aus: "campus" - Ausgabe 2 - Juni 2002 (Studentenmagazin der Universität Saarbrücken) Mit vier Sinnen studieren von Annika Spillner

Doktorhut Ein leises Klickern. Gleichzeitig prickelt es fast unmerklich unter den Fingerspitzen, wenn der Cursor auf dem Bildschirm von einer Zeile in die nächste springt. Unbeholfen tasten sich die Hände eines Uneingeweihten von links nach rechts auf der elektronischen Braillezeile, die den Text auf dem Computer-Bildschirm mechanisch in Punktschrift überträgt; in Brailleschrift, benannt nach ihrem französischen Erfinder Louis Braille.

Wenn Ayiba am PC arbeitet, wandern ihre Hände schnell und behutsam über die vielen Plastiknädelchen, die sich unter ihren Fingern zu Worten formieren. Über einen Kopfhörer lässt sie sich den Bildschirminhalt gleichzeitig von einer etwas nasalen Computerstimme vorlesen - in einer Schnelligkeit, die ein ungeübtes Ohr schlicht überfordert. Doch Ayiba springt problemlos von einer Anwendung zur nächsten und erklärt dabei die Besonderheiten dieses PCs. Die 25jährige Ayiba Peters ist eine der beiden blinden Studentinnen, die zurzeit an unserer Universität eingeschrieben sind. Die zweite, Miriam Galan, eine Studentin aus Spanien, verbringt ihren einjährigen Auslandsaufenthalt an der Fachrichtung Angewandte Sprachwissenschaft sowie Übersetzen und Dolmetschen. Zum Seitenanfang

Anders als etwa an der Philipps-Universität Marburg mit ihren knapp 150 sehgeschädigten Studierenden sind blinde Studenten auf unserem Campus eher die Ausnahme. Deshalb war die Uni, als Ayiba zum Wintersemester 2000/01 ihr Jurastudium antrat, noch nicht auf dem aktuellen Stand der Technik ausgerüstet. Seither hat sich jedoch einiges getan. "Prof. Wolfgang Tilgen" - er ist als Vizepräsident für Lehre und Studium auch Vorsitzender des Arbeitskreises für Behinderte an unserer Uni - "hat sofort reagiert", erzählt Ayiba. Die Uni-Leitung hat einen Computerarbeitsplatz eingerichtet, der speziell auf die Bedürfnisse der blinden Studentinnen zugeschnitten ist. Neben Texterkennungsprogramm, Braillezeile und Sprachausgabe verfügt der PC über einen Scanner und einen Blindenschriftdrucker. Mit diesen Hilfsmitteln können Ayiba und Miriam ihren Uni-Alltag bewältigen; Hausarbeiten verfassen, E-Mails schreiben und im Internet surfen. Das mit dem Internet ist allerdings so eine Sache: Was Sehende oft auf den ersten Blick erfassen, spürt ein Blinder auf, indem er sich die Seite Punkt für Punkt über die Sprachausgabe vorlesen lässt. Da ist es sehr hilfreich, wenn eine Homepage auch als reine Textversion vorliegt - nur ist dies leider selten der Fall. Die Seiten sind oft voller Abbildungen und - was noch schlimmer ist - animierter Elemente, die eine Sprachausgabe nicht erkennt. Das macht das Surfen zwar nicht unmöglich, aber doch beschwerlich.

Blick in Hörsaal Zusätzlich zur technischen Ausstattung hat die Uni zwei Hiwi-Stellen bewilligt. Jeweils fünf Wochenstunden Unterstützung für Ayiba und Miriam wurden anfangs veranschlagt, doch: "Die Zeit reichte einfach nicht aus", sagt Ayiba. Inzwischen wurde die Zeit verdoppelt - 10 Stunden pro Hiwi, die nahezu allein vom Scannen geschluckt werden. Die beiden Hiwis Anna und Fabien machen dadurch lesbar, was für Ayiba und Miriam sonst unsichtbar ist. Einzelne Texte und oft komplette Bücher werden eingescannt und - da die Ergebnisse zumeist von Fehlern nur so wimmeln - am PC von Hand nachkorrigiert. Für die angehende Übersetzerin Miriam und die zukünftige Paragraphenspezialistin Ayiba könnten schließlich schon kleinste Verdreher fatale Folgen haben. Zum Seitenanfang

