Die Rückkehr der Nomadin Integration und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen als wechselseitiger Lernprozeß
von Dipl.-Psych. Dr. phil. Eva-Maria Glofke-Schulz

Die Zerpflückung des Traumes (Teil 3) 2. Die Gefahren der Reise: Krisen als Risiko und Chance zugleich

Kehren wir nun zu dem eingangs erzählten Traum zurück und wenden uns der Aufgabe zu, die unsere Nomadin zu bewältigen hat, nämlich der schwierigen inneren Auseinandersetzung mit ihrer Behinderung sowie mit Stigmatisierung und Ausgrenzung. Im folgenden lege ich den Fokus auf die Situation von Menschen, die erst im Laufe ihres Lebens mit einer Behinderung konfrontiert werden. Ich tue dies, weil die psychische Verarbeitung einer angeborenen Behinderung trotz zahlreicher Gemeinsamkeiten ein wenig anders zu betrachten ist. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen der organischen Schädigung mit ihren unmittelbaren Auswirkungen (primären Schädigungsfolgen) einerseits, mittelbaren (und potentiell zum Teil vermeidbaren), z. B. sozialen oder materiellen Auswirkungen andererseits (sekundäre Schädigungsfolgen). Erst durch die Zusammenschau und Differenzierung dieser beiden Aspekte entsteht das, was wir als "Behinderung" bezeichnen. Dies korrespondiert mit der Aussage vieler Betroffener, daß sie weit mehr behindert werden als behindert sind. Manche radikale Denkansätze gehen sogar so weit zu behaupten, ohne soziale Etikettierung mit all ihren sekundären Schädigungsfolgen gäbe es überhaupt keine Behinderung. Diesen extremen Standpunkt, mag er im Rahmen emanzipatorischer Bewegungen noch so legitim sein, unterstütze ich nicht. Es läßt sich nicht verleugnen, daß eine ernsthafte organische Schädigung auch unter gedachten sozialen Idealbedingungen immer noch zu schweren Verlusten und Einschränkungen führen wird, die verarbeitet und gemeistert werden müssen.

Wer im Laufe seines Lebens mit der Diagnose einer lebensverändernden Erkrankung bzw. einer schwerwiegenden körperlichen oder Sinnesbehinderung konfrontiert wird, wird in seinem Identitätserleben und in seinen bisherigen Lebensentwürfen zutiefst erschüttert. Er blickt in eine Zukunft, die sich sehr davon unterscheiden wird, wie er sich vor diesem Schicksalsschlag den Fortgang seines Lebens vorgestellt hatte. Je nachdem, wie viele Lebensbereiche direkt oder indirekt betroffen oder bedroht sind, kann die unvermeidliche Erschütterung zum überwältigenden Trauma werden. Zahllose Fragen, Gefühle von Ungewißheit, Bedrohung und die angstvolle Erwartung zukünftiger Veruste drängen sich auf. Schlimmstenfalls kann die gesamte Identität in ihrer Integrität und Kohärenz gefährdet sein. Neue, die Erkrankung bzw. Behinderung integrierende und dennoch sinngebende und befriedigende Lebensentwürfe erscheinen zu diesem Zeitpunkt meist unvorstellbar.

In dieser Situation taucht die - oft zunächst von der Umwelt an den Betroffenen herangetragene - Forderung auf, die Erkrankung bzw. Behinderung zu akzeptieren. Der Betroffene spürt, daß daran etwas Wahres ist, doch sagt ihm i.d.R. niemand, was "Akzeptanz" bedeutet und wie er dieses hohe Ziel erreichen kann. So findet er sich einer Lebensaufgabe gegenübergestellt, die ihn unter Druck setzt, der er sich aber zunächst kaum gewachsen fühlen dürfte. Indem Akzeptanz, von außen als Anspruch an ihn herangetragen, gern i.S. einseitiger Anpassung und als möglichst reibungsloses Einfügen in das normative System der Gesunden bzw. Nichtbehinderten (miss-)verstanden wird, findet er wenig Freiraum vor, seinen individuellen, autonomen Weg der Verarbeitung und Integration zu finden. Bekommt er dann in den Medien Behinderte vorgeführt, die "es geschafft haben" und geradezu atemberaubende Leistungen vollbringen, mag das dem einen oder der anderen Mut machen. Viele fühlen sich hingegen erst recht demoralisiert und ungenügend. In unserer Kultur tief verankerte Klischees, Vorurteile, Stigmatisierungsprozesse und eine durch harten Konkurrenzkampf geprägte gesellschaftliche Realität tun das ihre dazu, den Bewältigungsprozeß zu erschweren.

