Wir erfahren Verletzungen und verletzen andere von Manfred Knoke - Existenzanalytischer Berater und Logotherapeut

In diesem Artikel möchte ich mich auf einige Überlegungen aus meinen Seminaren beziehen.

Selbstbestimmung als behindertengerechtes Paradigma

Leben in Freiheit und Unabhängigkeit ist Leitlinie der Behindertenarbeit und Behindertenpolitik wie das "Sozialgesetzbuch IX Rehabilitation und Teilhabe be-hinderter Menschen" vom Juli 2001 und das "Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen" als Beitrag zur Umsetzung des Benachteiligungsverbotes im Grundgesetz vom Mai 2002 aufzeigen, auch wenn der medizinische Gesichtspunkt im Vordergrund steht. Es geht jedoch nicht nur darum, behinderten Menschen die allgemein üblichen Selbstbestimmungsrechte zuzugestehen, vielmehr werden mit der Autonomieforderung auch Fragen gestellt, die die Selbstbestimmung nicht behinderter Menschen meint. Zum Beispiel, warum wird behinderten Menschen Selbstbestimmung eher verwehrt als nicht behinderten Menschen oder warum stehen behinderte Menschen, vor allem sehbehinderte Menschen unter dem Verdacht, nur einen eingeschränkten Horizont zu haben? (Fragen aus den Seminaren)

Dieser Perspektivwechsel wird deutlich, wenn man die neueren interdisziplinären Forschungen unter dem Titel "Disability Studies" betrachtet. Es geht darum, das Phänomen Behinderung als soziale Ganzheit zu fassen und unter einer kulturwissenschaftlichen Perspektive zu sehen. Behinderte Menschen sind nicht der Hauptgegenstand der sozialen Interpretation wie bisher, sondern die Gesellschaft, die geschaffen wurde für alle Menschen, für behinderte und nichtbehinderte Menschen. Diese neue Orientierung in Richtung auf Integration, Normalisierung, Authentizität ist nur zu erreichen, wenn wir die neuen Paradigmen für uns mobilisieren können.

Das heißt, nicht stehen bleiben beim Jammern und Wehklagen, wo und wann, durch wen wurde ich verletzt, wen verletze ich etc., sondern weiterschauen, wie kann mein Selbstbestimmungskonzept aussehen trotz traditioneller sozialer Rollen- und Normenkonflikte, trotz finanzieller und sozialrechtlicher Einschränkungen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer meiner Seminare fragen wesentlich danach, wie kann ich meine Sehbehinderung besser mit mir, mit meinem Ich, mit meinem Leben in Einklang bringen? Wie stark muß ich sein, um Selbstbestimmung für mich zu reklamieren? Wie selbstverständlich sind mir Autonomie und Authentizität oder hänge ich der Fürsorge nach, die mich klein und abhängig macht?

Wer bin ich? "Ein Mensch mit besonderen Fähigkeiten"

Als Mensch mit einer Behinderung erlebe ich in meinen Seminaren Menschen, die unter den erschwerten Lebensbedingungen leiden und sich durch die Sehbehinderung eingegrenzt fühlen. Aber schon die Erkenntnis, daß die Substantivierung des Adjektivs "behindert" zu "der Behinderte" den Einzelnen auf seine Behinderung reduziert als definiere er sich durch nichts anderes, läßt viele aufhorchen. Es wird sofort verstanden, daß sich jeder Mensch, und damit auch der behinderte Mensch, durch anderes, zum Beispiel Verstand, Vernunft, Authentizität auszeichnet. Eine Vielzahl sprachlicher Verzerrungen, zum Beispiel, "blind gleich dumm", "an den Rollstuhl gefesselt" etc. bestimmen auch unser Denken ebenso wie die Sprache in der Öffentlichkeit und in den Medien.

Es ist auch ein Unterschied, ob behinderte Menschen oder besser "Menschen mit Assistenzbedarf" selbst ihr Schicksal derart umschreiben oder Außenstehende es tun. Es ist auch hinderlich, ständig zu überlegen, ob ein blinder Mensch mit der Formulierung "Auf Wiedersehen" verabschiedet werden kann. Sehbehinderte Menschen sind "Menschen mit besonderen Fähigkeiten" (Ausspruch einer Seminarteilnehmerin). Für sie ist diese Verabschiedungsformel normal. Ebenso die Tatsache, daß blinde und sehbehinderte Menschen fernsehen ist normal, auch wenn Außenstehende dies durch andere Bewertungskriterien anders empfinden.

Anderssein ist normal, macht jedoch verletzbar, wenn wir es zulassen. Andersdenken ist kreativ, vernünftig, mutig, kooperativ, attraktiv und kompetent und gibt uns eine Fülle von Möglichkeiten vor dem Hintergrund der Wirklichkeit. Sich anders verhalten muß jedem von uns bewußt sein als eine besondere Kompetenz, dann ist die Verletzungsgefahr geringer. Das heißt jedoch, sich auseinanderzusetzen mit seinem Anderssein, seine Ängste zu kennen und anzuerkennen und eigenverantwortlich und sinnvoll zu handeln.

