Existenzanalytische und logotherapeutische Betrachtung Wie belastbar ist die Liebe? (Teil 2) von Manfred Knoke

4. Ängste und Belastungsfähigkeit in der Beziehung

Zu Beginn des Themas stellen sich viele Fragen: Was hält die Liebe aus, wie belastbar ist sie? Trägt sie mich, verletzt sie mich? Habe ich Angst vor der Liebe, vor einem Verlassenwerden? Was kann ich mir selbst und dem Partner zutrauen?

Diese und andere Fragen treten in der Partnerschaft auf, vor allem zeigen die Fragen eine Vielfalt von Ängsten, zum Beispiel, die Angst vereinnahmt zu werden, abhängig zu sein in verschiedener Hinsicht oder nicht um seiner selbst willen geliebt zu werden. Angst vor dem Scheitern einer Liebesbeziehung und Angst davor, anderen zur Last zu fallen sind quälende Gefühle. Manchmal geschieht dies sehr schnell und fast unmerklich, wenn ein Partner sich weiterentwickelt, an sich arbeitet und der andere dies nicht kann oder will aus den verschiedensten Gründen.

In diesem Zusammenhang lohnt ein Rückblick in die Kindheit. Diese sehr prägende Zeit, in der fundamentale Interaktionserfahrungen gemacht wurden, kann helfen zu einem besseren Verständnis in der Partnerschaft. Das Erleben von schmerzlichen und glücklichen Zeiten sowie Erfahrungen von Angst und Autorität hinterlassen bleibende Spuren. Jeder kennt auch aus seiner Herkunftsfamilie typische Rollenzuschreibungen, Situationen des Alleingelassenseins, Mangel an Zuwendung und Nähe, vielleicht sogar Trennung und Scheidung und damit verbunden Angst vor Liebesentzug.

Diese Konfliktfelder führen die Partner in eine Partnerschaft, die eigentlich über das Selbst zu einer Gemeinsamkeit führen kann, wenn die Liebe als gemeinsamer Wert im Mittelpunkt steht. Die Menschen haben Angst, daß sie ihre Freiheit verlieren, wenn sie lieben. Sie können nicht glauben, daß die Liebe gleichzeitig die größte personale Entwicklung bedeutet. Versteht sich die Freiheit als dialogisches Beziehungsdenken, siehe auch Martin Buber "Das dialogische Prinzip" 1968, dann geht es nicht um Begrenzung, die Angst macht. Es geht um Entfaltung und um konkrete Gestaltung der Freiheit des anderen. Partnerschaftliche Gemeinschaft will Freiheit, angstfreie Räume und nicht eine Begrenzung der Freiheit. Angst vertreibt die Liebe.

Ein Problem der Liebe kann sein, wenn einer den anderen braucht, damit es ihm gut geht. Diese Verwechslung von Liebe mit funktionalisierter Zuwendung ist sicher ein besonderes Thema im Zusammenhang mit Erkrankungen und Behinderungen, hier am Beispiel mit der zunehmenden Erblindung eines Partners. Kein Partner ist völlig autonom. Jeder trägt Verantwortung für das, was er braucht, auch bei Verlust der Sehkraft. Dazu die Aussagen eines Betroffenen: "Du bist derjenige, der mir etwas geben kann, deshalb brauche ich Dich. Du bist dafür zuständig, daß Du mir gibst, was ich brauche." In dieser Gesprächsnotiz wird klar, daß Liebe und Beziehung verzweckt und funktionalisiert werden. Dem anderen wird nicht mehr die Freiheit gelassen, sich dafür oder dagegen zu entscheiden.

Es geht nicht um das unausweichliche Schicksal der Erblindung, das Belastung sein und werden kann, sondern es geht um die Wahrung und Würde des Partners. Oft genug empfinden beide Partner das Schicksal als ungerecht und einengend. Diese scheinbare Einengung, die beide Partner betrifft, ist zu akzeptieren. Der Sehverlust darf nicht ständig zum Problem stilisiert werden, weil wertvolle Zeit nicht existenziell gelebt wird. Der nichtbetroffene Partner kann Entlastung geben, indem er signalisiert, daß die Last der Behinderung gemeinsam getragen wird. Es ist auch entlastend, wenn Erwartungen aneinander bewußt und geklärt werden. Ein gutes Beispiel ist, wenn eine Erwartung als Bitte formuliert wird, damit der Partner sich frei entscheiden kann. Kein Mensch hat Anspruch auf ein Leben ohne Belastungen. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, Belastungsfähigkeit und Stärke zu erwerben und für sich und andere zu nutzen.