Somit dürfte der Weg zur Akzeptanz der Behinderung, zum Wiederfinden sinnvoller Lebensentwürfe und zur (Re-)Konstruktion einer balancierten, kohärenten und selbstbestimmten Identität steinig, voller Widersprüchlichkeiten und nicht frei von Krisen sein. soll er gemeistert werden, braucht es ausreichende innere und äußere (soziale, materielle, kulturelle) Ressourcen, und es ist nicht immer leicht, solche aufzufinden, zu aktivieren oder sich neu zu erobern. Die Bilderwelt unserer Phantasien und Träume ist, wird sie liebevoll beachtet, eine kraftvolle Ressource. Indem Normen sozialer Kontrolle im Traum zumindest teilweise außer Kraft gesetzt sind, sich also unser Unbewußtes innerhalb gewisser Grenzen äußeren Zwängen widersetzen kann, stellt es den sonst so oft unzureichenden Freiraum für die Suche nach einem selbstbestimmten Lebensentwurf zur Verfügung (Lorenzer 2002, Zaretsky 2005, Glofke-Schulz 2007). Ein wunderschönes Bild für die innerseelischen, vielleicht auch die sozialen Kräfte, die sicher durch den dunklen und gefährlichen Dschungel der zu verarbeitenden Behinderung geleiten, erschafft der folgende Traum eines meiner von Erblindung bedrohten Patienten. Diesem Traum verdankt mein letztes Buch seinen Namen:

"Mir träumte: Ich bin in Afrika, irgendwo tief im Busch. Ich kenne mich nicht mehr aus. Vor mir erstreckt sich ein dichter, undurchdringlich und bedrohlich wirkender Dschungel. Ich muß diesen Dschungel durchqueren, um an mein Ziel zu gelangen. Ich habe keine Ahnung, wie ich das schaffen soll, schließlich gibt es dort auch Schlangen und andere gefährliche wilde Tiere. Da tritt eine majestätisch dreinblickende Löwin aus dem Dickicht hervor und kommt auf mich zu. Ich erschrecke sehr, bis ich ihr freundliches Gesicht sehe. Mit einem Nicken ihres gewaltigen Kopfes gibt sie mir zu verstehen, daß ich ihr folgen soll. In diesem Moment weiß ich, daß sie mich sicher durch den Dschungel führen und vor allen Gefahren beschützen wird." (Rainer T., 38 Jahre)

Einer derart kraftvollen Ressource wird auch unsere Nomadin bedürfen, will sie die Gefahren der Reise bestehen: Nicht nur hat sie, was allein schon schlimm genug wäre, ihr Augenlicht verloren. Zu allem Überdruß wird sie von ihrem Stamm, für den nur zählt, wer - und zwar nur innerhalb eines sehr eingeengten Bedeutungshorizonts - nützlich ist, verstoßen. Sie begibt sich auf eine gefahrvolle Reise, deren Ausgang ungewiß ist. Wir müssen davon ausgehen, daß diese Frau zutiefst erschüttert, wahrscheinlich traumatisiert ist. Indem sie einen solchen Weg noch nie gegangen ist, fehlen ihr zunächst die Erfahrung und das Handwerkszeug, die neue Aufgabe erfolgreich zu bewältigen. Will sie die Gefahren bestehen und ihr seelisches Gleichgewicht wiederfinden, muß sie neue Problemlösungsstrategien entwickeln. Instabilität und Schmerz in der Krise bewirken, daß sie für neues Lernen offen wird. Erwirbt sie neue Problemlösungsstrategien, kann sie diese zur Bewältigung späterer Aufgaben heranziehen, hat also ihr Problemlösungsrepertoire sinnvoll erweitert. Außerdem lernt sie - i. S. eines "learning to learn" -, wie sie in sich Ressourcen aktivieren und neue Strategien erarbeiten kann. "Krise" und "Chance" werden im Chinesischen interessanterweise durch das identische Schriftzeichen ausgedrückt (Schuchardt 2003). Auch unsere westliche Psychologie hat verstanden, daß Krisen die wichtigsten Motoren lebenslanger Entwicklung sind. Eine solch positive Sicht kann helfen, auch in schwierigen Lebenslagen Gefühle von Angst und Bedrohung zu mildern und Hoffnung zu nähren.