Ängste, die durch den Prozeß der Erblindung verstärkt werden

Angst ist immer das Phänomen eines Mißverhältnisses zwischen dem eigenen Vermögen und dem Befürchteten. Es handelt sich dabei um die Entwertung des Eigenen (Selbstwert, Selbstvertrauen) und eine Überhöhung des Befürchteten. Im existenzanalytischen Verständnis ist Angst jedoch mehr als eine Störung des Wohlbefindens und die pathologische Angst ist mehr als eine Krankheit. Angst ist vielmehr ein Gefühl, das auf eine Realität verweist und mit unserer Existenz zu tun hat. Diesem Hinweischarakter wird eine Behandlung nicht gerecht, die das unangenehme Angstgefühl lediglich durch Medikamente kupiert oder durch Techniken abschwächt und verlernen läßt.

Angst hat ja immer einen realen Hintergrund, der mit unserer Wirklichkeit etwas zu tun hat. So kann Angst uns auch beflügeln, uns mit einer Befürchtung auseinanderzusetzen und die Sachlage einmal bis zu Ende zu durchdenken. Wenn der Paradigmenwechsel auch für die Angst angewendet und sie als Energieschub betrachtet wird, der sich positiv nutzen läßt, dann ergibt sich die Frage: Was kann denn schlimmstenfalls passieren? Wenn wir uns schließlich überwinden und ins Handeln kommen, spüren wir, daß etwas in uns gewachsen ist. Die Hürde, Angst zu überwinden, ist nun beim nächsten Mal nicht mehr so hoch.

Ist das Gespenst der Angst so mächtig, daß der realistische Anteil der Angst nicht mehr vom überhöhten Anteil der Angst zu unterscheiden ist, weil die Befürchtung so groß geworden ist und demgegenüber der Selbstwert immer mehr zusammengeschrumpft ist, dann fühlen wir uns wie gelähmt. Diese Angst hat mit der heutigen Realität nichts mehr zu tun, aber in unserer Kindheit haben wir sie durchleben müssen und nun wirkt sie generalisierend in unsere Gegenwart hinein. Damals konnten wir uns nicht dagegen wehren, heute hat diese starke Angst keine Berechtigung mehr, denn wir können als Erwachsene lernen damit umzugehen. Wer immer wieder unter dieser lähmenden Angst leidet, sollte sich professionelle Hilfe holen, denn der Erblindungsprozeß verstärkt noch die bereits vorhandenen Ängste.

Im Zusammenhang mit dem Erblindungsprozeß treten oft spontan und unreflektiert Verhaltensweisen auf, die meistens nicht nachvollzogen werden können, weil sie der Situation nicht angemessen sind und äußerst verletzend sein können. Diesen Verhaltensweisen liegt die Angst zugrunde, nicht noch mehr Kompetenz verlieren zu müssen. In der Existenzanalyse werden diese psychodynamischen Mechanismen als reflexartige, automatisch ablaufende Schutz- und Bewältigungsreaktionen bezeichnet. Sie stellen keine Lösung dar, sie laufen oft ab unter Umgehung des Bewußtseins, von Einstellungen und Haltungen.

Diese Reaktionen und Verhaltensweisen können zum Beispiel sein: wir geben uns besonders selbstsicher, wir fangen an, unsere Umgebung zu kontrollieren, wir beginnen zu klammern, an Standpunkten festzuhalten, stets Recht behalten zu wollen, in Wut zu geraten, wenn etwas nicht so gelingt, uns in Erwartungen zu steigern, uns in Schuldzuweisungen zu ergehen etc., um immer auf der kompetenten Seite zu sein. Das Bewußtmachen dieser Verhaltensweisen hilft allein durch eine bessere Selbstkontrolle, zu angemesseneren Verhaltensweisen zu kommen.

In der Prophylaxe und Psychohygiene der Angst ist es wichtig, der Vermeidungstendenz im Verhalten und Denken durch Selbstdistanzierung entgegenzutreten und Ausweichmanöver nicht mitzumachen. Ich muß die Sache zu Ende denken. Denn typisch für die Angst ist, daß alles angedacht und mythisch überhöht wird, so daß die Realität nicht mehr gesehen werden kann. Deshalb kommt es darauf an, auf die Wirklichkeit zu schauen, um trotz der Angst ins Handeln zu kommen, um Sinn zu erleben. Das gelingt nur, wenn die Aufmerksamkeit auf Werte, Beziehungen, Aufgaben etc. gelenkt werden kann und der Mensch offen bleibt für das Leben.

Selbstbestimmung und Sinnfindung

Das zu Beginn genannte individuelle Selbstbestimmungskonzept erfordert ein großes Maß an Kommunikations- und Konfliktfähigkeit. Es bedarf auch kompensatorischer Hilfen, um das vorhandene Selbstwertgefühl zu erhalten und wieder aufzubauen, wenn der Erblindungsprozeß sich negativ ausgewirkt hat. Das heißt, der so betroffene Mensch muß sich aktivieren und wieder ins Handeln kommen, er muß in der Realität bleiben und loslassen lernen. In Freiheit und Eigenverantwortung sollte der Mensch das tun, was ihn anzieht, was ihn erfüllt. Nur das vermag ihm Sinn zu geben, was er ohne Fremdbestimmung gern tut. Die daraus gewonnene Authentizität verschafft ihm die Grundhaltung zum Leben, die seinen Selbstwert fördert und ihm die Begegnungsfähigkeit erhält.

Ein intensiv gelebtes Leben ohne Verletzungen ist nicht möglich, aber ein intensiv gelebtes Leben mit zu bewältigenden Verletzungen durch Sinnerleben, Selbstdistanzierung und Akzeptanz des Andersseins muß das Ziel sein.

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Zuletzt geändert am 22.08.2013 12:28