5. Reifsein für Begegnung, Partnerschaft und Liebe

Grundwerte der Partnerschaft sind Freiheit und Liebe. In der Paarbeziehung ist Liebe die gemeinsame Freiheit der Partner, das Gegenteil von Macht und Zwang. Nach Viktor Frankl "Ärztliche Seelsorge" 1982 ist "Liebe nicht nur ein intentionaler, existenzieller Akt, sondern ein hoher Erlebniswert, ein Aspekt menschlicher Transzendenz. Liebe ist kein Verdienst, sie entfaltet ihren Zauber, sie läßt die Welt in einer veränderten, vertieften Werthaftigkeit erleben, sie erhöht die Resonanz für die Fülle der Werte."

Lieben heißt also, "Du" und "Ja" sagen zu können zu jemandem, der den anderen in seiner Einzigartigkeit und Einmaligkeit sieht. Das Interesse am anderen muß wach bleiben, muß beide Partner bewegen mit Gefühl und Verstand durch gemeinsame Rituale, Gewohnheiten und Aktivitäten. Nun scheint genau dieser Sachverhalt erschwert beziehungsweise unmöglich, wenn einer der Partner durch eine Augenerkrankung sich kaum oder gar nicht mehr bewegen läßt und kaum Gemeinsamkeiten erlebt werden. Durch diese zusätzliche Belastung rücken Begegnung und Liebe in den Hintergrund oder versiegen ganz.

Jede Paarbeziehung gerät in Krisen, zum Beispiel durch unvorhergesehene Ereignisse in der Familie, Eifersucht, Krankheiten, Behinderung. Das wünscht sich niemand , es ist aber im menschlichen Leben unausweichlich. Krisen sind Herausforderungen an das Leben, sie rufen nach Bearbeitung und Bewältigung, sie sind Vorboten für Veränderung. Wenn durch Krisen die Stabilität einer Beziehung ins Wanken gerät durch den Verlust der Sehkraft, müssen neue Wege zur Festigung der Liebe in kleinen Schritten gefunden werden.

Wenn die Vergangenheit der Partner sicher und gut erschien, muß in der Gegenwart ein neuer Halt entstehen, damit es sich lohnt, in Zukunft ein neues Leben zu leben. Krisen, die durch kritische Lebensereignisse ausgelöst werden, fordern physische Kraft, psychische Energie und kreative Gespräche (Begegnungen) über die Gefühle, die dieses Ereignis für beide Partner hervorruft. Es stehen schmerzliche Abschiede bevor, die der Mensch aushalten muß. Dabei ist der Partner, der zuhören kann, der positive Perspektiven vermitteln kann, die wichtigste Person überhaupt.

Welcher Weg zu einer personalen Entwicklung ist möglich? Was ist die Botschaft des Krisenereignisses an beide Partner? Zu welcher Entwicklung fordert uns die Krise heraus? Die Situation wird nach den Krisen nie mehr so sein können wie vorher. Entweder wird die Beziehung an den Krisen zerbrechen oder die Partner akzeptieren den Zustand der sich ständig verändernden Sehkraft bis zur Erblindung. Immer steht ein Abschied an, der Schmerz und Verzweiflung bedeutet. Aber Abschiede müssen vollzogen werden, damit etwas Neues entstehen kann. Aber gerade dieses Loslassen bringt Trauer, Sorgen, Angst und Probleme und eine Fülle neuer, fremder Verhaltensweisen, sogenannter Copings, mit sich. Copings sind Abwehrhandlungen, die spontan und unreflektiert ablaufen und die Kompetenzverluste ausgleichen sollen und für die Umwelt manchmal unverständlich und verletzend sind. Diese Reaktionen und Verhaltensweisen können zum Beispiel sein: wir geben uns besonders selbstsicher, wir fangen an, unsere Umgebung zu kontrollieren, wir beginnen zu klammern, an Standpunkten festzuhalten, stets Recht behalten zu wollen, in Wut zu geraten, wenn etwas nicht so gelingt, uns in Erwartungen zu steigern, uns in Schuldzuweisungen zu ergehen etc., um immer auf der kompetenten Seite zu sein. Das Bewußtmachen dieser Verhaltensweisen hilft allein durch eine bessere Selbstkontrolle, zu angemesseneren Verhaltensweisen zu kommen.