3. "Was heißt denn hier Akzeptanz?" Die Studienziele und wer sie bestimmt

Natürlich muß unsere Nomadin lernen, im Laufe ihres langen Studiums nach und nach ihre Behinderung anzunehmen und mit ihr zu leben. Wie wir wissen, folgt dieser Lernprozeß bestimmten Regeln und verläuft in einer Aufeinanderfolge von Bewältigungs- bzw. Krisenverarbeitungsphasen, wie sie von unterschiedlichen, jedoch im großen und ganzen recht gut vereinbaren Phasenmodellen beschrieben werden (z.B. Schuchardt 2003). Wir kennen Phasen wie Ungewißheit, Verleugnung, Aggression, Verhandlung, Depression und Trauer, Annahme, Aktivität und Solidarität: Wie oben schon erwähnt, werden die Anzeichen dafür, daß etwas nicht stimmen könnte, zunächst ausgeblendet bzw. so harmlos wie möglich interpretiert. Da ist jemand eben etwas schusselig, und niemand will sofort an beginnenden Alzheimer denken. Da wirft ein anderer auf dem Tisch die Gläser um und ist eben ungeschickt oder beschwipst - eine beginnende Gesichtsfeldeinschränkung mag niemandem in den Sinn kommen. Steht die Diagnose fest, verhalten Betroffene wie Angehörige sich immer noch gemäß dem Vers: "Daraus schloß er messerscharf, daß nicht sein kann, was nicht sein darf." (Nichtwahrhabenwollen). Die beherrschende Macht der Tatsachen macht diesen Abwehrvorgang mit der Zeit jedoch unmöglich. Auf ihrer mühseligen Reise wird unsere Nomadin sich dann wieder und wieder die unbeantwortbare und doch so natürliche Frage stellen: "Warum gerade ich?" Die darin enthaltene Wut kann verschiedenste Formen annehmen. Sie kann sich nach außen ebenso wie in einer Depression nach innen richten. Danach mag versucht werden, das Unausweichliche doch noch abzuwenden (Verhandlung): Man rennt von Arzt zu Arzt, vom Heilpraktiker zum Wunderheiler, unternimmt Wallfahrten etc.. Sind all diese Versuche gescheitert, kommt der Moment, an dem unsere Nomadin sich erschöpft an den Wegrand setzt, sich vielleicht in eine Höhle zurückzieht und weint. Sie ist nun innerlich leer und bereit zu trauern, von ihren bisherigen Lebensentwürfen, Träumen und Hoffnungen Abschied zu nehmen und sich den erlittenen Verlusten zu stellen. Der Blick richtet sich nach innen bis hinunter zu den eigenen Wurzeln und denen ihres Stammes, bis sie eines Tages so weit sein wird, in die Welt zurückzukehren, in ihr aktiv zu werden, sich anderen Menschen erneut und in gewandelter Weise zuzuwenden. Sie muß ihre Energie nun nicht mehr darauf verwenden, gegen ihr Schicksal zu kämpfen. Stattdessen wird sie offen für neue Sinnmöglichkeiten. Sie beginnt zu verstehen, daß sie sich durch veränderte Wert orientierungen leiten lassen und ihre Erkenntnisse in die Welt tragen kann. Sie akzeptiert sich nun nicht mehr trotz, sondern mit, vielleicht sogar gerade wegen ihrer individuellen Eigenart und wird des potentiellen Nutzens für ihren Stamm, der sie einst ausgestoßen hatte, gewahr. Sie fragt sich jetzt weniger, welchen Sinn ihr das Leben bringt als welchen Sinn sie selbst für das Leben hat. Das heißt, sie kann nun über den Tellerrand ihrer eigenen Betroffenheit hinaussehen (Selbsttranszendenz) und sich in die Gemeinschaft einbringen, der sie zumuten wird, sich ihrerseits weiterzuentwickeln. Gefühle von Solidarität geben ihr die Kraft, die Rückreise in ihre Heimat anzutreten. Ihre Rückkehr wird nicht laut und triumphal sein, sondern eher still, bescheiden und zunächst für alle unauffällig, jedoch reich an innerer Stärke und Überzeugungskraft. Nutzt sie die Dinge, die sie auf ihrer Reise und während ihres Studiums erfahren und gelernt hat, wird sie zur Heilerin, zur unentbehrlichen Schamanin ihres Stammes. Damit werden Integration und gesellschaftliche Teilhabe zum wechselseitigen Lernprozeß aller Beteiligten; einseitige Anpassung interessiert sie nicht.

