die Teilnehmer des Registers regelmäßig, zum Beispiel alle paar Jahre, aufgefordert werden, ihre Daten zu aktualisieren. Informationen zur genetischen Ursache oder Änderungen der Sehfunktion könnten nachgetragen werden und so die Daten des Registers verbessern.

Zuletzt geändert am 22.08.2016 10:39