6. Hilfen für Paare

Letztendlich hat meine eigene Situation mich dazu gebracht, mich mit dem Thema "Wie belastbar ist die Liebe" zu beschäftigen und eigenes Erleben mit einfließen zu lassen, sondern es sollte ein Angebot sein für Paare, die wie meine Frau und ich die fortwährenden Abschiedsprozesse zu ertragen haben. Auf diesem Hintergrund entstanden die Partnerseminare und Paarberatungen. Diesen kommt die Funktion zu, ratsuchenden Menschen in Kommunikations- und Entscheidungskonflikten zu helfen. Aus diesen Möglichkeiten heraus sind Kräfte verfügbar zu machen, um in ihren persönlichen Beziehungen konstruktive und individuelle Lösungen zu finden. Es geht darum, daß Paare in der Begegnung die Balance wieder finden zwischen der inneren Stimme, die sich an Werten orientiert und Gutes will und der sogenannten Über-Ich-Stimme , die von den Menschen durch Prägung, Erziehung und Normen verinnerlicht wurden. Vielschichtige Unsicherheiten nehmen zu, wenn der gesellschaftliche Wandel, Veränderungen in der Geschlechterbeziehung, Wertewandel mit einbezogen werden in ein psychologisches Beratungsgespräch.

Häufigste Beratungsanlässe sind der Wunsch nach Beziehungsklärung, Unzufriedenheit mit dem Partner, Trennung, Scheidung, außereheliche Beziehungen, Ängste und Bedürfnisse sowie Mißtrauen und Eifersucht. Sich besser verstehen zu wollen, die Liebe zu fördern, Freiräume im Umgang miteinander zu finden, ist ebenso wichtig in den Partnerseminaren wie die Anerkennung der unterschiedlichen Wirklichkeiten. Die Schaf -fung gemeinsamer Aktivitäten, die der Wirklichkeit entsprechen und Ermutigung zum eigenen authentischen Leben stärkt die Eigenverantwortung, den Selbstwert und nicht zuletzt die Liebe.

Es ist bedauerlich, daß viele Paare sich nicht überwinden können, Hilfsangebote anzunehmen, weil ein hohes Maß an Schwellen -angst besteht. Das Beratungsangebot wird abgelehnt und als Zeichen der Schwäche und des Versagens gesehen, weil die Ansicht vertreten wird, daß eine glückliche Ehe von selbst läuft. Das Gegenteil ist der Fall.

Menschen, die besser miteinander leben wollen und bewußt auf ihre Begegnungsfähigkeit schauen, entdecken sich und glauben an sich. Sie erleben das Leben neu auch im Kontext mit und durch den Berater. Wann und wie Hilfe gegeben wird, lernen die Paare auch im Austausch mit anderen Paaren während der Seminare im Sinne des peer counseling kennen. Gern gegebene Hilfe hilft beiden Partnern, das Schicksal anzunehmen, eingeforderte oder erwartete Hilfe nimmt dem Partner die Entscheidungsfreiheit und belastet nicht unerheblich die Beziehung.

7. Zusammenfassung

Im zweiten Teil des Artikels geht es um die vielschichtigen Ängste und Abwehrmechanismen. Sich auf verbindliche Nähe einzulassen macht manchmal Angst. In diesem Zustand wird befürchtet, das wichtigste menschliche Streben nach Selbstständigkeit zu verlieren und in Abhängigkeit zu geraten. Da heißt es, miteinander sprechen und vielleicht größere Freiräume gewähren, mit gleich Betroffenen zusammen arbeiten. Wichtig erscheint auch, eventuell auf professionelle Hilfe zurückzugreifen, um einer neuen Beziehungskultur näher zukommen.

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Zuletzt geändert am 22.08.2013 12:27