Zwei Differenzierungen sind an dieser Stelle wichtig (vgl. Glofke-Schulz 2007, S. 217 ff.):

1) Häufig werden Betroffene mangelnder Annahme ihrer Behinderung verdächtigt, wenn sie sich aggressiv verhalten, sich zornig zur Wehr setzen. Sie fühlen sich der Erwartung ausgesetzt, sich "angepaßt, pflegeleicht und demütig lächelnd" zu präsentieren. Daher sei in aller Deutlichkeit unterstrichen: "Annahme" i.S. einseitiger Anpassung und als möglichst reibungsloses Einfügen in das normative System der Nichtbehinderten (miß-)zuverstehen, ist nicht der Akzeptanzbegriff, den ich vertrete. Mit "Annahme" meine ich die innere Freiheit, seinen eigenen, selbstbestimmten Weg des Umgangs mit der Behinderung zu finden, Werte zu hinterfragen und an der Entwicklung einer autonomen Wertorientierung und Identität zu arbeiten. "Annahme" bedeutet also nicht, sich widerspruchslos mit sekundären Schädigungsfolgen abzufinden. Vielmehr muß auch die Fähigkeit entwickelt werden, selbstbewußt zum eigenen Sosein stehen, sich für seine Rechte einsetzen und seine Interessen vertreten zu können. Aggression i.S. eines solchen Engagements und des SichWehrens gegen Mißstände ist selbstbewußter Ausdruck von Akzeptanz und nicht eine vorübergehende Phase der Behinderungsverarbeitung.

2) An den Phasenmodellen wird immer wieder Kritik laut, durch die Beschreibung aufeinanderfolgender Phasen werde ein "Happy end à la Hollywood" vorgegaukelt. Ganz berechtigt erscheint mir diese Kritik nicht, betont etwa Schuchardt doch die Unabgeschlossenheit der Phasen und die Möglichkeit des Scheiterns bei unzureichender Prozeßbegleitung. Schuchardt schildert, wie die Phasenfolge immer wieder durchlaufen werden muß, im günstigen Falle allerdings auf jeweils höheren Niveaus kognitiver Differenzierung und affektiver Integration. Sie weist darauf hin, daß die Depression (Spiralphase 5) wie in jedem anderen Leben situativ immer wieder neu ausgelöst, jedoch auf dem Fundament der Annahme als selbstverständlich dazu gehörig verarbeitet werden könne.

Mit meiner Auffassung des Akzeptanzbegriffs gehe ich noch einen Schritt weiter: Akzeptanz kann niemals ganz endgültig, eindeutig oder frei von zeitweiligen Rückschlägen sein. Vielmehr bleibt das Leben mit der Behinderung unvermeidlich voller Spannungen und Widersprüche (Glofke 1990): Nach gelungener Krisen¬verarbeitung fühlen wir uns etwa lebendig und voller Tatendrang, stoßen dann aber hart an die Grenzen, welche die Behinderung oder die soziale Umwelt unserem Aktionsradius setzen. Wir suchen neue Betätigungsfelder, die mit der Behinderung vereinbar sind, und müssen doch immer wieder erleben, wie wir neidisch werden auf Nichtbehinderte, denen Möglichkeiten offenstehen, von denen wir Abschied nehmen mußten oder die wir nie hatten. Als Blinde etwa sind wir mobil und haben gelernt, uns zu orientieren, stoßen uns dann aber in einem unkonzentrierten Augenblick die Nase an einem Türpfosten an. Wir möchten Beziehungen eingehen und müssen erleben, wie unser Behindertsein bei vielen Menschen auf Befremden stößt. Wir fühlen uns als gleichwertige Mitbürger und erfahren stets von neuem Diskriminierungen. Vielleicht haben wir erfolgreich umgeschult, um dann bei der Arbeitsplatzsuche vor verschlossenen Türen zu stehen. Wir glauben, nach mühevoller Arbeit an uns selbst in seelischem Einklang mit unserer Behinderung zu stehen und stellen mit Verwunderung fest, wie wir trotzdem von Zeit zu Zeit in Krisen geraten, heftige, chaotische Gefühle von Wut und Trauer durchleben etc.