Tücken des Studienalltags

Welcher Student erinnert sich nicht an seine ersten Gehversuche im Unibetrieb? Die Starthilfen von Dozenten und älteren Kommilitonen können noch so gut sein - viele Unklarheiten und Unsicherheiten muss jeder für sich selbst bewältigen lernen. Das gilt auch für blinde Studenten - jedoch mit ganz eigenen Schwierigkeiten. Zuerst mussten sich Ayiba und Miriam auf dem Campus zurechtfinden lernen. Hierfür absolvierten beide ein Mobilitätstraining: Ein Trainer ging mit ihnen die täglichen Wege ab, gab wichtige Orientierungshilfen und begleitete sie auch bei den Fahrten von und zur Uni. In Vorlesungen schreiben viele blinde Studenten auf ihrem Laptop mit. "Mir ist das aber zu stressig", sagt Ayiba und erklärt: "Zum Vortrag des Dozenten, dem man folgen will, und der Mitschrift von dem, was einem wichtig erscheint, kommt gleichzeitig noch die Kontrolle über die Sprachausgabe; die liest mir vor, was ich schreibe, während der Professor vorne natürlich schon weiterspricht." Ayiba nimmt lieber alles mit ihrem Minidisc-Gerät auf. So kann sie sich ganz auf die Vorlesung konzentrieren und zu Hause ihre Notizen machen. Bei manchen Inhalten reicht ihr zwar auch das einmal Gehörte, doch vieles ist zu komplex, als dass sie auf ein Skript verzichten könnte. Ein zeitintensives Unterfangen: "Oft sitze ich mehrere Stunden allein am Skript, und dann habe ich genaugenommen ja noch nichts gelernt." Glücklich ist sie deshalb über die Dozenten, die ihr Disketten mit dem Vorlesungsstoff zur Verfügung stellen und einige Professoren bieten auch im Internet Hintergrund zu den Vorlesungen an.

Für die Klausuren bekommt Ayiba ihre Prüfungsaufgaben ebenfalls auf Diskette und bearbeitet sie auf dem Laptop. Da ihr dafür doppelt so viel Zeit gegeben wird, sitzt sie in einem anderen Raum als ihre Kommilitonen. "Zum Beispiel im Büro von einem Professor", Ayiba lacht: "In den Büchern spicken kann ich ja sowieso nicht." Bei der Literaturrecherche für Hausarbeiten an den langen Bibliotheksregalen vorbeizustreifen und mal durch Zufall ein passendes Buch in die Finger zu bekommen - für einen Blinden unmöglich. Ayiba muss schon sehr genau wissen, welchen Jura-Wälzer sie benötigt. "Die Bibliotheksaufsicht sucht mir netterweise meine Bücher raus. Wenn dort niemand Zeit hat, helfen mir auch schon mal andere Studenten bei der Suche. Aber dazu muss ich natürlich den Titel angeben können - sonst nervt's die Leute schon irgendwann."

Um in die jeweilige Materie einzutauchen, ist ein Vorleser eine wichtige Unterstützung. Zu Beginn ihres Studiums war das für Ayiba ein Problem. "Das Vorlesegeld muss vom Landesamt für Jugend, Soziales und Versorgung bewilligt werden - und das dauert." Insgesamt vergingen vier Monate. Zum Glück stellte sich eine Mitarbeiterin der Abteilung Rechtswissenschaft in der Zeit vor den Prüfungen freiwillig zur Verfügung. "Das war eine große Hilfe für mich. Sie hat mir täglich bis zu anderthalb Stunden vorgelesen. Und schwer beschreibbare Textgrafiken hat sie sogar aufbereitet und abgetippt, so dass die Sprachausgabe sie mir verständlich vorlesen konnte." Ohnehin fanden Ayiba und Miriam von Anfang an in ihren Fachrichtungen große Unterstützung. "Prof. Maximilian Herberger etwa steht mir hier für Fragen im Studium mit Rat und Tat zur Seite", sagt Ayiba. "Und Prof. Johann Haller ist Miriams Ansprechpartner". Zum Seitenanfang

Zuletzt geändert am 04.11.2010 14:13