Bedeuten solche (scheinbaren?) Ungereimtheiten, daß unsere Akzeptanz unzureichend ist? Oder liegen diese Widersprüchlichkeiten in der Natur der Sache? Hieße gelungene Akzeptanz dann nicht eher zu lernen, mit all dem zu leben in dem Wissen, daß diese Spannungen nicht endgültig aufgelöst werden können?

Nach meiner Erfahrung als Betroffene und als Therapeutin bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß letzteres der Fall ist. Diese Einsicht mag resigniert klingen. Sie hat jedoch in ihrer Ehrlichkeit etwas Entlastendes und Befreiendes, indem sie die Erlaubnis enthält, fühlen zu dürfen, wie man fühlt, ohne sich deshalb mangelnde Annahme der Behinderung vorwerfen zu müssen. Insofern sehe ich in einer solchen Sichtweise Bejahung auf einer tieferen Ebene. So will ich den Akzeptanzbegriff wie folgt formulieren:

Akzeptanz in einem ehrlicheren und bescheideneren, jedoch tieferen und umfassenderen Sinne heißt, nicht nur die Behinderung als solche, sondern auch die wiederkehrenden Krisen und emotionalen Erschütterungen liebevoll anzunehmen als gesunde und normale Reaktionen (Glofke 1990).

"Schattenakzeptanz", also die Annahme eigener Fehler und Schwächen, ist ein hochwirksamer Schutz des Selbstwertgefühls (Kast 2003). Auf dem Boden so verstandener Akzeptanz kann Gelassenheit wachsen. Gelassenheit beinhaltet das Wissen, daß das Leben voller Abgründe ist. Kast (2003) sagt, gelassen sei man dann, wenn man das Selbstvertrauen habe, mit diesen Widrigkeiten umgehen zu können und in diesen Situationen die Selbstachtung nicht zu verlieren. Gelassenheit habe auch damit zu tun, etwas lassen, also auch bleiben lassen zu können und sich selber nicht so furchtbar ernst zu nehmen.

So wird Platz für reifen Humor: Dieser ist nicht aggressiv, hat nicht die Schärfe der Ironie und läßt mitlachen. Aber er ist überraschend, lockert Affekte, verfestigte Haltungen, Einstellungen und starre Denkmuster. Humor schafft inneren Abstand und hilft, sich von übertriebener Selbstbezogenheit zu lösen (Kast 2003).

Ich schlage vor, die Phasen der Krisenverarbeitung weniger in ihrer zeitlichen Abfolge zu betrachten, sondern sie eher als Reaktionsmöglichkeiten zu verstehen, deren jede zu je verschiedenen Zeitpunkten mit unterschiedlich viel psychischer Energie besetzt werden kann (Glofke 1990). Diese Sicht beinhaltet die Möglichkeit, daß verschiedene Reaktionsmuster mit sich verändernden Gewichtungen neben- und miteinander existieren.

Mit zunehmender Krisenerfahrung kann zum Glück die subjektiv empfundene Bedrohung, die von der Krise ausgeht, geringer werden. Das Wissen, frühere Krisen erfolgreich bewältigt zu haben, kann das Vertrauen stärken, auch diesmal wieder einen Weg finden zu können. Dies kann der Angst die Spitze nehmen und dazu beitragen, daß Krisen seltener auftreten, von Mal zu Mal kürzer dauern und weniger heftig ausfallen.

4. Reisen verwandelt den Reisenden Identitätsentwicklung und Wertestruktur

Die Gefahren der Reise sind nun bestanden, die Wüste ist durchquert, die Studienjahre wurden erfolgreich beendet. Ein filmreifes "Happy end" hat es nicht gegeben, auch wenn uns diese Vorstellung beruhigt hätte. Leben heißt ständige Verwandlung, fortgesetzte Arbeit an der Konstruktion und Balancierung der Identität im Spannungsfeld zwischen privatem und sozialem Selbst. Dennoch können wir eine vorläufige Zwischenbilanz ziehen und fragen, als was für ein Mensch unsere Nomadin nun in ihren Stamm zurückkehrt. Wir dürfen erwarten, daß sie sich nun nicht mehr als Opfer ihrer Behinderung und sozialer Stigmatisierung erlebt, sondern als aktiv handelndes Subjekt, als ein Mensch, der Einfluß auf sein Geschick nehmen kann. Gelingende risenverarbeitung trägt dazu bei, sich stärker der eigenen Individualität, aber auch sozialer Verantwortung bewußt zu werden.

Über die Arbeit an der Konstruktion einer kohärenten, integrierten Identität, dem für die psychische Gesundheit so wichtigen inneren Zusammenhang der Selbsterfahrung auch unter den Bedingungen unauflösbarer Spannungen und Widersprüche habe ich an anderer Stelle ausführlich geschrieben (Glofke-Schulz 2003b, 2007). im folgenden richte ich das Augenmerk auf die Weiterentwicklung der Wertestruktur als wesentliches Merkmal gelungener Identitätsentwicklung: Die bewußte Auseinandersetzung mit einer Behinderung kann Anlaß sein, bisher für unumstößlich gehaltene Einstellungen und Werte zu hinterfragen. Eine solche Entwicklung mag zunächst beunruhigen, beraubt sie doch des Schutzes konformer Orientierung. Sie kann aber auch spannend und befreiend sein auf dem Weg zu mehr geistig-seelischer Freiheit. Langfristig kann sie im Rahmen des schon angesprochenen wechselseitigen Lernprozesses zum Wandel der geselschaftlich-kulturellen Wertelandschaft beitragen. Als Menschen mit Behinderung haben wir etwas zu sagen und können helfen, bislang für heilig gehaltene Kühe zu schlachten. Im folgenden seien einige Beispiele genannt:

* Konzentration auf Wesentliches

Indem wir nicht (mehr) alles können wie zuvor, sind wir aufgefordert zu fragen, worauf es uns im Leben wirklich ankommt. Wir lernen, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. So intensivieren wir unser Leben auch in solchen Bereichen, die von der Behinderung nicht betroffen sind, und werden gelassen gegenüber dem, was uns nun nebensächlich geworden ist.

* Wertschätzung des Positiven

Indem für uns nichts mehr selbstverständlich ist, können wir lernen, alles Positive, das wir erreichen oder das uns zuteil wird, um so intensiver wertzuschätzen. So kann jeder neue Tag zum bewußten Vollzug werden.

* "Ich bin glücklich, einfach weil ich lebe."

Eine Behinderung kann uns auffordern, das in unserer Kultur übliche Nützlichkeitsdenken zu hinterfragen und das Leben selbst als Wert zu begreifen. Damit lernen wir, auch das Leben anderer - seien dies Menschen, Tiere oder Pflanzen - zu achten; dies wird Folgen für unseren Umgang mit der Welt haben.

* Entwicklung von Normen der Solidarität und Gegenseitigkeit

Unser zeitweiliges Angewiesensein auf Hilfe kann uns bewegen, Normen der Solidarität und Gegenseitigkeit zu entwickeln, die unserer kälter gewordenen gesellschaftlichen Realität dringend not tun.

* Abschiedlich leben lernen

Setzen wir uns bewußt mit einer Behinderung auseinander, können Leid, Unvollkommenheit und schließlich Aufgeben- und Sterbenmüssen zur durchlebten Selbstverständlichkeit werden. Damit arbeiten wir den angesprochenen "Gotteskomplex" auf, verabschieden uns von illusionären und zerstörerischen Allmachtsphantasien.

* Orientierung am Hier und Jetzt

Verkraften wir die erlittenen und/oder noch zu erwartenden Verluste, können wir lernen, den Augenblick achtsam wahrzunehmen und zu genießen. Diese Fähigkeit (um die die Humanistische Psychologie und der Zen-Buddhismus ringen) können wir als eigenständigen Wert erkennen, denn ein Leben in Konzentration und Achtsamkeit gewinnt eine eigene, außerordentlich intensive Qualität.

* Individuelle Standards entwickeln

Wir leben in einer Kultur, in welcher die Konkurrenz um die beste Leistung oder das teuerste Statussymbol großen Raum einnimmt. Indem wir als Behinderte in diesem Kampf mit hoher Wahrscheinlichkeit zurückbleiben, haben wir die Chance, die Sinnhaftigkeit solcher Normen zu hinterfragen und unsere persönlichen Standards zu entwickeln. Unser Bemühen zählt dann mehr als das Leistungsprodukt, und wir können uns freuen an dem, was uns auf dem Boden unserer individuellen Fähigkeiten möglich ist. Unsere veränderte innere Haltung könnte Nichtbehinderte anregen, über die zerstörerische Kraft von Konkurrenz- und Statuskämpfen nachzudenken.

* Entdeckung der Langsamkeit

Indem ein "Leben auf der Überholspur" uns nicht mehr möglich ist, können wir die eigenen Qualitäten entdecken, die einer Verlangsamung des Tempos, einem mehr an Ruhe und Kontemplation innewohnen. Eine solche Entschleunigung täte auch unseren nichtbehinderten Mitbürgern gut.

* Engagement für die Welt, in der wir leben wollen

In der Auseinandersetzung mit Stigmatisierung können wir uns gesellschaftlicher und politischer Zusammenhänge bewußter werden. Dies kann dazu anregen, Vorstellungen über eine wünschenswerte gesellschaftliche Entwicklung zu entwerfen und sich Gedanken zu machen, wie wir unsere Einsichten in verantwortliches Handeln umsetzen können.

5. Die Rückkehr der Nomadin: Integration und gesellschaftliche Teilhabe als wechselseitiger Lernprozeß

Unsere Nomadin ist nach der Rückkehr in ihre Heimat zur Medizinfrau ihres Stammes geworden. Auch wenn sie nicht mehr wie vor ihrer Erblindung die Herden hüten kann, ist sie auf neue Weise von größtem Nutzen für die Gemeinschaft, die sie einst ausgestoßen hatte. In diesem Essay dürfte deutlich geworden sein, daß die bewußte Auseinandersetzung mit einer Behinderung Entwicklungsprozesse in Gang setzen kann, die weit über den Tellerrand der Behinderungsbewältigung hinausgehen. Werden Behinderte nicht auf "Defizitwesen" reduziert, die man freundlich integrieren kann oder auch nicht, besteht die Chance, daß Menschen mit und ohne Behinderungen in einem wechselseitigen Lernprozeß voneinander profitieren und gemeinsam an der Schaffung einer lebenswerten Wirklichkeit zu arbeiten beginnen.

Ich träume davon,

* daß Menschen mit Behinderungen vor sich selbst und in der Öffentlichkeit zu ihrem Sosein stehen und sich erlauben, verschieden zu sein,

* daß sie zu einem selbstbestimmten, sinnerfüllten Leben finden und nicht einen Großteil ihrer Lebensenergie darauf verschwenden, sich auf den Glauben an medizinischen Fortschritt zu fixieren, der ihre Behinderung eines Tages aus der Welt schaffen soll,

* daß sie sich trauen, für unumstößlich gehaltene Normen in Frage zu stellen und eigene Standards und Werte zu entwickeln,

* daß Menschen mit und ohne Behinderungen in einem komplementären Entwicklungsprozeß (Schuchardt 2003) dahin gelangen, sich gegenseitig zu achten, aufeinander zuzugehen, Vorurteile abzubauen und voneinander zu lernen,

* daß die Integration behinderter Menschen zu einem Einigungsprozeß mit dem Ziel echter Gemeinsamkeit ohne einseitigen Anpassungs- und Konformitätsdruck wird,

* daß Ausgleich und die Verwirklichung von Bürgerrechten an die Stelle von wohltönenden Festreden, von Mitleid, Bevormundung und Ausgrenzung treten,

* daß behinderte Menschen, die selbstbewußt zu ihrer "Schwäche" stehen, dem kollektiven Größenwahn, wie er sich im "Gotteskomplex" manifestiert, einen Spiegel vorhalten und zur Erkenntnis verhelfen, daß Sterblichkeit, Unvollkommenheit, Begrenztheit, Leid und das Eingestehen von Ohnmacht zum Menschsein gehören und als gesund zu integrieren sind,

* daß sich so allmählich ein Verständnis dafür entwickelt, wie zerstörerisch die Beibehaltung des "Gotteskomplexes" für jeden einzelnen, die Kultur und das Überleben unseres Planeten ist,

* daß möglichst viele Menschen den Mut aufbringen, zu träumen und Utopien zu entwickeln bzw. lebendig zu halten, statt sie in vermeintlichem Realismus zu ersticken,

* daß diese Menschen es ertragen, belächelt zu werden, wenn sie in solcher Weise gegen den Strom schwimmen,

* daß verschiedenste gesellschaftliche Gruppen sich mit Respekt und Neugier aufeinander zu bewegen, das Gespräch suchen und gemeinsam an der Entwicklung einer humanen Kultur arbeiten, in der es sich für alle zu leben lohnt,

* daß über all solche komplizierten Probleme und Aufgaben ein gesunder Humor und die Fähigkeit, das Leben auch von der leichteren Seite zu nehmen und zu genießen, niemals verlorengehen.

Wollen wir als behinderte Menschen auf Humanisierung, Entstigmatisierung und Solidarität hinarbeiten, müssen wir uns einmischen, müssen von Objekten der Fürsorge (Betreuung, Therapie, Rehabilitation, Ausgrenzung etc.) zu Subjekten der Veränderung werden. Das dürfte unsere einzige Chance sein, hat sich der Wert anderer Maßnahmen zur Einstellungsänderung und Entstigmatisierung (z.B. Informationskampagnen) als bestenfalls begrenzt, manchmal nutzlos und zuweilen kontraproduktiv erwiesen (Cloerkes 2001, S. 106 ff., S. 158 ff.).

Das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderungen ist eine ebenso schwierige wie wertvolle Herausforderung für alle Beteiligten.

Indem wir als behinderte Menschen viele der Normen Nichtbehinderter nicht erfüllen und im immer härter werdenden Konkurrenzkampf kaum mithalten können, indem wir im sich beschleunigenden Lebenstempo mit hoher Wahrscheinlichkeit zurückbleiben und somit auf das Erarbeiten einer veränderten Wertestruktur besonders angewiesen sind, kommen gerade auf uns wesentliche Aufgaben zu: Nicht nur halten wir her als "Blitzableiter des Mitleids, als Störfaktor des Funktionierens, als Objekt einer guten Tat, als Mittel zum Zweck der Ersatzbefriedigung, vielleicht auch als Seismometer sozialer Befindlichkeiten" (Kebelmann 2005). Indem wir, wie Kebelmann schreibt, "Exoten" und "Zentrum einer schwer zu ertragenden Aufmerksamkeit" bleiben, haben wir auch eine Chance, die wir nicht verschenken sollten: Die Nichtbehinderten durch unser Sosein, unsere Selbstpräsentation und die von uns gelebten Überzeugungen bzw. Werthaltungen (vielleicht) zum Nachdenken zu bringen.

Ich will Mut machen, unbequeme Fragen zu stellen - wortlos durch die Art unseres In-der-Welt-präsent-Seins, aber auch durch unsere aktive Einmischung in den gesellschaftlichen Diskurs. Solch anspruchsvollen Aufgaben können wir ohne Selbstüberforderung gerecht werden, wenn wir es schaffen, uns die Behinderung anzueignen, zu selbstbewußten, selbstbestimmten und eigenwilligen Individuen in geistig-seelischer Freiheit heranzureifen, uns unsere Ecken und Kanten zu erlauben, den Zugang zu unseren inneren und äußeren Ressourcen zu pflegen und uns eine gesunde Portion Humor, innere Ruhe und Gelassenheit zu bewahren. Gelingt das, könnte Behinderung zu einer Art Geschenk werden, wie der im Laufe seines Lebens erblindete argentinische Dichter J. L. Borges schreibt: Die Dinge um uns herum und in unserem Leben seien uns gegeben, um sie umzuformen. Gelange ein Blinder dahin, so zu denken, dann sei er gerettet:

"Es bedarf einer großen Kraft und eines sehr großen Mutes, um zu der Einsicht zu gelangen, daß Blindheit auch ein Instrument sein kann, eines unter den vielen recht fremdartigen Instrumenten, die das Schicksal oder der Zufall uns reichen.“ (Borges 1984, S. 177)

Sollten die Denkanstöße dieses Essays dazu beigetragen haben, solche Entwicklungen anzuregen, hat sich die Mühe gelohnt. Uns allen wünsche ich den Mut, die Lust, Kraft und Phantasie zu träumen und Ziele zu finden, für die es sich einzusetzen lohnt.

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Zuletzt geändert am 22.08.2013 12:31